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15. Dezember 2003, 16:27 Uhr

"Wir sind die größte geistige Provinz der Welt"

Bush nimmt Schröders Gruß beim Weltwirtschaftsgipfel in Evian entgegen: "Das Imperium", sagt Birnbaum, "erlaubt kein Abweichlertum"© dap

Das ändert sich ja nun. Mit der Agenda 2010 bringt die SPD den deutschen Sozialstaat auf amerikanischen Kurs.

Und das ist fatal, es ist ein Verrat an der europäischen Tradition. Schauen Sie doch mal, was der Sozialdemokrat Blair mit seinen Privatisierungen angerichtet hat? Das Londoner U-Bahn-System - marode. Die Eisenbahn - lebensgefährlich. Das Gesundheitssystem - heillos überfordert. Es ist noch nicht zu lange her, da dachte die geistige Elite Europas und auch Amerikas - und das reichte von der Linken bis ins konservative christliche Lager -, in einer gespaltenen Gesellschaft mit um sich greifender Armut möchten wir nicht leben. Das ist vorbei, vor allem in Amerika. Die Moral ist dort in den letzten Jahren abhanden gekommen. Die Elite hat sich eine dicke Hornhaut zugelegt. Das Leid soll unsichtbar werden, und so wird nun in Polizei und Gefängnisse investiert statt in Schulen und Ausbildung.

Ich bitte Sie: Die amerikanischen Universitäten, Yale oder Harvard, gelten als die besten der Welt. Wer es zu etwas bringen will, geht dorthin.

Das stimmt, wir haben großartige Universitäten, beeindruckende Forschungseinrichtungen - aber die Qualität besteht nur auf der allerhöchsten Ebene, für ganz, ganz, ganz wenige.

Amerikanische Jugendliche, klagt Norman Mailer voller Kulturpessimismus, "können nicht mehr lesen, nur noch bumsen".

Ja, das stimmt. Die meisten Leute beziehen ihr Wissen aus dem Fernsehen. Die große Masse verdummt. Wir sind ein Volk ohne Wissen. Schauen Sie sich doch mal die Liste der amerikanischen Nobelpreisträger an. Das sind meistens Ausländer, die ihre Arbeit in Amerika machen. Wir locken die Weltelite ins Land. Wir holen den jungen deutschen Chemiker aus Göttingen - es kann aber auch ein Junge aus einem indischen Slum sein -, der auf einer kostenlosen, staatlichen Schule so gut ausgebildet wurde, wie es bei uns nicht geschieht. Diese Leute sind für uns billiger, als das Geld in die Ausbildung armer amerikanischer Weißer, renitenter Schwarzer zu stecken.

Aber in Deutschland schwärmen Politiker und Ökonomen vom amerikanischen Jobwunder, und sie freuen sich, wie flexibel die amerikanischen Arbeitnehmer seien.

Na ja. Ich weiß nicht, ob diese Experten tatsächlich so viel über unser Land wissen. Bei Frau Merkel habe ich gemerkt, die weiß nun gar nichts. Das amerikanische Modell ist ja alles andere als erfolgreich. Seit Bush Präsident ist, haben wir zwei Millionen Arbeitslose mehr. Außerdem ist es erbärmlich, was für Jobs in den letzten Jahren geschaffen worden sind, keine produktiven Jobs - eine neue Kaste rechtloser Diener ist entstanden. Die Leute müssen mehr strampeln als früher, sie führen ein atemloses Leben, und im Nacken ist die Angst vor dem Absturz. Da gibt es ja diesen Witz über Ex-Präsident Clinton, der sich bei einer Rede lobt, wie er drei Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat. Und der puerto-ricanische Kellner sagt: "Herr Präsident, da haben Sie Recht, ich habe davon drei."

Warum leben Sie noch in den USA?

Ich kenne die ganze Welt, ich könnte in Berlin, Paris, Madrid oder Rom wohnen, ich spreche all die Sprachen, ich habe berall Freunde, aber ich bleibe hier. Ich kann dieses Land nicht verlassen, nicht vor diesen Bushmännern fliehen.

Ihr Kollege Noam Chomsky hat ein düsteres Bild von den USA entworfen. Das sei keine Demokratie mehr, es sei Faschismus.

Es gibt faschistische Züge hier, aber noch haben wir Dissidenten, Noam Chomsky oder Norman Mailer, Raum und Luft, um uns zu bewegen. Und diese Leute sagen nicht: Es bringt nichts. Hör auf. Ich will nun nicht in grübelnde Selbstverleugnung fallen. Aber die Angst nimmt zu.

Sie haben doch nicht Angst, verhaftet zu werden?

Ich bin jetzt 76 Jahre alt. Ich bin ein gesetzestreuer Bürger. Und doch hatte ich neulich - und das war das erste Mal in meinem Leben - Angst, als ich auf dem Flughafen in Washington war, um nach Deutschland zu fliegen. Es war eine unbestimmte, bedrückende Angst, als ich vor dem Grenzbeamten stand. Es sind düstere Zeiten. Es ist schwierig, Außenstehenden diese Stimmung zu erklären. Sie sehen die strahlende Julia Roberts auf der Leinwand, aber Sie merken wohl kaum, was für ein Mehltau über dem Land liegt. Was für eine schreckliche Gleichschaltung. Wir treiben in eine fahnenschwingende Uniformität hinein. Es gab keine Debatten über den Irak-Krieg. Keine wahrhafte Information. Die Massenproteste gegen den Krieg kamen in unseren Medien nicht vor. Es sind Kleinigkeiten, die einem Hoffnung geben: Ein Freund bei der britischen Tageszeitung "Guardian" hat mir gesagt, dass seit dem Irak-Krieg Zehntausende Amerikaner täglich auf ihre Internetseiten klicken, um ein bisschen besser informiert zu sein.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat wohl auch deswegen einen fast verzweifelten Hilferuf nach Europa geschickt: Für ihn wäre es eine Tragödie, wenn Europa sich der amerikanischen Herrschaft fügen würde.

Er hat Recht. Umso bedrückender ist es für mich zu sehen, wie die europ„ischen Sozialdemokraten ihre Geschichte entsorgen, wie kampflos sie das europäische Kultur- und Sozialmodell aufgeben wollen. Und es ist entwürdigend mitzubekommen, wenn beim Weltwirtschaftsgipfel in Evian einer aus der Entourage von Kanzler Schröder beglückt notiert, dass Präsident Bush dem Kanzler zugezwinkert hat. Armes, altes, gutes Europa - Kopf hoch!

Interview: Arno Luik
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