McCain hatte keine Alternative. "Ohne sie wirst Du verlieren", hatte ihm einer seiner Berater gesagt, "mit ihr hättest Du vielleicht noch eine Chance."
Es war eine durch und durch zynische Entscheidung - doch dieses Mal scheinen die Wähler das Manöver zu durchschauen. Waren anfangs auch vor allem männliche Wechselwähler von Sarah - "ne heiße Maus fürs Weiße Haus" - begeistert, kühlte der Enthusiasmus mit jedem Tag mehr ab, an dem die Aktienkurse tiefer fielen. Auch ihre Bemerkung, es gebe "pro- und anti-amerikanische Gegenden in Amerika" kam nicht wirklich gut an. Schließlich glauben alle Amerikaner, dass sie pro-amerikanisch sind.
Und jetzt auch noch das: Während sich die Nation um Renten und Arbeitsplätze sorgt, kam heraus, dass die Republikanische Partei sage und schreibe 150.000 - einhundertfünfzigtausend - Dollar Spendengelder ins Erscheinungsbild der "Eishockey-Mama" aus dem eisigen Alaska investiert hatte: Mehr als 125.000 Dollar zahlte man allein für ihre Kleidung, unter anderem aus dem Luxusladen Sachs 5th Avenue in New York. Dazu einige Zehntausend fürs fernsehfeste Make-up und die tägliche Coiffure. Fesche rote Lederjacke, schicke Schuhe, schwarze Kostüme für allerlei Auftritte. Auch der schneemobilfahrende Gatte Todd und die Kinder wurden ausgestattet. Unfaire Kritik an einer Frau, die ununterbrochen unter TV-Beobachtung steht? "Hätte man das nicht gemacht, dann würde man sie wahrscheinlich als jemanden parodieren, der sich in Elchfell kleidet", versuchte ein republikanischer Berater schwach zu rechtfertigen. Am Ende des Wahlkampfes werde man die Kleider spenden, hieß es offiziell.
Aber hatten nicht diese Republikaner Barack Obama und seine Gattin Michelle als "elitär" beschimpft, als reiche Harvard-Schnösel, die auf das Volk herabsehen? Jetzt erinnert man sich genüsslich an einen Fernsehauftritt von Michelle Obama vor ein paar Monaten. Da saß sie im schicken Kleidchen, schwarz-weiß geblümt. Sofort kam heraus: Es war übers Internet gekauft. Für 148 Dollar.
Also bleibt John McCain nur noch die Schlammschlacht. Go negative. Diskreditiere Deinen Gegner. Auch wenn es sich dabei um satte Lügen handelt.
Es sind die gleichen Methoden, die John McCain selbst leidvoll erfahren musste. Vor acht Jahren, als die Kampfmaschine von George W. Bush ihn mit einer Dreckskampagne so diskreditierte, dass er die Vorwahlen verlor. "Niederträchtig" nannte er die Methoden, die er jetzt selbst anwendet. Obskure Organisationen, die den Republikanern nahestehen, lassen jetzt Hunderttausende so genannter "Robocalls" schalten: automatisierte Telefonanrufe, in denen der Gegner miesgemacht wird, oft mit platten Lügen. Barack Obama - ein Mann der eng mit einem Terroristen und Bombenleger zusammengearbeitet habe. Ein Sozialist, der "Hollywood über Amerika stellt." Einer, der jahrelang mit der Bürgergruppe Acorn gekungelt habe, der jetzt Betrug bei Wählerregistrierungen vorgeworfen wird.
Und Anfang der Woche genehmigte McCain gar höchstpersönlich ein Flugblatt, das in den umkämpften Bundesstaaten Missouri und Virginia verteilt werden soll. Auf der einen Seite: Ein Flugzeug, das in ein Gebäude fliegt. Text: "Terroristen ist es egal, wen sie treffen." Auf der Rückseite: "Barack Obama glaubt, man brauche mit Terroristen nur nett zu reden." Er sei "stolz" auf dieses Flugblatt, sagte McCain. Dabei weiß, jeder, der ihn kennt - auch das ist eine Lüge.
Je negativer McCains Wahlkampf wird, desto mehr wird Obama zum Kandidaten mit Heiligenschein. Zwar schaltet auch er ordentliche Negativ-Werbung - 34 Prozent seiner Werbespots nämlich. Zwar nimmt auch er es mit der Wahrheit nicht immer genau. Etwa, wenn er John McCain mit Bush einfach gleichsetzt. Doch meistens bleibt seine Botschaften sachlich, auf ein einziges Thema konzentriert: Die Wirtschaft. "Heute fragen sich die Menschen doch schon gar nicht mehr, ob es ihnen besser geht als vor vier Jahren" sagt er. "Heute fragen sie sich, ob es ihnen besser geht als vor vier Wochen."
Jetzt unterbricht er seinen Wahlkampf für zwei Tage, um seine schwer kranke Großmutter Madelyn Dunham, 86, auf Hawaii zu besuchen. Ein rührender, ein privater Moment, niemand unterstellt Kalkül. "Es war mein größter Fehler, dass ich nicht da war, als meine Mutter starb", hatte Obama einmal gesagt. Sie starb vor 13 Jahren im Alter von 52 Jahren an Krebs. "Es ging so schnell, dass ich nicht mehr rechtzeitig kam."
Seine Großmutter hatte ihn faktisch großgezogen, ihm das Regelwerk des Lebens beigebracht. "Sie brachte mir harte Arbeit bei", sagt Obama. "Sie gab alles, was sie hatte, für mich." Er lässt sich nichts anmerken, überhört hartnäckig Wählerfragen nach ihrer Gesundheit. Er besucht sie, allein, und er weiß, vielleicht ist es das letzte Mal. Ganz gleich, wie diese Wahl ausgeht, ob er nun gewinnt oder nicht: Madelyn Dunham darf sehr stolz sein auf ihren Enkel.
Und John McCain? Immer wieder sagt er, der "glückliche Krieger", er verliere lieber eine Wahl, als dass er seine Prinzipien verrate. Man müsste es ihm, um seiner selbst willen, fast wünschen.