
An einem Kampagnen-Informationstisch stellen Obama-Gegner ihren Präsidenten als Adolf Hitler dar© Danny Moloshok/Reuters
Nach acht Jahren Bush will Obama ein gespaltenes Land versöhnen. Will eine vernünftige Politik jenseits der Parteigrenzen versuchen, an der Sache orientiert. Er will ein wenig mehr Gerechtigkeit hinterlassen, ein besseres Land. Doch es scheint, Barack Obama hat unterschätzt, wie verängstigt, wie verunsichert die Menschen wirklich sind.
Innenpolitisches Kernstück dieser Politik soll Obamas Gesundheitsreform sein. Sie soll ein Stück sozialer Gerechtigkeit schaffen. Auch seine Strategen dachten, die Zeit sei endlich reif dafür. 47 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung, dazu explodierende Kosten für Unternehmen und Arbeitnehmer: Allein in den vergangen acht Jahren haben sich die Krankenkassenbeiträge verdoppelt. Nirgendwo in der Welt ist Gesundheit teurer als in den USA - die Qualität der Versorgung aber ist bestenfalls durchschnittlich. Hunderte Milliarden Dollar versickern jedes Jahr, davon profitiert vor allem die Industrie. Ärzte, Pharmakonzerne, Krankenhausbetreiber, die Üblichen.
Seine Reformideen sind maßvoll, auf Konsens angelegt, selbst Republikaner können sie unterstützen. Transparenz und Kostendisziplin der privaten Anbieter durch eine Art "Gesundheitsbörse", an der sich Bürger für eine Krankenversicherung entscheiden. Einsparungen bei der wuchernden "Medicare", der Pflichtversicherung für alte Menschen. Und neben privaten Anbietern eine staatliche Krankenversicherung für all' die, die nicht versichert sind. Die Kosten sind gigantisch: mindestens 120 Milliarden Dollar pro Jahr. Sie sollen durch Einsparungen und Steuererhöhungen bei Reichen finanziert werden.
Obama weiß, er hat nur noch ein paar Monate Zeit, diese historische Reform durchzusetzen. Verdammt wenig Zeit. Im kommenden Jahr stehen Zwischenwahlen für den Kongress an, Dutzende Demokraten aus eigentlich republikanischen Wahlkreisen kämpfen dann um die Wiederwahl. Sie hatten vom Hass auf Bush profitiert, jetzt müssen sie sich vor konservativen Wählern rechtfertigen.
Er weiß, wie kläglich sein demokratischer Vorgänger Bill Clinton und Gattin Hillary schon nach wenigen Monaten scheiterten. Die geschickt inszenierte Verteufelung von "Hillarycare" verhalf den Republikanern 1994 zu einem gigantischen Wahlsieg im Kongress. Dort riefen sie die "republikanische Revolution" aus, an deren kläglichem Ende George W. Bush stand.
Fünf Komitees in Kongress und Senat sollen bis Ende September aus Tausenden Seiten gleich mehrerer Gesetzesentwürfe nun einen Kompromiss schmieden. Hinter den Kulissen haben Obamas Strategen bereits erste Deals mit den Vertretern der mächtigen Gesundheitslobby geschlossen - Einsparungen für sie fallen niedriger aus als geplant. Es wird ein Kuhhandel, eine epische Schlacht, eine Schlacht um die Herrschaft über die Fernsehbilder. Obama muss diese Schlacht gewinnen.
Es geht um seine Glaubwürdigkeit, meint auch der Jurist und Autor Gene Healy. Der Mann vom konservativen Cato-Institut hat ein Buch über den amerikanischen Präsidentenkult geschrieben, über all die Versprechen, die kein Kandidat halten kann, über all die Hoffnungen, die in Kandidaten projiziert werden. Und die waren bei Obama himmelhoch. "Er wird als gescheiterter Präsident in die Geschichte eingehen", glaubt Healy schon jetzt zu wissen: "Vielleicht sogar als einer der unpopulärsten."
Doch es scheint, als glaube Obama unerschütterlich an den gesunden Menschenverstand, and die sprichwörtliche Fairness seiner Landsleute. Der Präsident reist in diesen Tagen durchs Land, beinahe wie im Wahlkampf, er tritt auf in Sporthallen und Gemeindezentren, stellt sich den Fragen. Argumentiert, ruhig und gelassen, an der Sache orientiert, wie immer, ganz Mr. Cool. Erstaunlich cool.
"Die kommenden Wochen könnten entscheidend für Obamas Präsidentschaft sein", orakelt die Zeitschrift "Economist". Und Ökonom Krugman sagt: "Wenn Obama die Gesundheitsreform durchbringt und die Wirtschaft aus der Rezession kommt, dann ist er unser neuer Roosevelt. Wenn nicht, dann endet er wie Jimmy Carter."