. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
29. August 2003, 16:20 Uhr

Dr. Seltsam und die Bombe

Kim Jong Il mit seinem ältesten Sohn Jung Nam auf dem Sofa, ein Foto von 1981. Hinter ihm seine Schwägerin Sung Hae Rang mit ihren Kindern. Sie lebt inzwischen im Westen und ist eine der Hauptinformantinnen über den Charakter des Diktators© AP

"Ich liebe es, meine Zeit mit dem Volk und den Soldaten zu verbringen", gab sich Kim Jong Il in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Itar-Tass auf einem Staatsbesuch in Russland als Menschenfreund. "Mein Leben ist lebenswert, wenn ich mit ihnen sprechen und ihre Gefühle teilen kann." Kim, der Angst vorm Fliegen hat, legte die 9300 Kilometer nach Moskau in einem Sonderzug mit 21 Waggons zurück, die neben Personal und eingeflogenen Bordeaux-Weinen auch zwei gepanzerte Mercedes-Limousinen geladen hatten. Den Hummer ließ sich Kim in Frischwasser-Tanks liefern.

Privatvermögen von etwa vier Milliarden Dollar

In den neunziger Jahren war der Gewaltherrscher zwei Jahre hintereinander größter Einzelkunde des Cognac-Herstellers Hennessy. Zuletzt bevorzugte er Hennessy Paradise, die Flasche für 630 Dollar. Inzwischen soll er auf Rat seiner Ärzte auf edelste Rotweine umgestiegen sein. 1998 orderte er 200 Mercedes-Limousinen zum Stückpreis von 100 000 Dollar. Der Gesamtpreis entspricht einem Fünftel der damals von den Vereinten Nationen für die hungernde Bevölkerung Nordkoreas versprochene Hilfe. Kims in Schweizer Banken angelegtes Privatvermögen wird auf rund vier Milliarden Dollar taxiert.

Zu einer Geburtstagsfeier ließ der Feinschmecker fünf Tonnen Obst und Meeresgetier aus Thailand einfliegen, darunter lebende Schildkröten. Sein Volk aber darbt. Mehrere hunderttausend Koreaner sind in den Jahren 1998 und 1999 an Hunger und Entkräftung gestorben. "Wir mussten uns mit so genannter Ersatznahrung durchschleppen, einem Brei aus Gräsern, Laub, Kiefernadeln, Kürbiskernen und Maispulver", berichtet eine Überläuferin dem stern. Die Lage hat sich leicht gebessert, dennoch ist Nordkorea weit davon entfernt, sich selbst versorgen zu können.

Mohnanbau und Drogenhandel in staatlicher Hand

Auf seiner Russland-Reise plauderte Kim Jong Il leutselig mit Wiktor Popow, dem Eisenbahnchef für den fernen Osten. Als der Russe über das Drogenproblem in Sibirien klagte, sagte Kim: "Wenn Sie nordkoreanische Dealer festnehmen, können Sie die sofort erschießen. Wir haben genug Menschen." In Nordkorea sind Mohnanbau und Drogenhandel in staatlicher Hand. In den vergangenen 25 Jahren flogen mehr als 20 nordkoreanische Diplomaten, Agenten und Geschäftsleute als Drogenkuriere auf, einige im Oktober 1998 auch in Deutschland. Unter Tokios Junkies gilt Heroin aus Nordkorea als das Feinste vom Feinen. Im April dieses Jahres brachte die australische Küstenwache ein Schiff mit 50 Kilo Heroin im Wert von 80 Millionen Dollar auf. Es gehörte der Arbeiterpartei Nordkoreas, der von Kim Jong Il geführten Staatspartei.

Nordkorea sei "ein kriminelles Syndikat mit Atomwaffen", sagt der amerikanische Senator Peter Fitzgerald. Im Zentrum der Hauptstadt Pjöngjang, in einem rechteckigen, sechsstöckigen Gebäude, liegt das Büro 39 des Zentralkomitees der Arbeiterpartei. Die Abteilung dient der Devisenbeschaffung. Geld wird mit seltenen Pilzen und Ginseng verdient, aber auch mit Autoschmuggel, gefälschten Banknoten, Drogenhandel sowie dem Export von Raketentechnik nach Pakistan, Ägypten, Libyen, Jemen und in den Iran. Das bringe Kim jährlich mehr als 100 Millionen Dollar ein, vermutet Marcus Noland vom Institut für Internationale Wirtschaft in Washington.

Bush beleidigte Kim als "Pygmäen"

Kim Dong Hun, ein Überläufer, der zeitweilig im Auftrag des Büros 39 mit der japanischen Mafia Geschäfte machte, meint: "Wer Kim Jong Il fertigmachen will, muss nur die Geschäfte des Büros 39 unterbinden." Ähnlich sehen es die Washingtoner Hardliner um Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Die Bush-Krieger allerdings haben selbst zum Atomkonflikt auf der koreanischen Halbinsel beigetragen: George W. Bush beleidigte Kim als "Pygmäen", den er verabscheue. Zuvor hatte Kim Ansätze einer Annäherungspolitik erkennen lassen. Als Bush Nordkorea in seine "Achse des Bösen" einreihte, herrschte wieder Eiszeit. Scheitern die Verhandlungen mit Nordkorea, die in dieser Woche in Peking beginnen, wollen die Falken in Washington das Land mit einer Blockade isolieren, bei der zwar Nahrungsmittel rein-, aber keine Drogen, Falschgeld und Raketenteile mehr rauskommen.

Schon jetzt liegt die Wirtschaft Nordkoreas darnieder. Seit dem Zerfall der Sowjetunion hängt das Land vor allem am Tropf Chinas, das mehr als die Hälfte der 1, 5 Millionen Tonnen Weizen zur Verfügung stellt, die Pjöngjang jährlich importieren muss. Trotz der Krise schreckt Kim Jong Il vor Reformen zurück. "Er ist fest entschlossen, an seiner absoluten Macht festzuhalten", sagt sein ehemaliger Chefideologe Hwang, der ranghöchste Überläufer. Nur wenige glauben deshalb daran, dass sich Nordkorea ähnlich wie China in der Zeit nach Mao von innen heraus und friedlich verändern kann. Viele hingegen fürchten, dass Kims Ende eines Tages auch die Nachbarländer mit in den Abgrund reißt, womöglich in einen nuklearen.

Matthias Schepp
1 2 3
weiter  
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Interview "Nordkorea ist die größte Bedrohung"

Der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde Mohamed El Baradei sieht den Beginn eines neuen nuklearen Wettrüstens. Nordkorea, der Iran und auch die USA treiben ein gefährliches Spiel. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston