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16. Oktober 2004, 10:00 Uhr

Flucht ins Feuer

Hatifah hält ihre Schwester Fathunah. Die ist so schwer verbrannt, dass sie keine Schmerzen mehr spürt© Stephanie Sinclair

Afghanistans Frauen sind dazu erzogen, Opfer zu sein. Sie suchen keine Hilfe, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Hilfe für sie geben könnte. Die Direktorin der Schule, in der Hatifah arbeitet und Fatunah gearbeitet hat, will nicht mehr stillhalten. "Es ist Zeit, dass wir aufhören zu leiden", sagt sie. "Es ist Zeit, dass wir aufhören, uns Sorgen um unseren Ruf zu machen, und anfangen, uns um die Menschen zu kümmern. Um uns." Fast klingt es, als rede sie speziell für Hatifah, die neben ihr sitzt, den Kopf gesenkt. "Wir sollten ungehorsam sein, wir sollten in diese Frauenhäuser gehen und unsere Rechte einklagen, auf Scheidung, auf körperliche Unversehrtheit, auf Polizeischutz." Hatifah schweigt. Später, als die Direktorin nicht mehr da ist, sagt sie: "Ich kann nicht. Ich habe Angst."

Niemand weiß, wie viele Frauen an ihrer Verzweiflung sterben. Es ist anzunehmen, dass die meisten es noch nicht einmal bis zu einem Krankenhaus schaffen. Die Schwerstverbrannten-Station im Herater Krankenhaus ist die einzige für fünf Millionen Menschen in den vier Ostprovinzen Afghanistans. Tatsächlich ist sie das Ende eines Flures, abgeteilt durch ein großes Wolltuch. Elf verbogene Stahlbetten stehen hier, Kopfende an Fußende. Die Blutlachen auf dem Steinfußboden sind verschwunden, wie auch der unerträgliche Gestank, der die Besucher noch würgte, als Fariba hier das erste Mal eingeliefert wurde. Der Schwerstverbrannten-Flur mit seinen abgenutzten Fliesen und den Sprüngen im Glas ist nicht mehr der Vorhof zur Hölle.

Die Veränderungen begannen, nachdem Dr. Azizi aus Frankreich zurückgekehrt war. Dort lernte er bei Spezialisten der Schwerstverbrannten-Chirurgie in Lyon und Marseille. Vermittelt wurde der Besuch von der Hilfsorganisation HumaniTerra, die auch die Pfleger in Herat ausbilden lässt. Die Neuerungen sind einfach und effektiv. Die Patientinnen werden jetzt nicht mehr in einem gemeinsamen Baderaum mit Leitungswasser gewaschen, sondern einzeln mit rostroter Antiseptikum-Tinktur in den Betten. Jede bekommt ein eigenes Laken. Infektionen gibt es seitdem kaum noch.

Fariba sieht die neuen Verbände nun zum ersten Mal. Sie sind imprägniert und kleben nicht an der verletzlichen Haut. Nie wieder wird sie Qualen durchleiden müssen wie durch die alten Bandagen, die ihr gerade entfernt wurden. Sie kann es gar nicht fassen. Mit spitzen Fingern zupft sie vorsichtig an den Binden, nur zum Ausprobieren. Es tut kaum weh.

Vier Monate hatten ihre Eltern gezögert, bis sie Fariba wieder ins Krankenhaus brachten. Der Vater hatte die Ernte einzuholen, ihre Mutter kümmerte sich um die vier jüngeren Söhne, die jedes Mal weinten, wenn sie mit Fariba in die Klinik gehen wollte. Außerdem war kein Geld da.

Jetzt will Dr. Azizi Haut transplantieren an Faribas Armen, Rücken und Brust. Die Narben haben das linke Knie steif werden lassen, Fariba kann es nicht mehr strecken. Sie kann auch ihre Oberarme nicht mehr heben, weil die neue Haut unter den Achseln am Oberkörper festgewachsen ist. Auch das will Dr. Azizi operieren. In den Nebenbetten zeigt eine Physiotherapeutin von der Hilfsorganisation Handicap International einer Patientin, wie man Finger wieder biegt und Beine beugt. Solche Übungen hat Fariba nie gelernt. Dafür ist es jetzt zu spät. Ihre Arme sind verkümmert, die Unterlippe ist am Kinn festgewachsen. Auf einem verkrüppelten Bein humpelt sie gekrümmt wie eine alte Frau. Sie hört das Mädchen im Nebenbett lachen, als die Physiotherapeutin ihr verspricht, dass sie bald wieder hüpfen kann. Fariba dreht sich weg.

"Wenn ich gewusst hätte, was Verbrennen wirklich bedeutet, ich hätte es nie getan", sagt sie. Fariba wollte eigentlich nur der Wut des Vaters entgehen. Jedes Mädchen kann Geschichten erzählen von Schlägen, von Hausarrest bis zur Heirat, von Schulverbot. Um die Ehre zu retten, opfern Familien ihre Kinder.

Faribas Vater erträgt den Anblick der Tochter kaum. Er ist ein hoch gewachsener Mann mit einem imposanten Bart und wachen Augen. Über seine Schulter hat er ein Wolltuch geworfen, auf dem Kopf trägt er den weißen Turban, die Tracht der Paschtunen, des größten Volksstammes in Afghanistan. Für die Paschtunen gelten Ehre und Stolz mehr als das Leben.

Leise bespricht sich der Vater mit seiner Frau. Sollen sie den Operationen zustimmen? Wer kümmert sich in der Zeit um die Söhne? Wie sollen sie alles bezahlen? Als Taxifahrer verdient er keine 30 Dollar im Monat. Wenn er seine Tochter ansieht, lächelt er. Wie hart hätte er sie bestraft? Der Vater beantwortet solche Fragen nicht. Für ihn hat seine Tochter am offenen Herd Feuer gefangen - zu groß wäre die Schande, würde er zugeben, was wirklich passiert ist.

Fariba wartet auf die erste Hauttransplantation. Ihr Vater ist nicht glücklich, dass er seine Tochter zurücklassen muss, ohne Familie, die auf sie aufpassen kann. Die Eltern wissen noch nicht, ob sie ihre Tochter wirklich für vier weitere Operationen ins Krankenhaus bringen wollen. Fariba fragen sie dazu nicht. Ihr Gesicht bleibt unbeweglich, die Narben haben es zu einer Maske erstarren lassen. Sie sitzt auf ihrer Plastikmatratze, den Rücken gegen die Wand gelehnt, weil er so schmerzt, und schaut. Schaut stundenlang auf den Boden, aus dem Fenster, wieder auf den Boden. Was wünscht sie sich? "Nichts für mich. Nur, dass ich meiner Familie die Hilfe zurückgeben kann, die sie mir gewährt hat." Fariba geht nicht mehr zur Schule. Sie wird nie wieder allein in den Park gehen können. Das Abenteuer ihres Lebens ist beendet, und Fariba, gerade 16, ergibt sich ihrem Schicksal. Das ist das Schlimmste.

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Stiftung stern Wenn Sie den Frauen im Krankenhaus von Herat helfen wollen:
Deutsche Bank, BLZ 200 700 00,
Kontonummer 469 95 00,
Stichwort "Herat"

Cornelia Fuchs
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