Also lassen sie ihre zahlenmäßig meist überlegenen Regimenter immer wieder mit klingendem Spiel in den Kugelhagel der amerikanischen Heckenschützen laufen und wundern sich anschließend über die Treffsicherheit der aufrührerischen Hundsfötte.
Kommandeur der Freiheitskämpfer ist der Plantagenbesitzer George Washington aus Virginia: fast zwei Meter groß; markante Züge; untadeliges Benehmen; außergewöhnliche Tapferkeit. Hoch zu Ross sieht er wie sein eigenes Reiterstandbild aus. Und seine Ansprachen scheinen weniger für die Truppe als für die Ewigkeit bestimmt: "Ihr müsst der Welt zeigen, dass ein freier Mann auf eigener Scholle jedem sklavischen Söldner auf der ganzen Erde überlegen ist."
Doch der prächtige Soldat hat einen Makel: Er ist kein großer Feldherr. Kaum haben seine englischen Widersacher in ihrer Arroganz eine Schlacht verschludert, vermurkst er prompt die nächste, und das blutige Patt ist wiederhergestellt. Aber er ist lernfähig und kann zäh sein. Als im Winter 1780 seine frierenden Scharen, deren Elendsmärsche - so Washington - man "am Blut ihrer Füße" verfolgen könne, drauf und dran sind zu meutern, schreibt er: "Ich habe fast die Hoffnung verloren." Aber eben nur fast. Er kämpft weiter, und nicht einmal ein Jahr später endet der Krieg mit der Kapitulation des englischen Generals Cornwallis bei Yorktown am 19. Oktober 1781.
Drei Faktoren sind für den überraschenden Sieg der Amerikaner verantwortlich. Die wirre englische Kriegsführung, die das eigene militärische Übergewicht immer wieder souverän verspielt. Dann ein gewisser Herr Steuben, seines Zeichens preußischer Offizier, der von 1778 an die wilden Haufen der Amerikaner wenigstens einigermaßen auf Vordermann bringt, obwohl er mehr als einmal resignierend feststellt, eine solche Armee "hätte auch Cäsar und Hannibal den Ruf gekostet". Und drittens der Kriegseintritt Frankreichs im selben Jahr. Gegen den Erbfeind England kommt Paris den Aufständischen mit gut gedrillten Truppen zu Hilfe - und mit seiner Flotte. Bei einer Seeschlacht fällt die Vorentscheidung. Französische Schiffe besiegen vor Yorktown unterlegene englische Verbände, damit sind die in der Stadt verschanzten Briten vom Nachschub abgeschnürt. Die französisch-amerikanische Artillerie kann sie in aller Ruhe zusammenkartätschen. Von New York aus sticht eine starke englische Hilfsflotte bezeichnenderweise erst an dem Tag in See, an dem Cornwallis die weiße Fahne hissen lässt. Eine britische Militärkapelle spielt bei der Übergabe den alten Marsch: "Die Welt steht Kopf."
Ihre Unabhängigkeit hatten die Vereinigten Staaten von Amerika schon 1776 erklärt. Am 4. Juli dieses Jahres verabschiedete der "Kontinental-Kongress" - Abgesandte aus den 13 Einzelstaaten - in Philadelphia die "Declaration of Independence". Sie gipfelt in den erhabenen Sätzen: "Folgende Wahrheiten halten wir für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören."
Ganz so für die Ewigkeit, wie es klingt, ist das berühmte Dokument aus der Feder von Thomas Jefferson, einem späteren Präsidenten, nicht gedacht. In 18 Punkten rechtfertigt es ganz handfest den definitiven Bruch mit dem Mutterland durch die Aufzählung der Scheußlichkeiten, die König Georg an den Amerikanern begangen habe und begehe: "Er hat unser Meer geplündert, unsere Küsten verheert, unsere Städte niedergebrannt und unsere Mitbürger getötet." Und selbst das revolutionäre Credo von der Gleichheit aller Menschen ist so ehern nicht. In stillschweigender Übereinkunft gilt es nicht für die Hunderttausende schwarzer Sklaven, die inzwischen die Plantagen im Süden bewirtschaften - unter anderem die Güter von Jefferson und Washington.
Als die Unabhängigkeitserklärung verkündet wird, läuten landauf, landab die Glocken. In New York stürzen die Bürger das Reiterdenkmal Georg III. vom Sockel und gießen daraus - man befindet sich ja im Krieg - 42500 Musketenkugeln. John Hancock, einer der Unterzeichner des Dokuments, setzt als Erster seine Unterschrift in besonders großen und markigen Lettern darunter, damit "der König von England sie ohne Brille lesen kann". Dann fordert er die Amerikaner auf "einig zu sein, zusammenzuhängen". Sein Pathos treibt Benjamin Franklin, den amerikanischen Weltmann, Diplomaten und Erfinder des Blitzableiters, zu der ironischen Antwort: "Ja, wenn wir jetzt nicht zusammenhängen, dann werden wir alle einzeln hängen!"
Die junge Republik gewinnt den Krieg, keiner der Unabhängigkeits-Väter muss am Galgen baumeln. 1787 treffen sich 55 Abgesandte der Einzelstaaten in Frieden wieder in der Staatshalle von Philadelphia. Ihr Ziel ist die Ausarbeitung einer Verfassung. Washington führt den Vorsitz, der greise Franklin ist dabei; Jefferson allerdings macht als Botschafter in Paris gut Wetter für die neue Nation. Das Problem: Wie bringt man die Interessen der Einzelstaaten, die gerade ihre Unabhängigkeit erkämpft haben, unter einen Hut, schwört sie ein auf die Notwendigkeit einer starken Zentralgewalt? Und wie soll der Einfluss der einzelnen Ex-Kolonien gewichtet werden, vom kleinen New Hampshire bis zu großen Flächenstaaten wie Virginia?
Man studiert antike Vorbilder. Rom, Athen, sogar Karthago. Man holt sich Anregungen bei den mittelalterlichen Adelsrepubliken Venedig oder Genua. Am Ende glückt ein pragmatischer Kompromiss. Jefferson findet ihn geradezu außerirdisch, er preist seine Schöpfer als "eine Versammlung von Halbgöttern".
Die Einzelstaaten behalten einen Großteil ihrer Eigenständigkeit. Für übergreifende Gesetze werden auf Bundesebene zwei Kammern eingerichtet: das Repräsentantenhaus, in das die Staaten Abgeordnete je nach ihrer Bevölkerungszahl schicken, und der Senat, in dem jeder Staat unabhängig von seiner Größe zwei Sitze erhält. Dazu kommt eine unabhängige Justiz und als Exekutive ein starker Präsident, der später sogar, darauf legt Washington wert, seine Minister ohne Zustimmung des Kongresses ernennen und entlassen kann.
Der Kriegsheld ist der erste Mann an der Spitze der Vereinigten Staaten. 1789 wird er einstimmig gewählt, vier Jahre später genauso einstimmig wiedergewählt - das soll in Zukunft keinem Präsidenten mehr gelingen. Kurz vor Amtsübernahme schreibt er einem Freund: "Meine Gefühle sind denen eines Schuldigen nicht unähnlich, der zu seiner Hinrichtungsstätte geht. Doch als braver Soldat widersetzt er sich dem Ruf nicht, der ihn ereilt." Er wird ein populärer Präsident, wenn auch kein volksnaher. Denn so sehr er politisch und militärisch auf der Seite der Republik stand und steht, im Herzen ist er Aristokrat. Er liebt es, in kanariengelber Karosse mit goldenen Verzierungen vorzufahren, gibt niemandem bei Empfängen die Hand und grollt, weil man ihm, dem Präsidenten, die Anrede "Ihre Mächtigkeit" verweigert.
Der Französischen Revolution, die sich in vielem auf das amerikanische Vorbild beruft, steht Washington eher ablehnend gegenüber. Die Amerikaner hätten die Tore zur Freiheit aufgeschlossen, die Franzosen hätten sie allzu weit aufgestoßen. Amerikas Zukunft, Amerikas Sendung formuliert er so: "Die Vereinigten Staaten scheinen von der Vorsehung dazu bestimmt, der menschlichen Größe und dem menschlichen Glück eine Heimat zu geben. Das Resultat muss eine Nation sein, die einen verbessernden Einfluss auf die ganze Menschheit ausübt." Kein Wunder, dass seine dankbaren Landsleute die neue Hauptstadt der USA, die in Virginia am Flüsschen Potomac entsteht, nach George Washington benennen.