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Straßenkampf an der Wall Street

Es waren weniger Menschen als erwartet, die "Occupy Wall Street" bei der Blockade der Börse unterstützten. Doch die Stimmung war aggressiv wie nie zuvor. Es kam zu brutalen Szenen. Die Polizei nahm 250 Demonstranten fest.

Von Ann-Charlott Karsten, New York

Es liegt Spannung in der Luft. "Occupy Wall Street" macht ernst und will die Börse blockieren. Zu Hunderten sind die Kritiker an die Südspitze Manhattans gekommen und haben sich auf die umliegenden Straßenecken der kleinen Wall Street verteilt. "Die Bewegung ist so stark wie noch nie. Wir werden ganz New York City mit unseren Körpern, Stimmen und Ideen besetzen", schreiben die Demonstranten auf ihrer offiziellen Seite. Es kommt zu brutalen Szenen und zu Festnahmen. Doch sie lassen sich nicht vertreiben. Auf den Tag genau ist es zwei Monate her, seitdem sie im Zuccotti Park im Finanzdistrikt ihr Lager aufgebaut haben.

Doch eigentlich hatten sie zur Aktion an der Börse mehr Menschen erwartet. Die Polizei dagegen ist präsent wie nie zuvor. Es ist wie am Flughafen. Wer sich nicht ausweisen kann, wird zurückgewiesen und muss einen anderen Weg gehen. Passanten drängeln sich auf den Gehwegen, Straßensperren erschweren das Überqueren. "Es muss doch irgendwie möglich sein, dass ich zur Arbeit komme", beklagt sich eine Frau. Verzweifelt schaut sie in das Gesicht eines Polizisten. Er dreht seinen Kopf in eine andere Richtung, hat keine Lust auf Diskussionen.

Demonstranten scheitern mit Börsen-Blockade

"Dies ist eine tolle Gelegenheit, unsere Straßen zurückzugewinnen, besonders nach der Räumung", sagt die 27-jährige Rachel Falcone. "Wir müssen zeigen, dass wir überall sein können, dass es über eine einzelne Nachbarschaft hinausgeht, dass es sich wirklich um eine Idee handelt." In der Nacht zu Mittwoch ließ Bürgermeister Michael Bloomberg den von den Demonstranten getauften "Liberty Square" in der Nähe der Börse räumen. Um ein Uhr nachts wurden die Zelte und Matratzen zusammengetragen und abtransportiert. Mit Hochdruckreinigern wurde der Platz bearbeitet und war tagsüber gesperrt. Die Demonstranten durften zwar zurückkehren, allerdings ohne ihre Schlafsäcke und Zelte.

Jetzt erst recht, so ihr trotziges Motto. Immer wieder kommt es an der Wall Street am Donnerstag zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten, die in Rangeleien ausarten. Kameramänner und Fotografen stürzen sich auf solche Szenen, strecken ihre Apparate in die Luft, machen Beweisfotos. Jeder gegen jeden. Kleinere und größere Menschenansammlungen werden von Beamten aufgelöst. Wer stehen bleibt, wird in kleinen Gruppen mit Bauzäunen zusammengehalten. "Wie soll ich mich von euch Polizisten noch beschützt fühlen, wenn ich schon mehrmals brutal auf den Boden gedrückt wurde?", schreit ein Demonstrant aus der Menschenmenge heraus.

Marsch über Brooklyn Bridge bleibt friedlich

Polizisten drängen Passanten auf den Gehwegen. Eine junge Frau beschwert sich. Sie möchte nicht angefasst und gedrückt werden. Die Diskussion artet aus. Fünf Polizisten fühlen sich offensichtlich angegriffen, drücken sie brutal auf den Boden und halten die Hände der Frau in Handschellen auf dem Rücken zusammen. Zwei Polizisten werden aus der Menschenmasse rausgezogen und lassen sich von ihren Kollegen die Augen auswaschen. Ob Tränengas oder Pfefferspray im Spiel waren, wird nicht kommentiert.

Schließlich sind es 250 Menschen, die von der Polizei festgenommen werden. Sieben Polizisten werden verletzt, bilanziert Polizeichef Ray Kelly, fünf von ihnen sei eine "Flüssigkeit ins Gesicht" gespritzt worden. Nach den Ausschreitungen an der Börse ziehen die Massen über die Brooklyn Bridge bis zum Foley Platz im Süden Manhattans. Es bleibt friedlich. Anfang Oktober hatte die Polizei bei einem "Occupy"-Marsch über die Brücke mehr als 700 Menschen festgenommen.

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