
Lynndie England, 26, Soldatin bei der Militärpolizei erlangt ihre traurige Berühmtheit als jene Frau, die einen Iraker an der Hundeleine hinter sich herzieht© Jeff Hutchens/Getty Images
Mitchell macht unbeirrt weiter. Im Namen der CIA.
Die CIA will sich die Finger gern schmutzig machen - aber nur, wenn sie rechtlich abgesichert ist. Also wird CIA-Chef George Tenet in den kommenden Monaten die "principals" gleich mehrmals in die praktizierten Verhörmethoden einweihen - und zwar in allen schmutzigen Details. Er preist das Programm regelrecht an. Zu den "principals", den besonders wichtigen Ministern, gehören neben Vizepräsident Cheney auch Rumsfeld, Powell, Condoleezza Rice, Justizminister John Ashcroft. Präsident Bush wird ebenfalls ausführlich informiert. Man bittet ihn, nicht über das Programm zu sprechen. Als ob man Sorge hat, er würde sich verplappern.
Auch John Bellinger III, der besonnene Chefjurist des Nationalen Sicherheitsrates, nimmt an den CIA-"Briefings" teil. Als Rechtsberater von Condoleezza Rice, der Nationalen Sicherheitsberaterin und engen Bush-Vertrauten, hält Bellinger eine Schlüsselposition im Weißen Haus. Doch Cheneys Männer übergehen ihn einfach.
Im Mai 2002 hört Bellinger wohl auch vom Waterboarding. Er weiß nicht genau, was das ist, will es offenbar auch nicht herausfinden. Er fühlt sich ohnmächtig, einsam. Niemand außer ihm scheint zu zweifeln.
Alle befürworten das Programm oder kritisieren es zumindest nicht. In diesen ersten Jahren sind es mehrere Geheimdienstchefs, zwei Justizminister, die Nationale Sicherheitsberaterin, der Verteidigungsminister, der Vizepräsident, die Rechtsberater. Auch hochrangige Abgeordnete im US-Kongress werden informiert, unter ihnen Nancy Pelosi, heute mächtige Vorsitzende des Repräsentantenhauses. Und niemand ruft: "Stopp!"
John Bellinger denkt an Rücktritt. Aber dann bleibt er doch. Er könne mehr erreichen, wenn er von innen heraus für Veränderung eintritt, sagt er sich. Es ist die immergleiche Erklärung. Sie ist richtig und falsch zugleich. Denn es ist auch die Rechtfertigung des Mitläufers.
Endlich schreiben Yoo und seine Kollegen Geschichte. Unwiderruflich, wie sie glauben. Sie sollen die bindenden Rechtsgutachten zum CIA-Verhörprogramm liefern. Diese streng geheimen Memoranden werden später als "Folter-Memos" bezeichnet.
Es ist die Hoch-Zeit für Yoo und seine Kollegen Jay Bybee und Steven Bradbury im Büro für Rechtsangelegenheiten. Sie glühen vor Tatendrang. Ständig wird der junge Yoo zu geheimen Konsultationen ins Weiße Haus gerufen. Diskutiert Foltertechniken mit Addington, gemeinsam erarbeiten sie Entwürfe. Natürlich sprechen sie dabei nicht von Folter. Auch wenn sie im Nachhinein juristisch absegnen, was die CIA längst an ihrem Gefangenen Abu Subaida praktiziert. Es handelt sich für sie ja nicht um Folter.
Der Druck von oben wächst. Shiffrin kriegt das täglich zu spüren. Er ist hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu seiner Regierung und seinem Gewissen. Sein Boss Rumsfeld bezeichnet Geheimdienstinformationen, die er bekommt, gern als "Stück Scheiße" und haut auf den Tisch, dass Shiffrin glaubt, er könne zerbrechen. "Der Minister war sehr eifersüchtig auf die CIA", sagt Shiffrin. "Er ist so ehrgeizig, dass er dieselben Verhörtechniken wie die der CIA haben wollte. Er sieht in allem einen Wettbewerb, selbst bei der Folter."
Die Pentagon-Bosse wenden sich nun an Shiffrin, der Erfahrung hat mit dem SERE-Programm. Er stellt den Kontakt zur SERE-Schule in Virginia her, ein Schritt, der sich als verhängnisvoll herausstellen wird. Schon bald lagern in Shiffrins Büro im Ostflügel des Pentagon drei Meter Bücher über harsche Verhörtechniken. Die Foltermethoden bis hin zum Waterboarding beziehen sich ja nur auf den Kalten Krieg, beruhigt sich Shiffrin. Er hält sie für unbrauchbar und meldet das auch nach oben. Doch schon bald muss er feststellen, dass eben diese Methoden ihren Weg aus seinem Büro hinaus zu den Streitkräften nach Bagram und Abu Ghraib finden.
Am 1. August erhält CIA-Anwalt John Rizzo ein Dokument. "TOP SECRET" steht in großen Lettern über dem Memorandum mit der Betreffzeile "Verhör eines Al-Qaida-Agenten". Das Schreiben wird zu einem der bestgehüteten Geheimnisse in Washington. Es ist die juristische Rechtfertigung der Folter, eine Fleißarbeit. 18 Seiten lang, voller Definitionen, Paragrafen, Gerichtsurteile und Fußnoten. Geschrieben ist es in einer kalten, gruseligen, sich absichernden Schreibtischtäter-Sprache: "Wenn dem Opfer Schmerzen zugefügt" würden, handele es sich nur dann um Folter, wenn diese "zum Tod, Organversagen oder zur dauerhaften Schädigung einer wichtigen Körperfunktion" führten. Und bei seelischen Schmerzen, wenn sie "zu wesentlichen Schäden von beträchtlicher Dauer führen", die "Monate oder Jahre anhalten".
Geschrieben hat es John Yoo, unterschrieben hat es sein Vorgesetzter, Vize-Justizminister Jay S. Bybee. Damit ist der Inhalt nun Rechtsauffassung der US-Regierung. Yoo ist der Überzeugungstäter; Bybee der Opportunist. Bush ernennt Bybee 2003 zum Richter auf Lebenszeit am Berufungsgericht in San Francisco.
John Yoo ist kein reaktionärer Mann und kein religiöser Fanatiker wie viele der Bush-Leute. Yoo setzt sich für das Recht auf Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe ein. Er hält das Verbrennen der US-Flagge für freie Meinungsäußerung. Yoo sagt: "Ich persönlich finde Folter widerlich."
Yoo und Bybee erstellen einen Katalog des Grauens. Einen Katalog, sagt Yoo, der von der CIA gekommen sei. Nicht mehr als elf Tage am Stück darf der Gefangene seines Schlafes beraubt werden. Er darf monatelang nackt in eine Gefängniszelle gesperrt werden. Er darf auch geschlagen werden, ins Gesicht und in den Unterleib, aber nur mit der flachen Hand, die Finger dabei leicht gespreizt, Ringe und anderer Schmuck sind auszuziehen.
Zum Waterboarding schreiben sie: Vier mal sieben Fuß sollte das Brett messen, schräg montiert, damit die Füße des Gepeinigten erhöht liegen. "Ein Tuch wird auf das Gesicht und die Augen gelegt. Dann wird Wasser in kontrollierter Weise auf das Tuch gebracht." Ist die "Luftzufuhr leicht eingeschränkt", beginnt die Uhr zu ticken: 20 bis 40 Sekunden soll dieser Zustand bei ständiger Wasserzufuhr anhalten. Das verursache einen erhöhten Kohlendioxidanteil im Blut, was wiederum "ein verstärktes Bemühen zu atmen" auslöse. Bei dem Betroffenen setzt ein Würgereflex ein, er glaubt zu ertrinken.
Nach spätestens 40 Sekunden soll das Tuch entfernt werden, der Gefangene darf nun drei Atemzüge machen: "Dann kann die Prozedur wiederholt werden."
Nicht öfter als sechsmal hintereinander, die Gesamt-"Sitzung" darf nicht länger als zwei Stunden dauern.
Die CIA wird bis 2005 von Juristen der Regierung noch drei weitere Memoranden zu verschärften Verhörtechniken erhalten, zum Beispiel, dass die Temperatur des eisigen Wassers, mit dem der Gefangene abgespritzt wird, nicht niedriger als fünf Grad sein darf. Sie sind unterschrieben von Steven Bradbury, Bushs Chefanwalt im Weißen Haus, heute in einer privaten Sozietät tätig. Er hat eine saubere, gut lesbare Unterschrift.
Der Gestank, dieser Gestank haut ihn um. Und dann diese Stille. Corsetti geht durch die dunklen, weiten Räume des Gefängnisses von Bagram. Zellen, die wie Käfige aussehen. Elektrischer Stacheldraht drumherum. Sechs Isolationsräume, zwei fensterlose Zimmer, an deren Eisentür ein Fetzen Karton klebt, darauf steht mit dunklem Filzstift geschrieben "Special guests". 600 Gefangene sind hier. Das ist Corsettis neuer Arbeitsplatz. Der Gestank wird für immer bleiben, die Stille nicht.
Als Michael Gelles, der Navy-Psychologe, wieder nach Guantánamo kommt, sind dort mittlerweile mehr als 1000 Gefangene. Er soll junge, unerfahrene Soldaten im Schnellkurs zu Verhörern ausbilden. Gelles hält nichts davon, die Dschihadisten zu foltern. Sie seien Kämpfer in einem heiligen Krieg, bereit, dafür zu sterben. Harte Verhöre machten ihren Widerstand nur stärker. Man müsse sie in Konflikte stürzen: Ist meine Rolle wirklich vereinbar mit dem Koran? Mache ich meiner Religion damit nicht Schande? Es gibt immer einen Punkt, an dem sie ihr Gewissen erleichtern wollen.
Doch Gelles' Methoden brauchen Zeit. Nach wenigen Tagen in Guantánamo wird ihm bewusst: Alle hier stehen unter Druck, die jungen Soldaten, die CIA-Leute. Der Druck kommt aus dem Weißen Haus, aus dem Pentagon. Vor allem Rumsfeld verlangt sofortige Ergebnisse. Er lässt sich persönlich über die Entwicklung einiger Gefangener unterrichten.
Gelles sieht, dass die CIA und das Militär bei ihren Verhören nun das SERE-Programm anwenden. Er fliegt zurück nach Washington und informiert Alberto Mora, den Rechtsberater der Navy. Mora hört sich den Bericht wie versteinert an. Dann sagt er: "Das ist nicht korrekt. Da hat einer nicht aufgepasst, wir müssen das korrigieren." Er spricht mit Kollegen beim FBI, der Air Force, der Army. Die haben sich bereits alle im Pentagon beschwert. Zwischen Streitkräften und Pentagon bricht nun ein Machtkampf um die Behandlung der Gefangenen aus. Mora ruft persönlich bei Rumsfeld an und warnt den Verteidigungsminister: "Das kann in Folter ausarten."
Fünf Stunden schaut er bei einem Verhör von CIA-Spezialisten zu, dann muss er selbst ran. Corsetti ist 23 und hat keine Ausbildung dafür. Er wird ausgewählt, weil er groß ist, laut und einschüchternd wirkt. Corsetti sieht aus wie Marlon Brando in "Apocalypse Now", wie der im Dschungel von Kambodscha durchgeknallte US-Colonel Kurtz. Er bekommt schnell einen schrecklichen Ruf in Bagram. Wenn Gefangene nicht spuren, drohen Corsettis Kameraden: Dann holen wir den fetten Italiener. Corsetti spielt das böse Spiel mit. Er hat mehrere Tattoos am Körper, auf seinem Bauch steht: Monster. Er zeigt den Festgenommenen gern seinen Bauch.
Das hier sind die bösesten der Bösen, wird den Soldaten gesagt. Lasst euch etwas einfallen. Irgendwann sehen sie die Gefangenen nicht mehr als Menschen an. Sie sind für sie Bestien, und so behandeln sie die. Corsetti wird später erzählen: "Du merkst dabei nicht, dass du dich selbst wie eine Bestie benimmst."
Corsetti und seine Kameraden hören von den neuen Verhörtechniken aus Guantánamo. Sie wenden sie nun an. Stressposition. Langer Schlafentzug. All das. Und Corsetti lässt seine Fantasie spielen. Einem Gefangenen zieht er die Hosen runter, er schlägt ihm dann mit einer kleinen, leeren Plastikflasche auf die Gesäßbacken. Er demütigt die Verhörten, sie schreien nach Allah. Einmal holt Corsetti seinen Penis heraus, sagt zu einem Gefangenen: Das ist dein wahrer Gott.
Doch selbst die Hölle von Bagram hat noch ihre eigene Unterwelt, die "black sites", die geheimen CIA-Gefängnisse. Hier werden die wichtigsten Gefangenen vernommen, Corsetti schaut bei einigen Verhören zu. Psychologen drohen dem Gefangenen: Wir werden deine Kinder töten, deine Frau vergewaltigen. Sie sagen ihm die Namen seiner Kinder und seiner Frau. Sie zeigen ihm auf Satellitenfotos, wo sie sich gerade aufhalten.
Wenn Corsetti abends auf seinem Bett liegt, fragt er sich: Was mache ich bloß hier? 98 Prozent der Verhörten haben doch überhaupt nichts zu tun mit Taliban oder al-Qaida. Und ich werde dabei wirklich zum Monster.
Shiffrin nimmt an einer Reihe von Sitzungen teil und stellt mit Erschrecken fest, dass viele junge Juristen in der Regierung eine abenteuerliche Vorstellung von Verhören haben. Alle sind fasziniert von der neuen Fernsehserie "24". In ihr foltert der Protagonist Jack Bauer Terroristen, um die Menschheit zu retten. "Die haben gedacht, so funktioniert das im Leben wirklich. Du rettest die Menschheit, indem du folterst."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009