Es ist neun Monate her, da stand US-Präsident George W. Bush unter der gläsernen Kuppel im Berliner Reichstag und beschwor in einer leidenschaftlichen Rede die deutsch-amerikanische Freundschaft: "Ich hatte das Vergnügen, Ihren Bundeskanzler bereits dreimal in Washington zu begrüßen, und wir haben enge Beziehungen aufgebaut. Herr Bundeskanzler, ich bin Ihnen dankbar", erklärte er am 23. Mai 2002 unter dem Beifall der Abgeordneten, und ein bewegter Kanzler schaute zufrieden. Heute sind zumindest die offiziellen Beziehungen zwischen Berlin und Washington so schlecht wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Nur noch zehn Prozent der Deutschen halten das deutsch-amerikanische Verhältnis für gut - und 41 Prozent erwarten auch dauerhaft keine Besserung.
Wie konnte innerhalb weniger Monate eine über 50 Jahre gewachsene Freundschaft so beschädigt werden? "Angefangen hat es mit einem Streit zwischen zwei Menschen, die glauben, dass sie Staatsmänner sind", sagt Fritz Stern, emeritierter Professor für Geschichte an der Columbia-Universität in New York. Zwei Politiker, die in ihren Ansichten kaum unterschiedlicher sein könnten und doch einiges gemeinsam haben.
Schröder und Bush kamen beide aus der Provinz an die Macht, ohne große außenpolitische Erfahrungen. Bush hatte in den ersten 55 Jahren seines Lebens angeblich nur einmal den amerikanischen Kontinent verlassen, um seinen Vater, damals US-Vertreter in China, zu besuchen und sich "einmal die Chinesinnen näher anzuschauen", wie er einem Freund später verriet. Der Rest der Welt? Egal. Gerhard Schröder wiederum kannte, bevor er Kanzler wurde, die Welt außerhalb Europas vor allem aus dem Fernsehen und von Dienstreisen.
Nun machen beide Außenpolitik, als sei es eine andere Form der Innenpolitik; erfüllt vom Glauben an eine Aufgabe, die es ihnen nicht erlaubt, Kompromisse zu suchen. "Bush sieht sich in einer historischen Mission, er will im Auftrag Gottes das Böse auf der Welt bekämpfen", glaubt Jackson Janes, Direktor des American Institute for Contemporary German Studies in Washington. "Er kann es dem Kanzler nicht verzeihen, dass er sich ihm dabei in den Weg stellt." Schröder wiederum meint, er müsse verhindern, dass auf dieser Welt nur eine Supermacht den Lauf der Dinge bestimmt.
"Präsident Bush hat die Angriffe von Schröder im Wahlkampf auf seine Irakpolitik sehr persönlich genommen", sagt Professor Stephen Szabo von einem Institut der Johns-Hopkins-Universität in Washington. "Er ist ein außenpolitischer Amateur, der sich die Welt durch persönliche Begegnungen erschließt. Er nennt Putin seinen Freund Wladimir, weil er ihm bei der ersten Begegnung in die Augen geschaut und dabei angeblich seine Seele entdeckt hat."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2003