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16. März 2007, 15:37 Uhr

"Nehmt mich mit in den Krieg"

Kadija Naite stillt ihre Tochter Miriam. Das Baby muss kräftig saugen, die Mutter hat wenig Milch. Die 35-Jährige wurde bei einem Angriff der Rebellen verletzt, ein Schrapnellsplitter bohrte sich in ihr rechtes Auge© Marcus Bleasdale

Sie kämpften in Darfur wegen der Benachteiligung ihrer Region gegen die Regierung des Sudan. Die schickte die Dschan-dschawid ins Feld. Diese arabischstämmigen Reitermilizen sollten gegen die Rebellen kämpfen, führten bald jedoch ihren eigenen Krieg, plünderten Dörfer und vertrieben ihre afrikanisch-stämmigen Landsleute - aber weiterhin mit offizieller Deckung und Unterstützung. Drei Jahre lang wüteten sie im sudanesischen Darfur. 200 000 Menschen starben, mehr als zwei Millionen wurden vertrieben. 2006 dehnten die Dschandschawid ihre Plünderungszüge aufs Gebiet des Tschad aus.

Auch hier stehen sich jetzt Araber und Afrikaner gegenüber. Man trifft arabische Hirten mit Herden von 500, 800, 1000 Stück Vieh, die ungefragt beteuern, die Tiere gehörten alle ihnen. Und man trifft afrikanische Bauern wie Nasir al-Deif. Nasir ist 26 und war gemeinsam mit seinem Vater und fünf Brüdern bis vor vier Monaten Besitzer von 200 Rindern und 50 Schafen. Mit seiner Frau und den drei Kindern wohnte er in einer strohgedeckten Rundhütte aus Backsteinen im Dorf Garsila.

Heute haust der Hirte vom afrikanischen Stamm der Dajo in einem staubigen Verschlag aus trockenen Hirsezweigen im Flüchtlingslager der Kleinstadt Dogdore nahe der sudanesischen Grenze. Den winzigen Unterschlupf teilen sich 19 Menschen: seine Frau, seine Kinder, zwei Schwägerinnen mit ihren Kindern und seine Mutter. Nasir läuft an einer groben Holzkrücke. Die braucht er, seit ihm eines Morgens vor drei Monaten - er lagerte mit seinen Tieren an einem trockenen Flussbett in der Nähe eines Araberdorfes - ein Mann zu Pferde eine Kugel ins Bein jagte. Es war einer von 50 Reitern, die ihn und die anderen Hirten aus Garsila überfielen. 20 Minuten dauerte der Beutezug im Morgengrauen. Danach lagen sein Vater, ein Bruder, zwei Onkel, ein Neffe und ein Schwager tot am Wadi. Drei andere waren schwer verletzt, die Reiter mit den Tieren über alle Berge.

Doch es war noch nicht genug. Ein paar Wochen später überfiel eine Horde Reiter ihr Dorf. Da lag Nasir noch im Krankenhaus in Dogdore, wo sie ihm die Kugel aus dem Bein geholt hatten. Die Frauen konnten zwar die Kinder und sich selbst in Sicherheit bringen. Von den Vorräten war aber nichts zu retten. Was die Reiter nicht wegtragen konnten, ging in Flammen auf.

Von einem Tag auf den anderen hatte Nasir 19 Menschen zu ernähren. Er lieh sich von einem Freund 18 000 CFA-Franc, etwas mehr als 15 Euro, und kaufte drei Stangen Zigaretten. Damit setzte er sich auf den Markt von Dogdore, um die Päckchen einzeln mit ein bisschen Gewinn zu verkaufen und so Geld für etwas Salz und Getreide zusammenzubekommen. Doch seine ersten Kunden waren betrunkene Rebellen. Sie nahmen seine Ware - ohne zu bezahlen. Sie waren von einem jener Pick-ups gesprungen, die unablässig durch die elenden Dörfer rasen, Soldaten einer dieser Armeen, die kaum noch jemand auseinanderhalten kann, weil auf den Ladeflächen immer die gleichen jungen Kerle mit den gleichen Knarren sitzen und auf die Türen und Kühlerhauben immer dieselben Buchstaben gepinselt sind - wenn auch in variabler Reihenfolge: mal D für Démocratie, U für Unité, F für Front; oder L für Liberation und meist A für Army.

Auf dem Jeep von Mustafas Trupp prangt das Kürzel SLA, Sudan Liberation Army. Als er gegen neun Uhr an der Grenze bei Adré ankommt, ist der Schusswechsel schon vorbei. Die Angreifer aus dem Sudan haben sich nach einem kurzen Überfall gleich wieder zurückgezogen. Mustafa ist enttäuscht. Die Stimmung unter den Kameraden ist trotzdem ausgelassen: Zum Feiern ist ihnen jeder Anlass recht. Stundenlang rasen die Autos mit Gejohle durch die staubigen Straßen von Adré. Später liegen die Kämpfer im Schatten der Toyotas, rauchen Haschisch und saugen Whisky aus kleinen Plastiktütchen. Am Nachmittag brechen sie auf zur Rückfahrt ins Camp. Mustafa sitzt seitlich auf der Ladefläche des Toyota und lässt die Beine lässig baumeln. Der Fahrer rast mit 80 Sachen über die Wüstenpiste. Das Schlagloch sieht er viel zu spät. Als der Geländewagen aus der Spur bricht, verliert Mustafa den Halt. Das Hinterrad erfasst sein rechtes Bein und reißt ihn hinab.

In den ersten Minuten spürt Mustafa den Schmerz noch nicht, nur die Schmach. Er hat den Kampf verpasst und ist dann auch noch betrunken vom Auto gefallen. Dabei hatte er sich doch schon als Held gesehen. Die Gedanken kommen wieder, sie plagen ihn jedes Mal, wenn er aus der Narkose erwacht. Meist sitzt dann Elias Yacoub an seinem Bett. Der 39-Jährige ist einer der Kommandeure der SLA am Ort, abgestellt, sich um die Verletzten zu kümmern. Für Mustafa ist er Vorgesetzter und Pflegevater in einer Person. Er ist es, der dem Jungen jeden Nachmittag eine große Schüssel mit Hirsebrei bringt und manchmal auch ein paar Tomaten. Ihn haben die Ärzte um Erlaubnis gebeten, den Fuß auch gegen Mustafas Willen zu amputieren. Doch auch Elias hat abgelehnt. Aber zur Sicherheit hat er dafür gesorgt, dass Mustafa gleich nach der Einlieferung ins Krankenhaus seine Uniform ablegte - damit kein falscher Eindruck entsteht.

Kindersoldaten? "Nein", sagt Elias, "die gibt es in der SLA nicht. Wir haben zwar ein paar Dutzend Kinder im Lager, aber das sind Kriegswaisen, die wir aufgenommen haben." Und zu Soldaten ausbilden? "Im Gegenteil, wir halten die Kinder von der Front fern. Wir geben ihnen zu essen und Unterricht." Im Schießen? "Wie kommen Sie darauf?" Hier liegt ein verletzter Kämpfer. Er ist 14 Jahre alt. "Kein Kämpfer. Sehen Sie, die Wunde stammt von einem Autounfall." Und warum wird der Fuß nicht amputiert? "Nicht nötig. Das wird schon wieder. Fragen Sie ihn selbst."

"Ja", sagt Mustafa, "das mit dem Fuß ist halb so schlimm. Es geht mir schon viel besser." Dann hält er inne. "Was soll ich denn machen, wenn ich nur noch einen Fuß habe?" Mustafa blickt fragend zu Elias. Der dreht den Kopf weg. Sein Blick geht hinaus auf das Land. Das gleicht mehr und mehr einer apokalyptischen Kulisse. Zusätzlich zu den großen Lagern der Darfur-Flüchtlinge drängen sich in der Halbwüste nun auch noch 130 000 Tschader, Vertriebene im eigenen Land. Wie der Bauer Nasir der Willkür ausgesetzt und auf Hilfslieferungen der UN angewiesen. Außerhalb der Camps ist ein Überleben kaum mehr möglich. Die Gegend ist wie ausgestorben. Felder, auf denen die Ernte verrottet, verkohlte Dörfer, in denen nur noch Mauerreste geblieben sind und Scherben der großen Tonkrüge, in denen die Bewohner ihre Getreidevorräte aufbewahrt hatten.

Elias bleibt die Antwort auf Mustafas Frage schuldig. Das Schweigen des Kommandeurs macht dem Jungen mehr Angst als die Warnungen der Ärzte. Er weiß, dass er bei den Rebellen nur bleiben kann, wenn er wieder auf die Beine kommt, auf zwei Beine. Wenn er als Soldat besteht. So kämpft ein 14 Jahre alter Junge aus dem Sudan, der eigentlich seine Heimat befreien wollte, im Grunde nur noch darum, bei irgendeiner der Gruppen dazuzugehören. Und dafür kämpft er mehr als um sein Leben.

Von Steffen Gassel und Marcus Bleasdale (Fotos)
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