Aus allen ethnischen Gruppen sammeln sich nun Linke, Bürgerrechtler, Studenten, Gewerkschafter, Hippies und Feministinnen. Sie machen Sit-ins an den Universitäten von Berkeley oder Princeton, rauchen Marihuana und strömen zu Mega-Happenings wie dem Woodstock-Festival, bei dem 1969 gut 400 000 Fans zusammenkommen. Ihre Vorbilder sind der Philosoph Herbert Marcuse, der Verbraucher-Anwalt Ralph Nader, die Feministin Gloria Steinem, der Drogenapostel Timothy Leary oder die Rockband "The Grateful Dead". Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird Amerika von einer Rebellion erschüttert, die seine zentralen Werte in Frage stellt: den Pragmatismus, den Puritanismus, das Profitdenken.
Die junge Generation will ein anderes Amerika, eine Gegenkultur. Es entstehen Landkommunen und Alternativ-Läden. Männer lassen bei Rock-Festivals, Frauen beim "Anti-BH-Tag" in San Francisco die Hüllen fallen. Das Establishment, das die USA in einen - so Schriftsteller Henry Miller - "klimatisierten Albtraum" verwandelt hat, reagiert zunehmend nervös: "Die Bastarde von Berkeley", schimpft Ronald Reagan, Kaliforniens rabiater Gouverneur, schwelgten in "Sex, Drogen und Verrat".
Bei einem Anti-Kriegstreffen in San Francisco skandiert die Menge "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" (Hallo, Lyndon B. Johnson, wie viele Kinder hast du heute schon umgebracht?) Im November 1969 gehen 700 000 Menschen in Washington auf die Straße - die mächtigste Demonstration in der Geschichte Amerikas. Sie rufen "Make love, not war" (Macht Liebe, nicht Krieg).
Das Versprechen, das südasiatische Land von den kommunistischen Vietcong zu befreien, verkehrt sich in ein monströses Verbrechen, in einen schmutzigen Krieg, den die US-Army mit Napalmbomben und dem Entlaubungsgift »Agent Orange« führt. Und als der Krieg, dem über eine Million Vietnamesen und 58 000 Amerikaner zum Opfer fallen, 1973 endgültig verloren ist, haben die USA wieder einmal ihre Glaubwürdigkeit verspielt, diesmal gründlicher denn je.
"Der amerikanische Elefant lässt die Erde erbeben, doch die darin lebenden Ameisen kann er nicht erobern", stellt der TV-Journalist Alistair Cooke fest. Je sinnloser der Krieg, desto größer wird in den USA die Schar seiner Kritiker.
Unter ihnen ist auch George Kennan, der Kalte Krieger mit der Eindämmungs-Strategie. Die größte Gefahr in der Begegnung mit dem Kommunismus, erklärt der heute 98-jährige Denker, bestehe für Amerika darin, "dass wir uns erlauben, genauso zu agieren wie diejenigen, gegen die wir vorgehen".
1969 wird der Republikaner Richard Nixon Präsident. Er führt noch weitere fünf Jahre Krieg, weitet ihn sogar auf Kambodscha aus. Die Friedensaktivisten schimpft er "peaceniks" und lästert über "die Gammler auf dem Campus". Am 4. Mai 1970 feuern Polizisten an der Kent State University von Ohio blindwütig auf Demonstranten; vier Studenten sterben. 1971 befiehlt der zunehmend paranoide Präsident, Listen von missliebigen Personen zu erstellen, auf denen bald Hunderte von "Feinden" stehen, Politiker, Journalisten, Schauspieler wie Jane Fonda oder Football-Stars wie Joe Namath von den New York Jets.
Und es kommt noch bizarrer. Am 17. Juni 1972 brechen vier Kubaner und ein Ex-CIA-Spion kurz nach Mitternacht in das Washingtoner Hauptquartier der Demokraten im Watergate-Hotel ein, um deren Wahlkampfstrategie auszuspionieren.
Die "Klempner" tragen Plastikhandschuhe und handeln, wie Reporter der "Washington Post" nachweisen, im Auftrag des Präsidenten. Weil der Sicherheitsfanatiker stets all seine Gespräche auf Band aufzeichnet, bekommt Amerika die Befehle Nixons später im Originalton serviert. "Gottverdammt", bellt er seine Untergebenen an, "holt euch diese Akten, jagt den Safe in die Luft!" Oder er schreit: "Wir haben es mit einem Feind zu tun, einem Verrat. Die anderen setzen alle Mittel ein, also setzen wir auch alle Mittel ein, ist das klar?" Die Nation ist schockiert über die vulgäre Sprache ihres Präsidenten, der seine Gegner "Hurensöhne", "Schwanzlutscher" und "Geldjuden" nennt.
Am 8. August 1974, als seine Amtsenthebung (impeachment) unabwendbar ist, tritt Nixon zurück. Noch nie war ein US-Präsident so tief in kriminelle Machenschaften verstrickt. Und wohl noch nie haben sich im Weißen Haus dermaßen deprimierende Szenen abgespielt - am Tag vor dem Rücktritt torkelt Nixon betrunken durch die Korridore und hält lallend Zwiesprache mit den Wandbildern früherer Präsidenten.
Die USA sind am Tiefpunkt, moralisch wie wirtschaftlich. Der zehn Jahre währende Vietnamkrieg hat 150 Milliarden Dol-lar verschlungen. Inflation, Arbeitslosigkeit, Riesenlöcher in den Bildungs- und Sozialetats sind die Folge. Jahrzehntelang erfreuten sich die Bürger eines ständig steigenden Konsums, nie wurden die Steuern erhöht. Doch jetzt steht selbst die Metropole New York vor dem Bankrott. In Downtown Detroit ist die Kriminalität schlimm wie noch nie.
Bislang Undenkbares passiert - dem reichen Amerika geht wegen des arabischen Öl-Embargos nach dem Yom-Kippur-Krieg Mitte der siebziger Jahre das Benzin aus; im Winter machen wegen des Öl-Mangels sogar Schulen dicht. Der farblose Präsident Gerald Ford, ein Nixon-Kumpel, bringt keinerlei Umschwung.
Jimmy Carter jedoch, erneut ein Demokrat auf dem Präsidentenstuhl, drosselt am ersten Amtstag demonstrativ im Weißen Haus die Thermostate, debattiert die Energiekrise in der Strickjacke am offenen Kamin. Das imperiale Gehabe seiner Vorgänger, die vielen Lügen, der oft falsche Glanz, die Arroganz der Macht - all dies ist dem Erdnussfarmer aus Georgia fremd. Er ist mit Bob Dylan befreundet, geht joggen, diskutiert über Sonnenenergie, verbietet der Präsidentengarde, die Lobeshymne "Hail to the Chief" zu spielen und sorgt dafür, dass Gäste im Weißen Haus ihr Frühstück selbst bezahlen.
Auch außenpolitisch fährt der Mann aus dem Süden einen neuen Kurs. Unermüdlich setzt er sich für die Menschenrechte in Drittweltländern ein, und nach langem Ringen gelingt es ihm sogar, zwischen Israel und Ägypten in Camp David Frieden zu stiften. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979 ruft er zum Boykott der Olympischen Spiele von Moskau im folgenden Jahr auf. Doch insgesamt agiert Carter glücklos. Ausgerechnet ihm, dem Gutmenschen aus Georgia, wird ein finsteres Erbe der US-Außenpolitik zum Verhängnis.
Niemand in den USA ahnt, was sich in Persien zusammenbraut. Noch im August 1978 meldet die CIA, im Iran herrsche "weder eine revolutionäre, noch nicht einmal eine vorrevolutionäre Lage". Wie sehr sich die "Gurkenfabrik" (Agentenslang) irrt, zeigt sich sechs Monate später: Der einst von den USA inthronisierte Schah muss fliehen, Ayatollah Khomeini übernimmt die Macht. Anhänger des Schahs - für ihn "Werkzeuge der CIA" - lässt der islamische Revolutionsführer exekutieren. Im November 1979 besetzen seine Garden in Teheran die Botschaft des "Großen Satans" Amerika. 52 US-Bürger nehmen sie als Geiseln. Deren Befreiung durch ein waghalsiges Hubschrauber-Kommando scheitert kläglich im Wüstensturm. Amerika hat nun neben der Sowjetunion auf der internationalen politischen Bühne einen zweiten erklärten Feind, den Gottesstaat Iran - und mit ihm bald fast die ganze islamische Welt.