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18. November 2007, 17:33 Uhr

"Es wird etwas passieren"

Neokonservative sehen in Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad einen neuen Hitler© AP

Eine Mehrheit der Amerikaner sieht im Iran die größte Bedrohung des Weltfriedens, weit vor China und Nordkorea. (Auf Platz fünf: die USA.) Befürworter eines Militärschlags sind iranische Exilanten und Anhänger derselben neokonservativen Denkschule, die schon den Irak-Krieg propagierten. James Woolsey, ehemaliger CIA-Chef, warnt, die USA hätten keine andere Wahl, als den Iran zu bombardieren. Der pensionierte Luftwaffen-Generalleutnant Thomas Mc- Inerney sagt voraus, ein Luftangriff werde ein Spaziergang sein, "48 Stunden, 2.500 Zielpunkte, um ihre Atomanlagen in Schutt und Asche zu legen, ihre Luftwaffe, Marine, Abwehrraketen und schließlich ihr Kommando. Dann können sich die Iraner ihr Land zurückholen". Und Norman Podhoretz, Guru der Neocons und außenpolitischer Berater des Präsidentschaftskandidaten Rudy Giuliani, spricht von "Islamofaschismus" und betet für den Krieg Um den Kongress zu überzeugen, schicken die Hardliner ihre wortgewaltigsten Leute ins Rennen. Da referiert dann der Iran-Experte Michael Ledeen vom American Enterprise Institute vor den Abgeordneten. Ledeen ist so etwas wie ein amerikanischer Chefankläger gegen die Mullahs.

"Wenn sich Amerika rührt, bebt die Welt"

Im Interview mit dem stern wird Ledeen schon mal ausfallend und beschwört Alleingänge der USA - "scheiß auf euch Deutsche, wir brauchen euch dabei nicht". Ledeen steht vor den Abgeordneten und sagt: "Der iranische Krieg gegen uns ist 27 Jahre alt, und wir sind aufgerufen zurückzuschlagen." Er spricht von einem Land, dessen Rüstungsausgaben nicht mal ein Prozent der amerikanischen erreichen. Er ruft: "Wenn sich Amerika rührt, bebt die Welt." Nach Ledeen spricht sein Gegenspieler John Hulsman. Der Iran-Experte arbeitete einst für die Heritage-Stiftung, die den Irak-Krieg ebenfalls unterstützte und nach dem 11. September wie viele Think-Tanks willig an einer neuen Weltordnung bastelte, bis sie irgendwann merkten, dass die Welt sich nicht an die Ordnung hielt. Hulsman rät den Abgeordneten inzwischen zur Skepsis und glaubt, Außenministerin Rice und Verteidigungsminister Gates hinter sich zu haben. "Ich habe meine Zweifel an diesen Schnellschüssen und Utopisten. Nichts gegen Demokratisierungsversuche, aber es dauert lange und ist kompliziert, und uns täte etwas mehr Bescheidenheit gut." Hulsman spricht wie ein Realpolitiker. Wie einer aus Old Europe.

Hulsman hat zwei Jahre an einem Plan für den Iran gearbeitet. Inzwischen sei allen Experten klar, dass es nur in enger Abstimmung mit Old Europe gehe, mit Merkel, Brown, Sarkozy. Er wünscht sich eine EU, die jetzt Härte zeigt und Investitionen verweigert, und ein Amerika, das dem Iran Handelsvorteile anbietet. Er wünscht sich Europa etwas mehr als John Wayne und Amerika als Willy Brandt. Dann, so glaubt Hulsman, könnte es auch ohne Russland und China und ohne Gewalt gelingen, die Mullahs in die Knie zu zwingen. Aber macht Angela Merkel da mit? In Washington fragt man sich, ob sie - trotz ihres kooperativen Stils - nicht doch auf die Stimmen aus der deutschen Wirtschaft hört, die kritisieren, Amerika habe "den Bogen überspannt". Im US-Wahlkampf hat der Iran den Irak- Krieg als Thema Nummer eins abgelöst. Schon überbieten sich die Kandidaten der Republikaner in Drohgebärden, sprechen offen über Militärschläge und bezichtigen die Demokraten, "Softies" zu sein. Wie schon bei Bushs Wahlsieg 2004 spielen sie die Terrorkarte. Der derzeit führende Rudy Guiliani verspricht seinen Anhängern gar einen Militärangriff, sollte der Iran in den Besitz von Atomwaffen kommen.

"Es gibt nichts, was der Iran tun kann, um die Bush-Regierung zu besänftigen"

Der Casus Belli müsste nicht mal das Atomprogramm des Iran sein. Hohe Diplomaten und Offiziere in Washington befürchten, dass bei dem derzeitigen Kriegsgetrommel ein kleiner Zwischenfall im Irak zu einer Eskalation führen könnte. Nur acht Kilometer von der iranischen Grenze entfernt errichten die USA gerade ihre Militärbasis "Combat Outpost Shocker" als ein Zeichen der Stärke gegenüber dem Mullah-Regime. Im Kongress beantragte Bush gerade erst 88 Millionen Dollar für die Produktion einer 15.000-Kilo-Bombe, um unterirdische Anlagen wie die in Natanz zerstören zu können. Ein Militäroffizier nennt die Kriegsgefahr einen "schlafenden Hund". "Es gibt nichts, was der Iran tun kann, um die Bush-Regierung zu besänftigen", besänftigen", urteilt der ehemalige UN-Waffeninspektor Scott Ritter. "Denn es geht ihr nicht um den Atomsperrvertrag oder Abrüstung, sondern um Regimewechsel." Zia Atabay dauert das alles zu lang. Er ist einer von 600.000 Exiliranern in Los Angeles. Atabay sitzt im Studio seines Fernsehsenders National Iranian Television (NITV) und bastelt selbst am Umsturz.

Er strahlt über Satellit seine Nachrichtensendungen in den Iran aus und erreicht angeblich 20 Millionen Menschen. Er habe sechs Millionen Dollar seines Privatvermögens in die Revolution investiert, nun will er Resultate sehen. Sein Konzept sieht vor: Selektives Bombardieren von Atomanlagen und Quartieren der Revolutionsgarde, dann stünde das iranische Volk von allein auf. Er ist sich da einig mit seinem Freund Michael Ledeen. Atabay war mal ein iranischer Showstar zur Zeit des Schahs, der Tom Jones von Teheran. Er sieht nicht gerade aus wie Tom Jones, trägt aber dandyhafte Anzüge mit Silberschleifen. Man könnte ihn vernachlässigen als einen der vielen Nostalgiker aus "Therangeles", aber Atabay ist eine Größe unter Iranern. Er lädt Senatoren in seine Sendung ein und Parlamentarier der EU und Lech Walesa. Er sagt, er habe ein Netzwerk von Untergrundzellen und besitze Wissen über Irans atomare Anlagen, doch die CIA wolle nicht auf ihn hören.

Sie werden keine Invasion unterstützen und keine Okkupation dulden

In Los Angeles lebt die größte iranische Diaspora der Welt. Viele flohen nach der islamischen Revolution und ließen sich hier nieder, als Ärzte, Anwälte und Professoren. Sie besitzen 24 TV-Stationen und fünf Radiosender und schicken ihre Losungen per Webcam und Satellit in die Heimat. Sie mögen eine zersplitterte Opposition sein, glauben aber, dass die Jugend sich schon bald erheben wird. Sie sagen, dass sie alles anders machen werden als die Iraker. Sie werden keine Invasion unterstützen und keine Okkupation dulden. Schon jetzt haben sie die Pläne fertig für die Tribunale gegen die Mullahs und für den Ausbau der Infrastruktur. Sie basteln an einer Exilregierung, um mit einer Stimme zu sprechen, um die Revolution jetzt endlich zu erzwingen. So wie in Polen. Lech Walesa. Oder besser noch: Berlin, der Fall der Mauer. Eine friedliche Revolution, ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Damit hatte damals auch keiner gerechnet. Nicht mal die CIA.

Von Jan Christoph Wiechmann
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