
Ein fliegender Händler im Flüchtlingslager Zerowani in der Nähe des georgischen Ortes Gori© Vano Shlamov/AFP
Welches Elend dieser Krieg über Georgien gebracht hat, wird 20 Kilometer außerhalb von Tiflis an der gut ausgebauten Autobahn Richtung Norden sichtbar. Bis weit ins Tal erstreckt sich eine Siedlung von kleinen würfelförmigen gelben und rosa Häuschen, 2002 sind es insgesamt, jedes exakt 64 Quadratmeter groß, ausgestattet mit Herd und Spüle, einer winzigen Nasszelle und zwei Schlafzimmern. Zerowani ist die größte von Dutzenden Flüchtlingssiedlungen, die nach dem Krieg aus dem Boden gestampft wurden. 6300 Menschen leben hier. Insgesamt haben 27.000 Georgier, die in Südossetien lebten, ihre Heimat verloren und damit alles, was sie besaßen.
Siedlungen wie Zerowani sind dazu verurteilt, die Slums von Georgien zu werden. Der größte Teil der Flüchtlinge sind Landwirte, die früher von morgens bis abends auf ihren Feldern schufteten. Jetzt herrschen Arbeitslosigkeit und Langeweile. Nach dem Krieg brach der georgische Außenhandel um 70 Prozent ein, die ausländischen Investitionen gingen um zwei Drittel zurück.
Noch trostloser als in den Lagern ist die Lage in den Dörfern an der ossetischen Grenze. Hier waren bis Oktober russische Truppen in einer Pufferzone stationiert. Zu ihrem Auftrag gehörte, Plünderungen durch die Osseten zu stoppen. Stattdessen, so die Menschrechtsorganisation Human Rights Watch, hätten sie "mit Vergnügen" dabei zugesehen. In Ergnet, das von Zchinwali in Sichtweite entfernt ist, wurden von 138 Häusern 105 niedergebrannt und manche noch mit Bulldozern plattgewalzt - nach dem Krieg, wie die EU-Kommission in ihrem Bericht feststellen wird, denn in Ergnet gibt es keine Spuren von Kampfhandlungen.
Die Marodeure stahlen sämtliche Kühe, Schweine, Trecker und Autos. Dutzende Georgier, die sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen, um sie vor Plünderern zu schützen, bezahlten dafür mit dem Leben. Die 67-jährige Gulnara Militari erzählt, wie vor ihren Augen ihr Mann und ihr Schwager von sechs jungen Männern niedergeschossen wurden. Der Betonboden auf der Terrasse hat ihr Blut aufgesogen, dass die Umrisse der Leichen noch heute sichtbar sind. Nach und nach kehren die Bewohner nun in ihre zerstörte Heimat zurück. Manche haben heimlich begonnen, ihre Felder von Hand zu bestellen. Das hat die Regierung eigentlich verboten, denn es ist lebensgefährlich. Viele Ackerflächen wurden vermint.
Eine Geberkonferenz in Brüssel stellte Georgien im Oktober 3,5 Milliarden Euro zum Wiederaufbau zur Verfügung. Ohne dieses Geld läge das Land längst am Boden. Den Wiederaufbau der südossetischen Hauptstadt Zchinwali finanzieren die Russen. Doch dort ist die Lange weniger dramatisch. Die Zerstörungen sind geringer als zunächst angenommen, es gibt keine Flüchtlinge, kaum Minen, und viele Osseten haben bereits die Grundstücke ihrer ehemaligen georgischen Nachbarn besetzt. Auch wenn Südossetien eine eigene Regierung unter Präsident Eduard Kokoity hat, wird es praktisch geführt wie eine russische Provinz.