
Grossbritannien: Ein Friedensaktivist mit Tony-Blair-Maske protestiert vor der amerikanischen Airbase im englischen Fairford. Im Arm hält er eine Bombenattrappe, die auf den US-Spielzeugdiscounter"Toys'R'Us" anspielt.© AP
In den Bürotürmen der Londoner City schauten in der vergangenen Woche die Händler gebannt auf die Monitore und waren fassungslos angesichts des Absturzes der britischen Börse. Eine Meile östlich, im East End, kann Ralph Silverman seine Verzückung über die Kriegsvorbereitungen am Golf kaum verbergen.
Der Laden brummt. "Silverman's", 1896 vom Urgroßvater gegründet, ist Britanniens größter Versandhandel für Militärausrüstung: Stiefel, Uniformteile, Kriegszubehör. Einen Pappbecher Milchkaffee in seiner Rechten schwingend, wuselt Ralph Silverman zwischen den deckenhohen Regalen seiner Lagerhalle. Es riecht ziemlich intensiv nach Leder, Stoff und Gummi. Den Boom verdankt er dem Zustand der britischen Armee, die bislang 30000 Soldaten Richtung Irak in Marsch gesetzt hat: Zahlreiche Ausrüstungsgegenstände der Royal Army taugen nicht für den Wüstenkrieg.
Manöver im Emirat Oman offenbarten, dass sich bei Temperaturen um 40 Grad die Sohlen der Armeestiefel auflösen. Soldaten in dicken Uniformen kollabierten mit Hitzeschocks. Jetzt ergänzt jeder zweite Golfkrieger seine Ausrüstung auf eigene Rechnung. Ein absoluter Verkaufshit ist der Artikel Nummer 70253: original US-Desertboots für rund 120 Euro. Viele Lieferungen gehen per Feldpost direkt in die Wüste. Silverman glaubt fest, "dass Saddam uns alle bedroht" und der Krieg gerechtfertigt sei. Ein Sieger steht schon fest: "Silverman's" im East End.
Der Duft nach frischem Tomatensugo zieht aus dem Hinterhof der Via Dandolo 10. Fröhliche Senegalesen und schüchterne Ukrainerinnen, lächelnde Indios und aufgedrehte Albanerinnen, undurchdringliche Chinesen und ein paar abgerissene Italiener drängen im Herzen des römischen Stadtviertels Trastevere zur "Volksküche" der katholischen "Gemeinschaft des Heiligen Ägidius". Drinnen, in zwei weiß gekachelten Sälen, ist gedeckt. Gepflegte Damen, Nonnen und Ordensbrüder servieren Pasta, gebackenen Fisch und frischen Obstsalat. "Hier drin", sagt Mohamed Belferrar, "habe ich begriffen, wie harmonisch die Menschen miteinander auskommen können."
Mohamed, gelernter Informatiker aus der algerischen Kleinstadt Lattaf, floh Anfang 1999 vor dem Bürgerkrieg. Ein illegaler Einwanderer, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Sprachkenntnisse, nur mit einer Wolldecke für die Straße. Heute spricht Mohamed ordentlich Italienisch und ist einer der aktivsten Mitarbeiter der "Comunità di Sant'Egidio", die weltweit rund 40000 Mitglieder zählt. Die frommen Volontaristen sind unaufhaltsam zu geheimen Friedens-diplomaten von Papst Johannes Paul II. aufgestiegen: Sie verhandeln als Vertrauenspersonen in Konflikten, bei denen der Heilige Stuhl offiziell nicht eingreifen kann, und pflegen enge Kontakte zur Arabischen Liga.
Mohamed ist tief beeindruckt vom unbeugsamen Pazifismus des alten Manns im Vatikan: "Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Er ist immer eine Niederlage für die Menschheit." Jetzt geht der Muslim manchmal zum Friedensgebet, das seine katholischen Freunde jeden Abend in der Kirche Santa Maria in Trastevere abhalten. Und er verteidigt seine Haltung gegenüber anderen Muslimen, wenn sie argwöhnen, er habe sich von der "Christenbande" bekehren lassen. Am liebsten schleppt er sie dann in die Via Dandolo. Zeigt ihnen die Volksküche, die für Muslime an Ramadan Sondermenüs nach Sonneruntergang kocht, besucht mit ihnen die Klassenzimmer - und wenn Zeit zum Gebet ist, dann wäscht er mit ihnen die Füße auf der Schultoilette, schleppt einen Teppich heran, und sie knien nieder unter dem Dach der Christen und beten gemeinsam zu Allah.
Die verkohlte Leiche seiner Frau hat der 76-jährige Halit Rexhepi nie zu Gesicht bekommen. Sie wurde anhand des Eherings und der Zahnprothese identifiziert. Die pensionierte Lehrerin aus dem Dorf Podujevo war am 1. Mai 1999 in den Linienbus Belgrad - Pristina gestiegen, um ihren Sohn in der Hauptstadt des Kosovo zu besuchen. Auf einer "strategisch wichtigen Brücke", so die Nato später, zerfetzte eine ferngelenkte US-Bombe den Bus. 50 weitere Passagiere starben. Die Nato bedauerte das Versehen. "Nein, ich mache die Amerikaner nicht verantwortlich für den Tod meiner Frau", sagt der Witwer heute. "Wir waren ja froh, dass die Nato im Kosovo intervenierte. Schuld am Tod meiner Frau ist Milosevic. So wie er verantwortlich ist für das Massaker an 21 Menschen kurz zuvor in unserem Dorf. Stellen Sie sich vor: zwei alte Männer und sonst nur Frauen und Kinder von serbischen Milizen ohne Grund am hellichten Tag an die Wand gestellt und ohne Erbarmen abgeknallt."
Der ehemalige Gemeindeangestellte sitzt auf dem Sofa in der guten Stube seines Häuschens. Die Schmuckkissen sind in einen Plastiküberzug gehüllt. An der Wand hängt ein Jugendbild seiner Frau. "Genauso wie Milosevic nur militärisch zu stoppen war, ist auch Saddam nur mit Waffengewalt beizukommen. Er ist ein Krimineller, hat seine eigenen Leute umgebracht und Kuwait angegriffen. Er muss weg." Halit geht es "um die Menschen" im Irak. "Da braucht es auch keine neue UN-Resolution", sagt er und blickt auf das Foto an der Wand.