
Noch als 72-Jähriger steigt der passionierte Schwimmer Mao 1966 in den Jangtse© Picture-Alliance
Mao nimmt all das in Kauf. "Es kann gut sein, dass die Hälfte Chinas sterben muss", sagt er im November 1958. Später lässt er anweisen, die Gräber auf Feldern anzulegen. "Die Toten sind nützlich. Sie können den Boden düngen." Und selbst in den schlimmsten Jahren dieser selbst gemachten Katastrophe lehnt er nicht nur ausländische Hilfe ab, sondern exportiert sogar Lebensmittel; allein 1958 und 1959 sind es sieben Millionen Tonnen, darunter auch Tausende Tonnen Soja in die DDR. Als der Weltmacht-Wahn im Jahre 1962 schließlich endet, hat er 30 Millionen Menschen das Leben gekostet.
Doch Maos Herrschaft ist inzwischen so unantastbar, dass selbst das Desaster des "Großen Sprungs" an ihm abperlt. Immer seltener tritt er in der Öffentlichkeit auf. Selbst die innere Führung bekommt ihn außerhalb von Sitzungen kaum zu Gesicht. Saufgelage im Zentralkomitee, wie sie Stalin pflegte, sind Mao fremd.
Genauso wenig zeigt er Interesse an goldenen Wasserhähnen (anstatt zu duschen, lässt er sich ohnehin lieber mit einem heißen Handtuch abreiben). Frei von Doppelmoral ist Mao aber keineswegs. Der Arbeiterführer schätzt gutes Essen. Ein Bauernhof produziert eigens für ihn eine besonders bekömmliche Sorte Reis, seinen Lieblingsfisch lässt er aus 1000 Kilometer Entfernung lebendig im Plastikbeutel heranbringen. Damit das Essen nicht kalt wird, müssen es seine Diener im Laufschritt servieren. Und droht einfachen Chinesen bei außerehelichem Sex das Arbeitslager, so vergnügt sich der KP-Chef gern mit mehreren Gespielinnen im Bett.
Mitte der 60er Jahre hat sich China von den schlimmsten Folgen des "Großen Sprungs" erholt. Doch das Land kommt nicht zur Ruhe. Ist nicht die "immerwährende Revolution" Daseinsgrundlage des Systems? Und sind nicht unter den mittlerweile 17 Millionen KP-Mitgliedern auch Hunderttausende Opportunisten, die es auszusondern gilt? Im Frühjahr 1966 lässt Mao eine neue Revolutionsgruppe im Zentralkomitee einrichten. Es ist der Auftakt zur sogenannten Kulturrevolution.
Unter Studenten im Westen noch in den 70er Jahren bejubelt, ist die Kulturrevolution nichts anderes als eine gigantische Säuberung der Partei und des Landes. Es beginnt damit, dass Mao radikale Studenten der Pekinger Universität gewähren lässt, als sie "kapitalistische" Parteikader zur Rechenschaft ziehen wollen. Kurz darauf fordert er die gesamte Jugend auf, gegen Konterrevolutionäre vorzugehen. Binnen Tagen eskaliert die Gewalt.
"Rote Garden" aus Schülern und Studenten brechen in Häuser ein und zerstören alles, was an bourgeoise Kultur erinnert: Bücher, Gemälde, Musikinstrumente. Sie verhöhnen Schriftsteller, zwingen Parteifunktionäre zu öffentlichen Selbstbezichtigungen, schlagen ihre Lehrer mit Gürteln und Stöcken zu Tode. All das mit Segen von oben. Als Mao am 18. August 1966 auf dem Tiananmenplatz eine Parade abnimmt, darf ihm eine Schülerin die rote Armbinde überstreifen - sie hatte zuvor mit anderen die Rektorin ihrer Schule getötet. Als Mao sie fragt, wie sie heißt, sagt sie: "Song Bin-bin." Mao sagt: "Bin heißt sanft." Dann fügt er hinzu: "Sei gewalttätig!" Das Mädchen ändert daraufhin seinen Namen in "Sei gewalttätig".
Es ist, als rase eine Welle von Gewalt durchs Land. Schüler müssen nicht mehr zum Unterricht, Zugfahrten und Essen sind für sie kostenlos. Sie tragen den Terror in alle Winkel. Scheren Menschen auf offener Straße zu lange Haare ab, schwenken rote Büchlein mit Mao-Sprüchen, kehren an Kreuzungen die Farben der Ampeln um: Rot soll nicht mehr Stopp bedeuten, sondern Gehen. Mao wird stilisiert als einziger Gralshüter der wahren Lehre. Allerorten hängen seine Porträts, ständig gibt es endlose Lesungen aus seinen Werken, sogar die Genesung von Blinden und Lahmen wird nun seinen Worten zugeschrieben.
Treibende Kraft ist neben Mao seine ebenso skrupellose Frau Jiang Qing. Die Roten Garden sind ihnen willige Werkzeuge für die Säuberungen. Millionen werden in Umerziehungslager aufs Land geschickt. Erst als Einheiten der Armee beginnen, sich untereinander zu bekämpfen, löst Mao schließlich im Juli 1968 die Roten Garden auf und schickt die Jugend zur Feldarbeit - ein Ende der Säuberungen aber bedeutet das nicht: Bis zu Maos Tod werden noch mindestens drei Millionen Menschen dadurch sterben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009