
Kurnaz wurde kurz vor seinem Rückflug, am 1. Dezember 2001, in Pakistan verhaftet© Gerrard Cerles/AFP
Es war mehr Wut, ohnmächtige Wut. Nach Stunden kam ein Pakistaner, stellte ein paar Fragen, versprach, ich dürfe telefonieren, sagte, man würde mich in die Türkei schicken. Ich habe protestiert, ich wollte nach Deutschland.
Erst viel später. Ein Vernehmer in Guantanamo beschwerte sich mal, dass ich keine neuen Informationen lieferte, sondern immer das Gleiche aussagte. "Sie haben sich wohl mehr erwartet für die 5000 Dollar", sagte ich zu ihm. "3000", antwortete er. "Wir haben nur 3000 für dich bezahlt."
Natürlich durfte ich nicht telefonieren. Etwa zehn Tage war ich in der Zelle. Dann kamen die wieder mit dem Kartoffelsack. Nach langer Autofahrt ging es viele Treppen hinunter zu Zellen voller Ungeziefer. Dort war ich auch etwa zehn Tage. Häftlinge aus Kuwait und Bahrain, die Englisch sprachen, sagten mir, dass sie von Amerikanern als Terrorverdächtige verhört wurden.
Doch, wir mussten blaue Overalls anziehen, für den "Heimflug", bekamen Ohrenschützer und Augenmasken, wurden am Boden des Flugzeugs gefesselt. Noch in der Luft fingen die Wachsoldaten an, uns zu treten und zu schlagen.
Ein Platz am Flughafen. Aufgeteilt in Gruppen von 10, 20 Mann, lagen wir hinter Rollen von Stacheldraht im Freien.
Es war sehr kalt. Die erste Nacht waren wir nackt, die Overalls hatten sie uns weggenommen, und wir trugen ja nichts darunter. Das Wachpersonal hatte Deutsche und Belgische Schäferhunde, die ließen sie hin und wieder auf uns los. Am Morgen bekamen wir neue Overalls, wieder nichts drunter, nichts drüber. Nur kurze Zeit hatten wir mal Decken. Und wir lagen weiter im Freien, mein Atem gefror an meiner Kleidung.
Nach ein paar Tagen kam einer vom Roten Kreuz. Er war aus Deutschland, lange Haare, Schnurrbart, Brille. Er hat für mich einen Brief an meine Familie geschrieben. Noch in der Nacht wurde ich aus der Zelle geholt. Ein Wächter hielt mir eine Pumpgun an den Kopf. "Sie sind Terrorist, was schreiben Sie da für dummes Zeug über Ihre Behandlung?", schrie er. Ich war an Händen und Füßen gefesselt, jemand trat mich von hinten, ich stürzte, der Vernehmer zog mich an den Haaren wieder hoch.
Sie sagten: "Du bist von al Kaida", und wenn ich "nein" sagte, schlugen sie zu, mit der Hand ins Gesicht, auf den Kopf, traten mir in den Rücken. Aber in Kandahar erfuhr ich wenigstens, was mir vorgeworfen wurde: Mein Visum sei gefälscht, und ich sei ein Freund von Mohammed Atta, dem Terrorpiloten. Sie fragten, wo Osama sei, wo ich ihn gesehen hätte. Sie behaupteten, sie wüssten schon alles, ich sollte aussagen, um meine Lage zu verbessern.
Sie wussten eine Menge, zum Beispiel dass ich vor der Reise meine Digitalkamera und mein Handy verkauft hatte und an wen. Ich hatte keinen Zweifel, dass die mit deutschen Behörden zusammenarbeiteten.
Ich war noch keine zwei Wochen dort, da wurde ich abends hinter zwei Lastwagen geführt. Es hieß, zwei deutsche Soldaten wollten mich sehen. Sie trugen Camouflage-Uniformen, das Tarnmuster war aus kleinen Punkten zusammengesetzt, wie vom Computer gemacht, und sie trugen die deutsche Flagge am Ärmel. Ich musste mich hinlegen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der eine zog mich an den Haaren hoch. "Weißt du, wer wir sind?" Der wollte angeben. "Wir sind die deutsche Kraft."
Kann sein. Er hat jedenfalls meinen Kopf auf den Boden geschlagen, und die Amerikaner fanden das lustig.
Sie haben es "duschen" genannt. Man musste sich kaltes Wasser über den Kopf gießen. Mich haben sie jeden Tag dazu rausgenommen. Zum Verhör haben sie mich mit Elektroschocks an den Füßen vorbereitet. Sie haben mich stundenlang an den auf dem Rücken gefesselten Händen aufgehängt. In verschiedenen Positionen, dann Pause, dann wird man wieder umgehängt. Ein Arzt schaut, ob man noch lebt. Der Vernehmer kam jeden Mittag, dann wurde man kurz runtergenommen.
Irgendwann schon. Nach etwa zwei Monaten in Kandahar wurden alle paar Tage Leute aufgerufen. Es hieß, sie würden nach Hause geflogen, sie hätten ausgesagt. Schließlich war ich dran, mit noch vier Türken und fünf Algeriern. Ich glaubte wirklich, es geht in die Türkei. In der Nacht wurden wir fertiggemacht.
Wir wurden rasiert, bekamen Fesseln angelegt, Augenmasken und alles.
Maximum security.
Jeder musste das durchmachen, reden wir von was anderem.
Sicher, als die uns anketteten, habe ich gleich gewusst, das wird ein Erster-Klasse-Flug ... Im Ernst, wie sollte das gehen - mit den Fesseln?
Viele haben es gemacht, manche hatten auch Durchfall.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2006