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12. März 2002, 00:00 Uhr

Rambo will die Welt beherrschen

Die erste Bewährungsprobe muss Clinton in Afrika bestehen. Es ist eine grausame Szene, die am 4. Oktober 1993 über amerikanische Bildschirme flimmert. Frauen, Kinder und Milizionäre zerren singend und lachend einen Leichnam durch den Dreck der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Nackt, wie ein geschundenes Stück Vieh, an Armen und Beinen gefesselt ist der Tote. Es ist ein amerikanischer Soldat. Sein verstümmelter Körper ist aufgebläht von der afrikanischen Hitze, sein blondes Haar verdreckt, seine Augen sind von Schmutz verklebt.

Lektionen aus dem Desaster

Am Tag zuvor sind 15 Elitesoldaten bei einem Gefecht mit somalischen Milizen ums Leben gekommen. Die Amerikaner sind Teil einer UN-Mission, die in dem ostafrikanischen Land eine Hungersnot beenden soll. Das Desaster bestätigt die USA in ihrer Meinung, wonach sie bei internationalen Einsätzen die uneingeschränkte Führung haben sollten und das Risiko für ihre Bodentruppen auf ein Minimum reduziert werden muss. Lektionen, die sie in den Kämpfen auf dem Balkan eindrucksvoll umsetzen. Im Kosovokrieg stirbt nicht ein US-Soldat.

Weltpolitisch gibt es am Ende des 20. Jahrhunderts keinen Konflikt, an dem die USA nicht direkt oder indirekt beteiligt sind. Ob als Vermittler im Nahen Osten oder militärisch auf dem Balkan, ob in Afrika oder in Asien. Amerikanische Soldaten sind rund um den Globus in 30 Ländern stationiert. Doch nach innen ist Amerika bei weitem nicht so stark, wie es sich nach außen gibt.

Auch Präsident Clinton kann nicht verhindern, dass die Widersprüche des amerikanischen Traums in den neunziger Jahren größer werden. Zwar erlebt das Land einen unvergleichlichen Boom. Der Dow-Jones-Index vervierfacht sich. Aber auch von diesem Höhenflug profitiert vor allem die Oberschicht. Im Vergleich mit seinen Kollegen in anderen Industrienationen hat es ein amerikanischer Arbeiter schwer. Er kennt keinen Kündigungsschutz und keine wirkliche Arbeitslosenversicherung. Er hat die höchste Arbeitszeit, bekommt die niedrigsten Löhne und hat den kürzesten Urlaub. Er muss die College-Ausbildung seiner Kinder aus eigener Tasche bezahlen. Und wenn ein Familienmitglied schwer erkrankt, kann das den Ruin bedeuten.

Über 40 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Clinton verspricht, das zu ändern. Am 22. September 1993 tritt er vor den Kongress in Washington. In der Hand hält er ein Stück Plastik. "Mit dieser Karte", verspricht der Präsident dem Volk, "werden Sie niemals ohne Versicherungsschutz sein, egal, wo sie arbeiten, wie krank oder alt Sie sind." Doch der ehrgeizige Plan einer umfassenden Gesundheitsreform scheitert am Widerstand aus der eigenen Partei, an der Opposition der Republikaner und an einem 300 Millionen Dollar teuren Werbefeldzug der Pharmaindustrie. Deren Einfluss wollte Clinton beschränken. In ihrer Kampagne suggeriert sie, der Präsident plane eine Art sozialistisches Gesundheitswesen.

Es ist ein Beispiel von vielen für die Abwege, auf die die älteste Demokratie der Welt geraten ist. "Der Einfluss des großen Geldes auf die Entscheidungen in Washington ist obszön", sagt Harold Evans, einer der angesehensten Journalisten des Landes. In der Hauptstadt arbeiten über 17 000 Lobbyisten, um die Interessen der Industrie, der Gewerkschaften und privater Organisationen zu vertreten.

Sie geben mehr als 1,5 Milliarden Dollar aus, um die Politik zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Vom Geldregen profitieren die Republikaner mehr als die Demokraten. So soll der Milliardär Richard Mellon Scaife seit Mitte der achtziger Jahre annähernd 200 Millionen Dollar für die Konservativen gespendet haben. Sein erklärtes Ziel ist es, Clinton zu Fall zu bringen. Und tatsächlich wäre der Präsident fast gestürzt.

Der Penis des Präsidenten wird Party-Talk

Im Januar 1998 veröffentlicht die "Washington Post" einen Bericht über eine angebliche Affäre des Präsidenten mit einer Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky. Am selben Tag tritt Clinton im Fernsehen vor sein Volk. Er wirkt fahrig und nervös. "Die Geschichte ist nicht wahr. Ich hatte keinen sexuelle Beziehung zu dieser Frau", beteuert er. Seine Augen, seine Gestik und Mimik erzählen eine andere Geschichte.

In den folgenden Monaten erfährt die Nation, wie groß der Penis des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist, wie er im erigierten Zustand aussieht und welchen Umfang er hat; sie hört und liest von Samenergüssen im Oval Office. Die schmutzige Soap Opera spielt zur besten Sendezeit. Allerdings interessiert sie die Politiker in Washington mehr als das Volk. Während des gesamten Skandals sind 81 Prozent der Amerikaner mit Clintons Amtsführung zufrieden, über zwei Drittel wollen, dass er Präsident bleibt.

Ein Jahr beschäftigt sich Washington, gegen den ausdrücklichen Willen der Wähler, fast nur noch mit dem Sexleben des Präsidenten. Clinton muss zugeben, dass er gelogen hat. Im Dezember 1998 beschließt die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn. Er bleibt nur Präsident, weil ihn der Senat nicht verurteilt. Die Bevölkerung wendet sich angewidert ab.

Der Abstimmung über den nächsten Präsidenten der USA im November 2000 bleibt jeder zweite Bürger fern. Und wer hingeht, kann nicht sicher sein, dass seine Stimme auch richtig von den Wahlmaschinen ausgewertet wird. Vor allem Schwarze, die häufiger für Demokraten als für Republikaner stimmen, geben oft Wahlscheine ab, die als ungültig gewertet werden. Am Ende des Chaos und nach zahlreichen Gerichtsverfahren, die das Land in Atem halten, steht der neue Präsident fest: George Bush junior, der Sohn des 41. Präsidenten Bush und der politische Enkel Ronald Reagans.

Sein Kabinett der Reichen und der Rechten irritiert schnell den Rest der Welt mit Entscheidungen gegen internationale Umweltschutzabkommen, gegen die dauerhafte Einrichtung eines Internationalen Gerichtshofs oder gegen weitere Rüstungskontrollen. Der Mann, der einst davon träumte, sein Leben mit dem Posten eines Baseball-Commissioners krönen zu können, erscheint als Herr im Weißen Haus oft peinlich.

"Wir werden es der Welt zeigen"

Aber er hat den Rückhalt des Volkes. Und nie ist die Zustimmung zu einem Präsidenten größer als nach dem 11. September 2001. Bushs Brandrede nach dem größten Terroranschlag gegen die USA trifft die Stimmung im Lande: "Wir werden sie in ihren Löchern ausräuchern und zur Strecke bringen", verspricht er für den Kampf gegen Osama bin Laden und sein Netzwerk al Qaeda. Und: "Wir werden es der Welt zeigen."

Da blitzt sie wieder auf - die Idee, den Rest der Menschheit vor allem Übel zu bewahren. Ob Europa vor dem Faschismus, die Welt vor dem Kommunismus oder vor dem islamistischen Terrorismus. "Amerikas Entdeckung eines Feindes, der nicht bloß ein Feind ist, sondern das Böse verkörpert, hat viele historische Parallelen", schreibt die "New York Times". "In seiner langen Geschichte, auf tatsächliche oder eingebildete Drohungen zu reagieren, scheint eines klar: Dieses große heterogene Land definiert sich zum Teil durch die Vergeltung, die es übt." Und dabei, so der Historiker John W. Dower vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, "neigen wir dazu, die Feinde als Supermänner oder als Barbaren zu sehen, aber niemals als Menschen wie uns selber".

Jan-Philipp Sendker
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