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12. Mai 2004, 17:53 Uhr

Die fröhlichen Folterer

Zwar sind in Großbritannien schnell Zweifel daran aufgetaucht, dass die angeblich unter der Plane eines Militärlastwagens aufgenommenen Fotos echt und im Irak entstanden sind. Doch schon seit längerem stehen die Briten in Verdacht, auch mit ihren Gefangenen brutal umzugehen. So starben binnen eines Jahres mindestens sieben Häftlinge im Gewahrsam britischer Soldaten. Das Verteidigungsministerium in London ermittelt seit Monaten, zeigt aber offenbar kein großes Interesse, die Verdächtigen anzuklagen.

Während die westliche Welt entsetzt und überrascht ist, haben die Enthüllungen im Irak und in den islamischen Ländern ein noch gefährlicheres Echo: Nun gilt alles als authentisch, was an abstoßenden Geschichten vor allem über die Amerikaner kursiert. Seit Tagen laufen die Bilder der Misshandlungen wie eine Endlosschleife auf allen TV-Kanälen. Von Marokko bis Indonesien sagen Passanten, Politiker, Prediger das Gleiche: Amerika habe sein wahres Gesicht gezeigt. Abu Dhabi TV traf die Stimmung, als es die Folterbilder immer wieder ohne Ton ausstrahlte, ein Stummfilm, in den hinein regelmäßig eine Stimme aus dem Off ertönte: "Wir widmen diese Sendung jenen, die noch immer nicht glauben wollen, worum es im Irak tatsächlich geht." Wer wollte jetzt noch in der islamischen Welt wagen anzuzweifeln, was seit Monaten dort kursiert: dass all die Selbstmordattentate mit annähernd 1000 Toten in Wirklichkeit ferngelenkte US-Raketen waren; dass die Amerikaner einmarschiert sind, um Iraker für Menschenversuche benutzen zu können; dass US-Soldaten Irakerinnen vergewaltigen.

Verwarnungen durch die US-Behörden

Zeitungen wie das irakische Boulevardblatt "asch-Schahid" beklagen sich im Leitartikel über Verwarnungen durch die US-Behörden und schreiben drei Seiten weiter über den Einsatz taktischer Nuklearwaffen durch die Amerikaner bei der Eroberung Bagdads. Seit Monaten kursiert im Internet eine Fotoserie angeblicher Vergewaltigungen irakischer Frauen durch GIs - belegt mit Bildern, die eher einer Lowbudget-Pornoproduktion entsprungen scheinen, Männer arabischen Aussehens mit Militärjacken, die keine US-Uniformen sind, beim Sex in verschiedenen Varianten mit Frauen, die bereitwillig assistieren.

Seit vergangener Woche gilt alles als wahr, was je behauptet wurde. Und jedes Dementi der Amerikaner macht es umso glaubwürdiger. "Du hast es ja nie schreiben wollen", grollt eine irakische Journalistin, "aber wie hätten wir es beweisen sollen?" Es gibt eine ganze Reihe von Aussagen ehemaliger irakischer Häftlinge gegenüber dem stern, die zwar nicht zu belegen, aber nun glaubwürdiger sind: wie sie in einem Gefängnis bei Ramadi im Winter gezwungen worden seien, auf allen vieren im Schlamm zu kriechen, kleine Steine aufzuklauben, und getreten wurden, wenn noch ein Kiesel im Schlamm lag; wie man sie in Abu Ghreib bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen habe; dass der ebenfalls festgenommene Bruder jenes Informanten, der Saddam Husseins Versteck verriet, beim Verhör in Abu Ghreib ums Leben gekommen sei; dass ehemalige Geheimdienstler aus Saddams Diensten nicht nur zum Spionieren wieder eingestellt worden seien, sondern auch zum Verhören und Foltern von Gefangenen.

Doch keiner mochte seinen Namen nennen, aus Angst, abermals verhaftet zu werden. Es gab keine Narben, keine Brandmale, niemand erinnerte die Namen seiner Peiniger. Und: Es gab keine Bilder.

"Das Schlimmste, was es überhaupt gibt"

Jetzt gibt es sie, und es gehört zur grotesken Ironie dieses Krieges, dass es Souvenirfotos der Täter sind, gebrannt auf CD und verteilt an Kameraden, die Amerika ins Desaster gestürzt haben. "Das ist das Ende", prophezeite Abdelbari Atwan, Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung "al-Quds al-arabi": "Diese Bilder werden den Amerikanern das Genick brechen." Bilder von sexueller Misshandlung seien in der islamischen Welt "das Schlimmste, was es überhaupt gibt".

Christoph Reuter
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