Vielleicht war es Ausdruck der unglaublichen Weltoffenheit des jungen Dalai Lama, vielleicht waren es die Zwänge der Realität: Im März 1963 setzte er im Exil eine neue Verfassung für Tibet durch, mit der Klausel, dass die Nationalversammlung mit einer Zweidrittelmehrheit den Dalai Lama des Regierungsamtes entheben konnte. Als sich die Exil-Tibeter dagegen wehrten, dass ihr Gott abgesetzt werden kann, befahl der es schlicht: Demokratie. Im Alltag ging er den Weg in kleinen Schritten. Er hielt wöchentlich öffentliche Gebete, richtete Besucher auf, die sich wie einst vor ihm niederwarfen. Noch nie war ein Dalai Lama den Menschen so nah. Reformen, predigte er, braucht unsere Kultur.
Kultur braucht eine Revolution, sagte Mao, die "Große Proletarische Kulturrevolution", 1966. Religiöse Bilder wurden auch in Tibet verboten, Mönche und Nonnen inhaftiert und gefoltert, Widerstand mit Schüssen gebrochen, Klöster und Tempel zerstört. Am Ende, die Zahlen schwanken, stand von 3800 heiligen Stätten nur noch ein gutes Dutzend.
Was ist schon Erfolg? "Von 14 Dalai Lamas", der Gott lacht, "bin ich der unglücklichste, weil ich die meiste Zeit außerhalb meiner Heimat lebte. Aber anderseits bin ich der erfolgreichste: Ich habe den Namen Tibets und die Bedeutung seines Glaubens verbreitet. War der Dalai Lama jetzt ein Erfolg oder ein Fehlschlag?"
1973 sah erstmals Europa den munteren Mönch im roten Gewand. Er begann mit dem, was die suchenden Seelen der Welt ins nächste Jahrtausend begleiten würde: der Verbreitung der Worte des Dalai Lama. Ein romantischer Auftritt, der vertriebene Gott vom Dach der Welt, das gefiel den Westlern. Vor der Einreise musste er versprechen, nichts Politisches zu sagen, keiner wollte es sich mit China verscherzen. Er sprach Spirituelles: Kleiner sei die Erde geworden, mehr Güte brauche sie. Der Westen lernte: Die Tibeter sind ein friedfertiges Volk. Auch Kommunisten besäßen "die Fähigkeit zu Güte und Brüderlichkeit". Der Westen lernte: Selbst ihre Feinde können von Tibet Liebe lernen.
In den Exilgemeinden sammelte der Dalai Lama nun alte Handwerkskünste unter den Flüchtlingen ein. Die Jüngeren begehrten indes auf, wollten eine härtere Linie als der Dalai Lama. Von Mustang, Nepal, aus kämpfte eine CIA-unterstützte Guerillabewegung gegen die Chinesen. Er musste führen zwischen den Erwartungen der Frommen, der Revolutionäre, des chinafürchtigen Auslands.
Was macht das wunscherfüllende Juwel, wenn es seine Menschen enttäuschen muss? Der Gott spricht etwas auf Tibetisch, wartet, bis der Übersetzer sagt: "Man sagt klar, dass das wunscherfüllende Juwel nicht die Wünsche von allen erfüllen kann!" Nach der Übersetzung lacht er in die Runde, die mitlacht. Wenn man ihn so reden hört und die ehrfürchtigen Blicke der Menschen in der Halle vor Augen hat, denkt man an ein Volk von Kindern, von einem Gottvater geführt und gelehrt. Das alte Tibetklischee. Das natürlich nicht stimmt, etliche Tibeter sind hoch gebildet, aber auch das ist teilweise ihm zu verdanken, hat er doch die Jugend auf westliche Universitäten schicken lassen. "Yeshe Norbu ist nur ein enttäuschender Beiname." Er lacht wieder. Und damals in Nepal, als er den Guerillakämpfern gebot, die Waffen niederzulegen, und sich darauf einige aus Verzweiflung selbst die Kehle durchschnitten? Pause. "Ja, da war ich sehr traurig." Pause. "Aber ich glaube, meine Entscheidung war richtig. Deshalb gab ich die Empfehlung." Klarer Geist, klare Worte. Pause. "Aber natürlich: traurig."
Auch der Westen hatte sein wunscherfüllendes Juwel gefunden. Die Journalisten gewöhnten sich an den Mönch, der mit naiv-weisem Blick durch seine große Brille auf die Welt schaute. 1979, erstmals in New York, USA, diesem reichen Land: Warum sind die Menschen so gierig, rast- und schlaflos? Materieller Wohlstand, sagte er, bringe allein kein Glück. Er sprach von Verantwortung gegenüber allen Wesen, von Religion als Medizin. Einfache Wahrheiten, wie sie Christen-Pfarrer seit Jahrhunderten predigen. Nur dieser Prediger lachte.
Und weiter reiste er. Begeisterte England, "His Holiness, the laughing Buddha". Besuchte auch Grainau, Oberbayern, sprach dort über Zeit, Glück und brummte zum Abschluss im Bariton bei der Bayernhymne mit. Sagte: "Ich will Wohlbehagen und kein Leid." Etwas einfach scheinen sie manchem, des Gottes Worte. Platt. Kalendersprüche. Gläubige sagen: flexibel. Folgende meditative Übung macht der Dalai Lama in Dharamsala: Er leert ein Säckchen Juwelen aus und baut daraus Weltgebilde, immer neue mit denselben Steinen. Und das mache einen großen Meister aus, sagen Gläubige: dass er aus den Lehren immer neue Gebilde bauen kann, maßgefertigt, dass jeder sie verstehe, nach seinem Bewusstseinsstand. Entsprechend bedarf ein Gros der Deutschen noch 2003 "Ratschläge des Herzens", erteilt über Buch und "Bild"-Zeitung. "An alle, die neidisch sind": "Eifersucht und Neid machen uns unglücklich". Anderseits gab der Dalai Lama auch in Harvard Vorlesungen, Wissenschaftler schwärmen von seiner Intelligenz, er diskutiert mit Professoren über Quantenphysik und fernöstliche Weltsicht.
In jedem Fall lernte der Westen bald: Der Buddhismus bringt zurück, was in der Materialistenwelt verloren ging. Der Dalai Lama ist der Buddhismus. Der Buddhismus darf nicht verloren gehen. Der Dalai Lama ist Tibet. Man klebte sich "Free Tibet"-Aufkleber an das Heck des VW-Busses. Was weder für Tibets Befreiung noch für die Erleuchtung reichte. Immerhin aber begann sich der Westen auch politisch zu öffnen für den Dalai Lama, wenngleich sich bis heute die deutschen Kanzler scheuten, ihn zu treffen, wegen der Kontakte zu China.
Die Volksrepublik startete 1983 eine neue Einwanderungspolitik. Innerhalb eines Jahres fluteten 60 000 Chinesen über Tibet, verdrängten Tibeter aus ihren Arbeitsstätten, und es wurden immer mehr. Die Zeit rannte. Im Juni 1988 stand ein Mönch im roten ärmellosen Gewand mit vier Pockenimpfungsnarben auf dem Oberarm vor dem Europaparlament: Der Dalai Lama erläuterte seinen Friedensplan - Demokratie und Religionsfreiheit in Tibet unter außenpolitischer Führung Pekings. Er gab den Anspruch auf volle Unabhängigkeit auf. Die letzte diplomatische Chance? Oder hatte das wunscherfüllende Juwel die Wünsche seines Volks vergessen? Die jungen Tibeter zürnten wie nie zuvor: Der Dalai Lama habe sein Land verkauft. Die freien Westler ehrten ihn am 10. Dezember 1989 mit dem Friedensnobelpreis.
Was ist schon Erfolg? "Als Buddhist habe ich meinen Beitrag geleistet, religiöse Harmonie zu fördern. Auch zur Achtsamkeit habe ich in der Welt meinen Beitrag geleistet, zur Verbreitung menschlicher Werte." Das Energiebündel sagt es vorsichtig, Meister auch im Understatement. "Unter schwierigen Umständen habe ich doch einen gewissen Nutzen gebracht."
Die Zeit rannte weiter. China hatte sich geöffnet und zeigt nun westlichen Touristen wiederhergerichtete Klöster, die aber geleitet werden von kommunistisch geschulten Mönchen. Tibetischer Buddhismus wird nur noch in Indien und ausländischen Tibet-Zentern gelehrt, weil die alten tibetischen Lehrer tot oder geflohen sind. Dafür hat nun das leichte Westler-Leben Einzug gehalten in Lhasa, Kinos, Coca-Cola und Karaoke-Bars. Und Bordelle. Dass 2002 von 900 Gefangenen im Drapchi-Gefängnis von Lhasa hundert noch politische Häftlinge sind, interessiert nicht mehr so im Westen. Man macht bessere Geschäfte mit Peking, ein Markt von über einer Milliarde Menschen gegen ein Volk von sechs Millionen und einen Führer, den der Westen vereinnahmt hat. "Wenn ich träume", sagt der Gott im Sessel, "sehe ich mich nie als Dalai Lama, sondern immer nur als buddhistischen Mönch."
Wegen solcher Sätze liebt der Westen den Gott, der bescheidener und gelassener ist als der Papst. Der Gott, der über Sexualität sagt, er habe sich schon mal gefragt, wie die Erfahrung sei, aber es sehe doch alles nach Qual und Schweiß aus. Der predigt: "Hilf anderen, glücklich zu sein, dann wirst du selbst glücklich." Und zu diesem Zweck mit nicht viel mehr im Gepäck als der Wechselwäsche, aufblasbarem Schlafkissen und kleiner Buddhastatue um die Welt reist, um Glück zu bringen.
Das Glück ist einfach, sagt er, und dass unglaublich glücklich zu sein geht, das scheint er zu beweisen mit jedem Lachen trotz Tibet. Und wer denkt da gleich an 64 Jahre Meditation, sechs Stunden am Tag, Schulung in buddhistischer Dialektik, die dieses Lächeln geformt haben? Anfangen kann man mit 181 Seiten "Das kleine Buch vom rechten Leben".
Seine Worte lassen mehr Luft zum Atmen als die Christenkirche, er sagt, "Geburtenkontrolle ist unerlässlich", "viel wichtiger als Monogamie ist der nötige Respekt", dass man seine Kultur nicht aufgeben solle, und Homosexualität sei nichts für Buddhisten, aber für Westler: bitte schön. Bei aller Weisheit ist er eine Projektionsfläche geworden, das wunscherfüllende Juwel für alle Sinnsüchtigen. Kritiker sagen, er sei nur ein Seelenfänger, für Anti-China-Propaganda oder den Büchermarkt. Er selbst fragt sich oft, ob die Tibet-Begeisterung ein Missverständnis sei, "weil die Menschen sich eine Instant-Erleuchtung erhoffen oder gar weil sie von besonderen tantrischen Sexpraktiken gehört haben."
Aber profitiert nicht sein Volk von der Begeisterung? Oder vergessen die westlichen Räucherstäbchen-Junkies vor Seligkeit die Hunderttausende Todesopfer der Besetzung Tibets? Ist der Dalai Lama zu weich gegenüber China mit seinem Verzicht auf vollständige Unabhängigkeit? Manche Jungen demonstrieren deshalb. Die Zeit läuft. Nichts ist sicher. In der Exilhauptstadt Dharamsala wird einerseits über motorradfahrende, frauenbezirzende Mönche geklagt. Andererseits haben radikale Geisteranbeter 1998 Ritualmorde verübt. Und in Tibet lockt der Coca-Cola-Materialismus. Die Chinesen, heißt es, warten nur, dass der Dalai Lama stirbt. Und dann? Kehrt er wieder?
Der alte Gott sitzt aufrecht in seinem Sessel, blickt geradeaus. Er ist ernst. "Die Frage ist, ob die Institution Dalai Lama bleibt oder nicht. Das kommt auf die Tibeter an. Wenn die Mehrheit sagt: Wir brauchen ihn nicht mehr" - er hebt die Stimme, nun ganz hoch -, "dann ist diese Institution beendet." Die Staatsgeschäfte jedenfalls hat er mittlerweile an die Regierung abgegeben. Aber seine Seele werde wiedergeboren, sagt er, ob als Dalai Lama oder in anderer Funktion. Einmal hat er sogar gesagt, es könnte auch als Stein sein. Er spricht ein Gebet, er sagt, dass er es immer spreche: "Solange es den Kosmos gibt, solange es Lebewesen gibt, solange es Leiden gibt, bleibe ich, um zu helfen." Und es hört sich bei ihm nicht wie eine abgedroschene Predigt an, sondern so, als wäre es ein kluges Argument. Nach dem Gespräch tritt er hinaus unter das Blätterdach der Mangobäume, eine Delegation aus der Mongolei wartet sehnsüchtig, er stellt sich dazwischen für ein Foto, legt den Arm um die Leute, sie lachen, er lacht, er nimmt ein Stück getrockneten Käse vom mitgebrachten Gabenteller, mongolische Schätze, geht gebeugt zu den Reportern und bietet sie ihnen an. Er lacht. Alle lachen. Vielleicht ist er ein Gott, vielleicht nur ein großer menschlicher Meister, vielleicht ein großer Seelenfänger.
Jedenfalls einer, der für seinen Job geboren ist. Yeshe Norbu, wunscherfüllendes Juwel.