
US-Justizminister Eric Holder (l.) und Wolfgang Schäuble besprachen, ob Deutschland Guantanamo-Gefangene aufnehmen könnte© Alina Novopashina/DPA
Vor allem aber hat es Eric Holder mit einer Kanzlerin zu tun, die sich nicht festlegen will. In so einer angeblich heiklen Angelegenheit schon gar nicht. Es könnte ja erfordern, Position zu beziehen, auch eine unpopuläre. Es könnte ja erfordern, Entschlossenheit zu zeigen. Führungsstärke zu beweisen.
Also muss der Justizminister höflich guten Willen zeigen, ganz wie sein Chef neulich in Europa. Er hört zu, er spricht von den "Fehlern", die Amerika mache, und er fordert nichts. Man wolle keinen Druck auf die Deutschen machen, heißt es in Washington, doch natürlich ist man irritiert über die Zögerlichkeit, das Hinhalten aus dem Kanzleramt. War es nicht so, dass diese Deutschen vor ein paar Jahren noch ziemlich froh waren, den aus Deutschland stammenden Murat Kurnaz noch länger in Guantanamo schmoren zu lassen - auch dann noch, als die USA darum baten, den Mann nach Hause zu schicken? War damals nicht ein gewisser Frank Walter Steinmeier wissender Kanzleramtschef?
Am Abend seines Berlin-Besuches hält der Justizminister eine Rede in der American Academy, dem kleinen Vorposten des guten Amerika draußen am Wannsee. Er liest vom Blatt, es klingt noch ein wenig hölzern. Holder bemüht die Geschichte, die gemeinsamen Werte. Den gemeinsamen Kampf um Berlin, den gemeinsam errungenen Sieg über den Kommunismus - und jetzt ginge es um den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus. "Europa hat Guantanamo nicht eingerichtet", sagt er. "Ich weiß, viele in Europa waren von Anfang an gegen Guantanamo. Doch jetzt sollten wir gemeinsame neue Lösungen finden. Um Guantanamo zu schließen, müssen wir alle Opfer bringen. Und wir alle müssen bereit sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen."
Eric Holder tat, was er tun musste. Er hörte zu, er argumentierte, er appellierte an gemeinsame Verantwortung. Daran, dass Moral und Anstand keine Grenzen kennen. Er setzte den neuen Ton, den Obama-Ton.
Doch sehr bald, in wenigen Wochen schon, sagt Holder, werde er erste Anfragen an die Alliierten zur Aufnahme von Guantanamo-Gefangenen stellen. Auch an die Bundesrepublik? Da lächelt der Justizminister. Diese Frage muss er nicht beantworten. Er sagt, er habe eine Liste. Auf dieser Liste stehen 30 Namen. 30 traurige, tragische Geschichten. Und einige davon werden bald als Anfrage auf dem Tisch der Kanzlerin landen.
Vielleicht könnte sich Angela "Mutlos" Merkel wenigstens in diesem Punkt ein Beispiel an ihrem nassforschen Kollegen Nicolas Sarkozy nehmen. Er erklärte, Frankreich nehme einen Guantanamo-Häftling auf. Das hatte er im Namen der Grande Nation entschieden. Basta.
Manchmal scheint es gar nicht so schwer zu sein mit Führungsstärke.