
Das Foto mit den nackten, gefesselten Irakern auf einem Flur von Abu Ghreib erschütterte die Welt© Washington Post/DPA
Die gruseligen Bilder beeinflussen die Stimmung im Lande inzwischen massiv. Präsident Bushs Umfragewerte sinken stetig. Gerade mal ein Drittel der Amerikaner ist nach einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes PEW mit der Lage im Land zufrieden - das ist der schlechteste Wert seit acht Jahren. 48 Prozent der US-Bürger halten Bushs Amtsführung für misslungen. Für die Strategen im Weißen Haus besonders besorgniserregend: Dass der Krieg im Irak "nicht gut läuft", sagte erstmals eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Befragten. Tendenz: steigend.
Weltweit ist der Ruf der einzigen Supermacht ohnehin schwer lädiert. Laut einer internationalen PEW-Erhebung, die im März veröffentlicht wurde, war das Ansehen der USA in Europa und in der arabischen Welt zu dem Zeitpunkt bereits auf einen historischen Tiefstand gefallen. In Pakistan, Jordanien und Marokko ist Osama bin Laden bei weitem populärer als George W. Bush. Lediglich 38 Prozent der Deutschen und 37 Prozent der Franzosen haben eine positive Sicht auf Amerika. Tendenz: fallend. Über die Auswirkungen des Folterskandals gibt sich Carroll Doherty von PEW keinen Illusionen hin. "Global betrachtet, machen diese Bilder unser ohnehin schreckliches Image noch schlechter - wenn überhaupt noch Raum nach unten ist. Die Fotos bestätigen die schlimmsten Verdachtsmomente, die man gegen Amerika nur haben kann." Den Meinungsforscher besorgt vor allem, dass das Image der Vereinigten Staaten auch dort zu bröckeln beginnt, "wo wir es nicht erwartet haben" - in Afrika und Teilen Asiens. "Das sind mehr als Warnsignale."
Wie, so fragen sich Bürger in aller Welt, soll man jemanden unterstützen, der die internationale Gemeinschaft so verschmäht und sich noch vor zwei Jahren (gemeinsam mit Kuba) einem Protokoll widersetzte, das es den UN erlaubt, Folterinspektoren in Gefängnisse zu schicken? Wie soll man dem Anführer einer Weltmacht glauben, dessen Prophezeiungen nie eintrafen: Die Amerikaner wurden nicht als Befreier begrüßt, wie angekündigt, und werden nun, das ergab eine Umfrage im Auftrag der USA, von 80 Prozent der Iraker abgelehnt. Der Widerstand werde kurz und sporadisch sein, hieß es; andere Nationen würden folgen, sobald der Wiederaufbau einsetze, hieß es; die US-Truppenstärke würde zum jetzigen Zeitpunkt nur noch 30 000 betragen, hieß es. Nichts davon traf zu. Die Wahrheit ist: Aus der Coalition of the Willing wurde in der arabischen Welt die Coalition of the Killing.
"Jeder, der sich mit Amerika assoziiert, muss damit rechnen, abgewählt zu werden", sagt Jeff Kojac vom Center for Strategic and International Studies. "Im Irak und im Rest der Welt. Das ist das Dilemma, in dem Amerika heute steckt." Und mit ihm der britische Premier Tony Blair. Für ihn, so der "Economist", sei die Lage noch schlimmer als für Bush. Auch gegen seine Truppen haben Rotes Kreuz und Amnesty International schwere Vorwürfe erhoben, sie sollen Gefangene gefoltert und Zivilisten getötet haben, darunter ein achtjähriges Mädchen. Doch mehr noch, so das konservative Magazin, belaste Blair selbst in den Augen von Kriegsbefürwortern seine kritiklose "Komplizenschaft" mit der Bush-Administration.
Die Kritiker des missionarischen US-Präsidenten haben Recht bekommen, doch in die Kritik mischt sich auch Genugtuung und Schadenfreude. All der Frust, all die Enttäuschung der vergangenen zwei Jahre entlädt sich nun in einem antiamerikanischen Brei, bis aus dem Land der Freiheit und Demokratie in den Augen mancher ein Land der Zensur und Unterdrückung wird. Man tut Amerika damit Unrecht. Mit derselben Schwarzweißsicht, mit der Bush die Welt betrachtete, blickt diese nun auf sein Land herab.
Wie es Bush beim anstehenden G-8-Gipfel ergehen könnte, erfuhr Donald Rumsfeld kürzlich auf einer Party in Washington. Er war Gast bei James Wolfensohn, Präsident der Weltbank. Auch Kofi Annan und Alan Greenspan waren anwesend, Ted Kennedy und eine Zahl anderer Senatoren. Irgendwann umzingelten alle den Verteidigungsminister. Warum kann man die Gefangenen nicht gemäß der Genfer Konvention behandeln, fragten sie. Rumsfeld wurde wütend und sagte schließlich zu seiner Frau: "Joyce, wir gehen." Und ging.
Es steht mehr auf dem Spiel, als den Regierenden in Washington bewusst sein mag. Es geht nicht nur um Ansehen, sondern um Werte. Der Respekt vor den USA, amerikanischer Kultur, amerikanischen Produkten und amerikanischem way of life schwindet rapide. In der vergangenen Woche legte das Marktforschungsinstitut NOP World in den USA eine neue Studie mit alarmierenden Ergebnissen vor. 30 000 Menschen in 30 Ländern auf allen Kontinenten wurden in einstündigen Interviews befragt, etwa danach, ob sich ihre Wertvorstellungen mit denen Amerikas deckten: Auf Platz eins kam mit 84 Prozentpunkten Venezuela - auf den letzten Deutschland (55 Prozent), noch hinter Saudi-Arabien.
Mit den USA verbindet die Mehrheit vor allem Reichtum und Macht. Aufrichtigkeit und Chancengleichheit attestieren ihnen die wenigsten. "Wir erleben eine Erosion", sagt NOP-Präsident Tom Miller, dessen Institut diese Befragung seit 1998 einmal pro Jahr erstellt. Der Krieg im Irak, ausgeprägter Unilateralismus, das Ausscheren aus der Völkergemeinschaft beim Kyoto-Protokoll und dem internationalen Gerichtshof sowie gigantische Wirtschaftsskandale (Enron, Worldcom) unterminieren Amerikas Anspruch als moralische Instanz. Die Folgen, warnen die Markforscher, könnten Amerika ausgerechnet dort treffen, wo es am amerikanischsten ist: in der Wirtschaft.
Auch deshalb entwickeln Marketingstrategen gerade eine Art Parallel-Diplomatie, einen Gegenentwurf zu Washington. Der Leiter der Werbeagentur DDB Worldwide, Keith Reinhard, hat eine Initiative mit dem Titel "Business for Diplomatic Action" gegründet. Den Mann treibt die berechtigte Sorge um, dass das schlechte US-Image auch auf den Verkauf von US-Produkten durchschlagen könnte. Er sagt: "Um die Welt zu verstehen, müssen wir den Sorgen, Hoffnungen und Träumen der anderen zuhören."