. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
16. September 2009, 20:40 Uhr

Geheimsache "Arctic Sea"

Arctic Sea, Russland, Waffen, Piraten

Die befreite Besatzung der "Arctic Sea": Fast zwei Wochen wurden die Seeleute einem rosafarbenen Zellenblock festgehalten© Ricky Lopez/AFP

Die acht Piraten waren brutal und gut vorbereitet

Die acht Männer, die die "Arctic Sea" in ihre Gewalt brachten, waren brutal und gut vorbereitet. Sie machten am 24. Juli morgens um drei mit einem Schlauchboot auf Höhe der schwedischen Insel Gotland an dem Frachter fest und behaupteten, in Seenot zu sein. An Bord überraschten sie die Mannschaft mit automatischen Waffen. Sie fesselten die Seeleute und sperrten sie in mehrere Kajüten. Einem Bootsmann gelang es noch, eine SMS an seine Frau abzusenden: "Wir werden entführt." Als die daraufhin die finnische Reederei informierte und der Direktor den Kapitän anfunkte, erklärte der: "Das war nur ein Polizeieinsatz." Schwedische Drogenfahnder hätten das Schiff nach Kokain durchsucht, aber nichts gefunden. Sie seien inzwischen wieder von Bord.

Gespräche mit vorgehaltener Waffe Das Gespräch führte Kapitän Sergej Saretzki mit vorgehaltener Waffe. Reedereidirektor Wiktor Matwejew glaubte seine Geschichte und nahm sich lediglich vor, später bei der schwedischen Regierung zu protestieren. Und so schipperte der gekaperte Frachter unbehelligt durch Skagerrak und Ärmelkanal, wo er auf der Höhe von Dover noch einmal Kontakt mit der britischen Küstenwache hatte. Danach schalteten die Piraten das automatische Identifikationssystem AIS ab (wodurch die "Arctic Sea" auf dem Radar unsichtbar wurde), ließen den Namen vom Rumpf verschwinden und vernichteten sogar die Pässe der Besatzung.

Eine gewöhnliche Entführung scheint ausgeschlossen

Eine gewöhnliche Entführung, wie sie die russischen Behörden glauben machen wollen, halten Schifffahrtsexperten für ausgeschlossen. Die Holzladung der "Arctic Sea" war uninteressant, außerdem sind die Gewässer vor Schweden befahren wie eine Autobahn und viel zu riskant für Piraten. Seit 150 Jahren wurde dort kein Schiff mehr gekapert. Eine Lösegeldforderung, die bei der Reederei Solchart einging, war so gering, dass sie wohl von Trittbrettfahrern stammte.

Bei den Piraten handelt es sich um polizeibekannte Kriminelle, von denen die meisten bereits wegen Körperverletzung, Raub und Diebstahl vor Gericht standen: vier Esten, zwei Letten, zwei Russen, 22 bis 45 Jahre alt. Auf den Bildern, die das russische Staatsfernsehen von ihrer Verhaftung ausstrahlte, sah man stiernackige Gestalten mit riesigen Tätowierungen. Einer fuhr früher zur See und galt jahrelang als verschollen. Anführer war der 35-jährige Alexander Bulejew aus Paldiski in Estland. Er wurde bereits zweimal verurteilt, einmal, weil er versucht hatte, einen Bus zu entführen.

Selbst die berüchtigten Vernehmungsbeamten des FSB beißen sich an ihnen die Zähne aus. Die Festgenommenen ließen über Anwälte erklären, sie seinen in Wahrheit in Seenot geratene Umweltschützer. Nicht sie hätten die "Arctic Sea" überfallen, sondern umgekehrt, der Kapitän hätte ihre Gefangennahme befohlen. Sie würden ihn dafür anzeigen. Wie der Internetdienst GZT.ru meldete, will der FSB nun Lügendetektoren bei den Befragungen einsetzen. Medien werten die dreiste Umweltschützer-Aussage als Indiz dafür, dass die Piraten einen mächtigen Geheimdienst hinter sich wissen. Ihre Spuren auf der "Arctic Sea" versuchten sie zu verwischen. Als russische Soldaten das Schiff unter Kontrolle nahmen, waren Pistolen und Gewehre verschwunden.

Journalisten berichten von Drohungen

Der Kreml hat versprochen, die Affäre mit "größtmöglicher Transparenz" aufzuklären. Bisher sieht es nicht danach aus. Zwar wurden die Behörden in Malta, unter dessen Flagge die "Arctic Sea" fährt, aufgefordert, den Laderaum selbst zu durchsuchen. Sollten an Bord jedoch Raketen oder sonstige Waffen versteckt gewesen sein, so gab es Zeit genug, sie fortzuschaffen. Journalisten, die dem Fall nachgehen, berichten von Drohungen. Ein Reporter der Komsomolskaja Prawda wurde in seinem Hotelzimmer in Archangelsk von einem Unbekannten angerufen: Er solle besser verschwinden, es gäbe viele Kriminelle in der Stadt. Der Piraterie-Experte Michail Woitenko, der über das Verschwinden der "Arctic Sea" auf seiner Web-Seite als erster berichtet hatte, bekam so massive Drohanrufe, dass er Moskau verlassen musste. Er versteckte sich erst Istanbul und ist nun in Thailand untergetaucht.

Von Andreas Albes, Moskau
Seite 1: Geheimsache "Arctic Sea"
Seite 2: Drei Versorgungsschiffe, ein Atom-U-Boot und eine Fregatte
Seite 3: Die acht Piraten waren brutal und gut vorbereitet
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
"Arctic Sea"-Entführung Piraten-Bande stammt aus Estland

Bei den gefassten Entführern der "Arctic Sea" handelt es sich offenbar um vorbestrafte Kriminelle aus Estland. Auch ein seit Jahren als tot gemeldeter Seemann gehört zu den Verdächtigen, die weiter ihre Unschuld beteuern. mehr...

Ladung der "Arctic Sea" Moskau dementiert Waffenschmuggel

Im Fall des lange verschollenen Frachters "Arctic Sea" gibt Russland noch immer kaum Informationen preis. Besonders energisch streitet Moskau die Behauptung von Militärexperten ab, unter der Holzladung hätten sich Marschflugkörper für den Iran befunden. mehr...

 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (8/2012)
Whitney Houston