Letzteres funktioniert schon deswegen so gut, weil der Tyrann jeden, der schwänzt, ins Gefängnis steckt.
Außenpolitisch verbündet sich der Irak mit der Sowjetunion und genießt das Wohlwollen der Franzosen. Weil laut Saddam „kein Land, das seine Waffen importieren muss, unabhängig ist“, beginnt er ein gigantisches Aufrüstungsprogramm, und alle aus Ost und West stehen Schlange, um mitzuverdienen.
Wen interessiert es da schon, dass es im Irak viel zu essen, aber nichts zu lachen gibt, dass längst "die Angst der Zement ist, der die Gesellschaft zusammenhält", wie der Exil-Iraker Samir al-Khalil schreibt? Das satte Volk ist zum Komplizen des Grauens geworden, als eine halbe Million Zuschauer 1969 freudig der Hinrichtung von 14 Menschen auf dem "Platz der Befreiung" in Bagdad beiwohnten. Es ist die grausige Ersatz-Revolution der Baath-Partei, eine blutige Kommunion.
Als Saddam wenige Tage nach al-Bakrs Rücktritt Zigarren rauchend und unter Tränen alle Mitglieder des Revolutionsrates zusammentrommelt und mehrere Dutzend "Verschwörer" unter ihnen enttarnt, applaudieren die Übriggebliebenen nicht nur frenetisch; sie werden die "Täter" anschließend auch eigenhändig erschießen, vor laufender Kamera. "Weder Stalin noch Hitler hätten sich derlei ausgedacht", schreibt al-Khalil.
Unter den Opfern ist auch Saddams Weggefährte Adnan Hamdani, dessen Witwe er kurz darauf einen Kondolenzbesuch abstattet. Schluchzend versichert er der entsetzten Frau, er habe ihren Mann geliebt "wie seinen Bruder", indes habe er ihn "für die Sache" opfern müssen.
"Die Sache", das ist keine Ideologie und kein Glaube, das ist er selbst, Saddam. Er tötet vor allem diejenigen, die ihm gefährlich werden könnten, weil sie ihm nahe stehen, etwa seine Schwiegersöhne. Die fliehen aus Angst vor seinem Sohn Uday 1995 nach Jordanien und kehren im Jahr darauf groteskerweise zurück. Uday, der auch schon mal einen Domestiken erschlug, soll ihre Exekution persönlich überwacht haben.
"Die Revolution wählt sich ihre Feinde selbst", sagt Saddam, und auch: "Wir müssen die Erwachsenen mit ihren Söhnen umzingeln." Frauen fürchten sich vor ihren Männern, Eltern vor ihren Kindern, Spitzel vor anderen Spitzeln. Saddam verwandelt den Irak in ein Land der Lüge und des Schreckens, wo es tausendundeine Art gibt zu sterben, aber nur zwei zu überleben – die Mitwisserschaft und die Mittäterschaft. Es gibt keine Unschuldigen mehr, dafür hat er gesorgt.
Und der Westen ebenfalls. Denn was sind schon im Angesicht ihrer Eltern gefolterte Kinder gegenüber dem unberechenbaren Fanatiker Ayatollah Khomeini, der 1979 die Allmacht im Iran ergreift? 1980 startet Saddam seinen Angriff auf den fundamentalistischen Nachbarn, wobei ihm die Großmächte bereitwillig mit Waffen unter die Arme greifen. Aus dem erhofften Blitzsieg wird ein achtjähriger Stellungskrieg, der mit einem Patt endet und den Irak 120000 Tote und mehr als 300000 Verletzte kostet. Als der Tyrann Giftgas gegen Khomeinis Gotteskämpfer und später gegen die Kurden in Halabja einsetzt, löst das im Ausland nicht mehr als ein indigniertes Hüsteln aus.
Erst als Saddam 1990 die gigantische Tankstelle Kuwait überfällt, macht der Westen gegen ihn mobil, schlägt ihn – und lässt ihn gewähren, als er nach dem Krieg seine Republikanischen Garden auf die rebellischen Schiiten und Kurden hetzt. Das Embargo, das anschließend gegen den Irak verhängt wird, schwächt nicht Saddam, sondern sein Volk.
Der Tyrann hatte bis zum jetzigen, seinem letzten Krieg noch nie verloren, trotz all seiner Niederlagen. "Ein erniedrigter Araber", schreibt der Araber Gérard Khoury, "empfindet keine Schuld, sondern Schmach. Wer sich schuldig fühlt, kann seine Fehler erkennen. Für die Schmach jedoch ist man nicht verantwortlich. Schuldig sind die, die sie einem zugefügt haben. Man will die Revanche."
Saddam wird sie nicht mehr bekommen, sein Spiel ist aus. Doch es wird keinen Sieger geben in diesem Krieg. Millionen von Menschen empfinden so, wie es in einem Pamphlet geschrieben stand, das 1920 an den Häuserwänden von Damaskus hing, nachdem die Siegermächte des Ersten Weltkrieges das Osmanische Reich unter sich aufgeteilt hatten. "Eine Nation lebt in Angst, und Wut erneuert ihren Hass. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen: Die Araber haben den Tumult eurer Versammlungen gehört, wo ihr entscheiden wolltet über die Verteilung des Landes, und sie haben verstanden, dass ihr nichts seid als Wölfe."