
Fleisch stapelt sich an einem Marktstand in Peking. Mehr Fleisch auf dem Teller bedeutet weniger Getreide auf den Märkten, denn um ein Kilo Fleisch zu erzeugen, benötigen die Bauern bis zu zehn Kilo Futter© Claro Cortes IV/Reuters
Welche Dimensionen das Projekt Biotreibstoff schon hat, zeigt sich im indonesischen Teil der Insel Borneo. Endlose Palmölplantagen fressen sich hier in die letzten Urwälder Südasiens. Der Palmölverbrauch hat sich in den vergangenen zehn Jahren weltweit etwa verdoppelt. Bislang wurde das Öl vor allem zu Margarine oder auch zu Lippenstiften weiterverarbeitet. Jetzt wird daraus Biosprit gewonnen.
Um vom rasant steigenden Bedarf zu profitieren, will die indonesische Regierung 20 Millionen Hektar für Plantagen freigeben, das entspricht einer Fläche fünfmal so groß wie die Schweiz. Dafür müssen nicht nur Regenwälder weichen, sondern häufig auch andere Nutzpflanzen.
Schon jetzt ist Indonesien gezwungen, Reis, Zucker und Soja zu importieren, weil der eigene Anbau nicht mehr ausreicht. Palmöl, für viele Indonesier oft die einzige Fettquelle, ist um 50 Prozent teurer geworden. Statt die eigene Bevölkerung zu ernähren, lässt die Regierung es lieber für Biosprit exportieren. Der weltweite Durst nach dem grünen Treibstoff trifft Indonesien sogar doppelt. Weil auch US-Farmer darauf setzen und statt Soja nun Mais anbauen, erreicht Indonesien weniger Soja, und so ist auch dessen Preis um 125 Prozent gestiegen.
Wer mit den Menschen in den von Plantagen umzingelten Dörfern Borneos spricht, hört immer wieder die gleichen Klagen. Die Flüsse werden durch den Dünger verseucht, traditionelle Landwirtschaft ist nicht mehr möglich - und das Palmöl wird immer teurer. "Ist das nicht paradox?", fragt Julkifli, der in einer Provinzhauptstadt einen Marktstand betreibt. "Um uns herum sind überall Ölpalmen, aber bei uns kommt nichts an!" Um die schlimmsten Auswirkungen der aktuellen Krise zu mildern, hat Indonesiens Präsident angekündigt, sieben Millionen Hektar ungenutztes Land für die Lebensmittelproduktion zu kultivieren. Wo indes diese Hektar herkommen sollen, verschweigt er.
5000 Kilometer weiter nördlich, ein anderes Bild der Krise. Eine Schweinemästerei im Pekinger Vorort Daxing. Noch vor sechs Jahren lag das Land brach. Jetzt brüllen hier Schweine in Todesangst. 400 Menschen produzieren Fleisch im Akkord. Männer in weißer Schutzkleidung schneiden die toten Tierkörper auf. Das Blut fließt zu einer mehrere Zentimeter hohen Pfütze zusammen. Eine Frau streicht mit Flammenwerfern über die toten Schweine, um die Borsten zu entfernen.
Täglich schlachten sie hier 2000 Tiere. Überstunden sind die Regel, oft fällt sogar die Mittagspause aus. Und doch kommt die Fabrik der Nachfrage kaum hinterher. Der Fleischverbrauch der chinesischen Stadtbewohner hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, der auf dem Lande sogar verdreifacht. Zugleich sind die Reisanbauflächen geschrumpft.

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Pro Kopf essen die Chinesen inzwischen 39,6 Kilo Schweinefleisch im Jahr - ungefähr so viel wie die Deutschen. 2006 wurden im Reich der Mitte 52 Millionen Tonnen Schweinefleisch erzeugt, mehr als die Hälfte der Weltproduktion. Um die Mästereien mit Futter zu versorgen, musste China 2007 trotz dreier Rekordernten in Folge 15 Millionen Tonnen Getreide einführen.
Doch mehr Fleisch auf dem Teller, egal, ob in Deutschland, China oder Indien, bedeutet weniger Getreide auf den Märkten. Um ein Kilo Schweinefleisch zu erzeugen, benötigt ein Bauer vier Kilo Futter, bei Rindfleisch können es bis zu zehn sein. So treibt der neue Geschmack der aufstrebenden Mittelschichten die Preise an.
Das merken auch die Chinesen. Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis für Schweinefleisch in den Supermärkten verdoppelt. Dabei hat Schweinefleisch im Reich der Mitte eine so große Bedeutung, dass die Regierung in riesigen Kühlhäusern eine Art strategische Reserve unterhält. Doch selbst als Peking jetzt Tonnen davon auf den Markt warf, gaben die Preise kaum nach.
Auf derartige Beruhigungsmaßnahmen scheinen die Märkte weltweit nicht mehr zu reagieren. Spekulanten machen sich den Mangel zunutze. "Rohstoffe", schwärmen sie von Chicago bis München, "sind der Megatrend des Jahrzehnts." So haben sich Finanzinvestoren beispielsweise die komplette Zweijahresernte der an der Warenterminbörse von Chicago gehandelten Weizensorte Soft Red Winter Wheat gesichert. Anleger, die auf den Reishunger in Asien setzten, kassierten in nur drei Wochen satte 20 Prozent Gewinn. Aber die Rohstoff-Jongleure "sind nicht die Auslöser, sondern ein Symptom der Krise", sagt Joachim von Braun, Leiter des International Food Policy Research Institute in Washington. Auch Burkhard Varnholt, Chef-Investor der angesehenen Schweizer Sarasin-Bank, ist sich sicher: "Wir haben es hier nicht mit einer von Spekulanten aufgebauschten Blase zu tun, sondern mit einer realen Krise."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008