Es ist elf Uhr in Fairfax, Virginia, über die Lautsprecher ertönen Geigen und Trompeten, die Sonne strahlt, es ist wie eine Ouvertüre zu einem Hollywoodfilm. Und dann, zu knackiger Rockmusik, kommen sie in vier goldfarbenen Jeeps vorgefahren. Erst seit ein paar Tagen ist Palin auf nationaler Wahlkampftour. Doch sie macht ihre Sache gut. Sehr gut. Und immer besser. "Wenn es sie nicht gäbe, hätte man sie erfinden müssen", sagt ein Anhänger und sprüht dabei vor Begeisterung.
Sie spricht gut 15 Minuten, charmant und kämpferisch, kein Stolpern mehr, keine Unsicherheit, manchmal streicht sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn. In den vergangenen Tagen haben die Politstrategen ein paar wichtige Änderungen vorgenommen. Jetzt wird auch Gatte Todd ausführlich vorgestellt. Als Gewerkschafter und Fischer und Ölarbeiter in der Arktis - ein echter Kerl eben. Und anders als noch vor wenigen Tagen propagiert Palin jetzt ihre eigenen Erfolge. "Ich habe das alte System in Alaska, die Lobbyisten und die großen Ölkonzerne ordentlich durchgeschüttelt. So werden wir auch Washington durchschütteln", sagt sie. Behauptet, sie habe den Haushalt in Ordnung gebracht - als ob die gestiegenen Ölpreise und Steuereinnahmen damit nichts zu tun gehabt hätten. "Ich habe den Bürgern Alaskas ihr Geld zurückgegeben. Und was hat Obama gemacht? Er hat Vorlagen für acht Milliarden Dollar Subventionen unterschrieben."
Sie muss noch nicht einmal erwähnen, dass sie gegen die Abtreibung ist und gegen Sexualkundeunterricht in den Schulen, dass sie Waffenbesitz und die Todesstrafe befürwortet. Sarah Palin beherrscht die Codewörter des konservativen Amerika so gut, dass es ohnehin jeder weiß. Sie lacht und sie strahlt und jeder sieht: Sarah Palin genießt das größte Abenteuer ihres Lebens. 20.000 Zuschauer jubeln und skandieren "USA! USA! USA !" und " Go, girl, go!"
Dann spricht sie noch über eine neue Energiepolitik und davon, dass sie eine 40-Milliarden-Dollar-Pipeline verhandelt habe, die Gas aus der Arktis bringen soll. Verschweigt dabei, dass diese Pipeline im Moment nur auf dem Papier existiert, und erst in frühestens zehn Jahren gebaut wird. Sie spricht vom "Sieg unserer Truppen im Irak", den die USA dank der Standfestigkeit McCains errungen hätten. "Er war der einzige, der den Mumm hatte."
Noch so ein Schlüsselwort. "Guts". Mumm, Instinkt, Bauchgefühl. So sollen die Wähler ihre Entscheidung treffen. Nach ihrem Bauchgefühl. "In dieser Wahl geht es nicht um Inhalte" hatte McCains Sprecher gesagt. "Sie mag ja nichts von nuklearer Abschreckung verstehen", so der renommierte Kolumnist Thomas Friedman, "doch sie kann reden. Sie stellt eine intuitive Verbindung zu den Menschen her. Und Menschen wählen nun mal nach ihrem Bauchgefühl."
Nur, wenn die Rede auf die angeblich einseitige Presse kommt, dann rufen 20.000 Zuschauer laut "Buh! Buh! Buh!" Denn die schnüffle ja jetzt in Palins Leben herum, heißt es, und mache sich über die Schwangerschaft ihrer 17-jährigen Tochter lustig. Um solchen angeblichen Angriffen zu begegnen, gründeten McCains Strategen sogar eine so genannte "Einsatzgruppe Wahrheit". Dutzende Republikaner wehren sich da im Namen Palins gegen angebliche Verleumdungen. Ein Zitat schadete Obama dabei sehr: da sprach er über ein "Schwein, das Lippenstift trägt und trotzdem ein Schwein bleibt." Ein alter Ausdruck, auch McCain benutzte ihn, er bedeutet so viel wie "alter Wein in neuen Schläuchen." Aber weil der Lippenstift auf die einzige Frau im Wahlkampf verweise, warf man Obama gleich "abscheulichen Sexismus" vor.
So jung hat man John McCain lange nicht gesehen. Locker, frisch, beinahe aufgekratzt, nach außen ganz der alte McCain. Diese Sarah schafft es, ihn vom Erbe Bushs zu befreien. "Wir werden Wandel nach Washington tragen" ruft McCain an diesem Morgen in Fairfax. "Wir werden die Vetternwirtschaft bekämpfen, auch die in unserer eigenen Partei. Obama ist noch nie gegen seine Partei aufgestanden."
Aggressiv versucht Obama, jetzt John McCain anzugreifen. Will Palins Politik entlarven. "Pseudo-Reformerin" nennt er sie. Noch ist Sarah Palin den ersten Realitätstest schuldig geblieben. Das erste große Interview, die TV-Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten. Wie sachkundig ist sie? Kann sie Schiiten von Sunniten unterscheiden? Wie würde sie mit Russland umgehen? Und wie die Wirtschaft aus der Krise führen, das 500 Milliarden Dollar Defizit bekämpfen? Obama wiederholt, wieder und wieder, dass es jetzt um Inhalte gehe, um Kompetenz. Dass McCain der eigentliche Gegner sei. Und dass es um echten Wandel gehe. Er will sein Momentum zurückgewinnen - aber manchmal scheint es, als ob das Wort "Zukunft" gerade zu den Republikanern abwandert.
Nach 30 Minuten ist an diesem Morgen in Fairfax alles vorbei. "Helft, Wähler zu werben", ruft McCain noch, sein Wunsch geht im Jubel unter. Die Menschen haben auch so verstanden. Auf dem Nachhauseweg nehmen sie Poster mit, die man im Vorgarten aufstellen kann. Es sind viele Poster, sehr viele Poster. Sie sind nach kurzer Zeit vergriffen.