Frum wälzt Bücher, liest alte Reden von Franklin D. Roosevelt, zieht historische Parallelen zur Achse Rom-Tokio-Berlin. In seinem ersten Entwurf geht es auftragsgemäß nur um den Irak. Aber Condoleezza Rice möchte die Bedrohung Amerikas weiter gefasst sehen - so kommt der Iran dazu. Und schließlich auch Nordkorea. Frum schreibt von der "Axis of Hatred", der "Achse des Hasses". Das klingt seinem Chef Gerson noch zu wenig nach Bush. Denn Bush klingt christlich. Aus "Hatred" wird deshalb "Evil", das "Böse". Am 29. Januar 2002 hält Bush seine Rede zur Lage der Nation. Die "Axis of Evil"-Passage sorgt weltweit für Schlagzeilen. Die Botschaft ist klar - es gibt nur gut und böse. Saddam ist böse, er muss weg.
Das US Central Command, unter dessen Führung die Kriege in Afghanistan und später im Irak geführt werden, ist ein mit Palmen umgebener, weiß getünchter Komplex auf der MacDill Air Force Base im Westen Floridas. Hier laufen die Fäden zusammen für sämtliche Militäreinsätze der USA, von Afrika bis Zentralasien, und so herrscht dort seit dem 11. September Hochbetrieb. Auch Senator Bob Graham besucht Centcom regelmäßig. Graham ist seit 16 Jahren im US-Senat und dort Vorsitzender des Geheimdienstausschusses. Er ist Demokrat, gilt aber als unparteiisch und gewissenhaft, ein allseits geschätzter Patriot mit Rückgrat.
Als sich Graham Anfang Februar nach den Fortschritten bei der Jagd auf Osama bin Laden in Afghanistan erkundigt, bekommt er eine Antwort, die ihn aufhorchen lässt. "Afghanistan?", sagt der Offizier, "wir kümmern uns nicht mehr um Afghanistan." "Wie meinen Sie das?", fragt Graham. "Wir ziehen Personal und Ausrüstung ab und machen uns bereit für den Krieg im Irak", antwortet der Offizier. Graham ist verwirrt. Irak? Krieg? So plötzlich? Was soll das? "Es war für mich der erste Hinweis, dass die Regierung sich frühzeitig für den Irak-Krieg entschieden hat", erinnert er sich.
Graham sitzt vor einer mannshohen US-Flagge in seinem Büro in Floridas Hauptstadt Tallahassee. Er spricht leise und bestimmt, aber aus seinen Worten klingt Entsetzen über das berechnende Vorgehen der Regierung. "Die Entscheidung, es mit Saddam aufzunehmen, war sogar früher gefallen. Die Angriffe am 11. September dienten nur als Vorwand dafür. Und als wir dann dicht davor waren, bin Laden zu fassen, zogen wir unsere Eliteeinheiten plötzlich in den Irak ab. So konnte bin Laden entkommen." Graham nennt ihn "Osama bin Forgotten".
Wie der Senator erst sehr viel später erfährt, hat Rumsfeld eine konkrete militärische Planung für die Invasion schon frühzeitig bei der Centcom in Auftrag gegeben. In Dutzenden Videokonferenzen, Telefonaten und Treffen mit General Tommy Franks bespricht Rumsfeld im Winter Taktik und Truppenstärke. Am 16. Februar, mehr als ein Jahr vor Kriegsbeginn, unterschreibt Präsident Bush eine geheime Direktive, die die Ziele des Krieges festlegt. Vier Wochen später probt General Franks im Centcom den Ernstfall in einer Übung mit dem Codenamen "Prominent Hammer". Sein Plan sieht einen Zweifrontenkrieg von der Türkei und Kuwait aus mit 200 000 bis 250 000 Soldaten vor. Amerika rüstet sich für die Invasion.
Bush platzt in eine Sitzung, die Rice mit drei Senatoren im Westflügel des Weißen Hauses hält. Als der Präsident mitbekommt, dass es um den Irak geht, macht er eine abfällige Handbewegung und sagt: "Fuck Saddam, we?re taking him out." - "Wir werden ihn beseitigen". In diesen sieben Worten bündelt sich das Selbstverständnis, mit dem die US-Regierung in die entscheidende Vorkriegsphase zieht.
Sie steht dabei vor einem fundamentalen Problem: Wie überzeugt man das eigene Volk von der Notwendigkeit eines Präventivschlags? Und die Verbündeten erst? Und die Welt? Saddam mag ein Tyrann und Massenmörder sein, aber ohne eine unmittelbare militärische Bedrohung, ohne eine Verbindung zum Terrornetzwerk al Qaeda ist ein Krieg 10 000 Kilometer entfernt am Persischen Golf nur schwer vermittelbar. Eine Strategie muss her. Ein Bedrohungsszenario.
Vizepräsident Dick Cheney wird nun zur treibenden Kraft der PR-Offensive. Er bereut es zutiefst, dass Saddam nicht schon im ersten Golfkrieg gestürzt wurde. Cheney ist zudem geprägt von einem starken, fast feindseligen Misstrauen gegenüber der CIA, die das Atomwaffenprogramm des Irak Anfang der neunziger Jahre massiv unterschätzte. Er sieht Saddam in Zeiten des Terrors als unberechenbare Gefahr für Amerika und die Welt, und es gibt durchaus Gründe für seine Position. Seit UN-Inspektoren das Zweistromland im Dezember 1998 verließen, gibt es nur noch spärliche Erkenntnisse über Saddams Waffenprogramme. Auch deutsche und französische Geheimdienste warnen eindringlich vor der Gefahr einer nuklearen Aufrüstung im Irak.
Mit ruhiger Stimme und Pokerface verweist der sonst so öffentlichkeitsscheue Vizepräsident nun in Interviews und Reden auf Iraks Massenvernichtungswaffen und darauf, dass sich einer der Attentäter, Mohammed Atta, in Prag mit einem irakischen Diplomaten getroffen habe. Das stellt sich zwar als Falschinformation heraus, Cheney aber wird noch zwei Jahre später darauf beharren. Schon bald bietet sich ihm eine zweite, verheißungsvolle Spur. Über die US-Botschaft in Rom erfährt er von Dokumenten, die den Schmuggel von 500 Tonnen Uran zwischen dem Niger und Irak belegen. Er bittet die CIA um Klärung. Dies könnte der so dringend benötigte Beweis sein, "The Smoking Gun", dass Saddam die USA in naher Zukunft mit Nuklearwaffen bedroht.
Die Tage sind heiß und trocken, wie so oft im Niger, als Joseph Wilson in Niamey, der Hauptstadt des afrikanischen Wüstenstaates eintrifft. Die CIA hat den 52-jährigen Wirtschaftsberater beauftragt, dem Uranverdacht nachzugehen. Keiner ist dafür so geeignet wie Wilson. Er war Botschafter im Irak während des ersten Golfkriegs und hat mehrere Jahre im Niger und anderen afrikanischen Ländern verbracht.
"Fuck Saddam, wir werden ihn beseitigen" US-Präsident George W. Bush