Sein erster Weg führt ihn in die US-Botschaft. Dort erklärt man ihm, die Vorwürfe seien geprüft und für nichtig befunden worden, doch damit gibt sich Wilson nicht zufrieden. Er trifft sich mit den zuständigen Ministern und den für die Uranproduktion verantwortlichen Chefs eines internationalen Konsortiums. Die Jahresproduktion, so erfährt er, beträgt 1800 Tonnen. Eine zusätzliche Produktion von 500 Tonnen könne unmöglich ohne das Wissen der Franzosen, Deutschen, Japaner und Spanier funktionieren. "Ich habe mich mit Dutzenden Leuten getroffen", sagt Wilson. "Die Dokumente waren gefälscht. Es war absolut nichts dran."
Eine Stunde nach der Rückkehr aus dem Niger besuchen ihn Mitarbeiter der CIA in seinem Haus in Washingtons Stadtteil Palisades. Wilson berichtet ausführlich von seinen Nachforschungen und den Fälschungen und versichert: Es ist absolut nichts dran. Damit, glaubt er, ist die Sache erledigt. Parallel dazu verfasst die US-Botschaft im Niger einen Bericht ans Außenministerium mit der Kernaussage: Es ist nichts dran. Auch ein General der US-Armee, der unabhängig von Wilson die Sache untersucht, kommt zu diesem Schluss: nichts dran.
Wilson erzählt detailliert von seiner CIA-Mission im Niger, nüchtern und leidenschaftslos. Er sitzt in seinem geräumigen Büro, nahe dem Weißen Haus, die Hände gefaltet, der Blick leer. Doch wenn die Rede auf seine Regierung kommt, gerät er in Wallung. "Ich glaube inzwischen, sie haben bewusst nur die Infos herausgepickt, die ihrem Kriegswunsch dienten, und die wahren Fakten ignoriert. Das haben sie auch in meinem Fall so gemacht. Es ist empörend."
Die CIA-Mitarbeiter sind jedenfalls zufrieden mit Wilsons Mission und schicken zwei Memoranden an den Nationalen Sicherheitsrat. Cheney und Rice werden später erklären, sie hätten von Joseph Wilsons Reise in den Niger nie etwas erfahren. Der Uranverdacht, das denken nun alle Beteiligten, ist vom Tisch. Elf Monate später jedoch wird Präsident Bush die staunende Welt wissen lassen, dass Saddam Hussein versucht habe, Uran in Afrika zu bekommen. Er meint den Niger. Er meint die 500 Tonnen. Es ist eine von vielen gravierenden Falschinformationen, die in den nächsten Monaten auf die Öffentlichkeit losgelassen wird.
Karen Kwiatkowski ist Oberstleutnant der Air Force, seit 20 Jahren im Dienst und inzwischen anerkannte Expertin für Nordafrika in der Defense Intelligence Agency (DIA), der Geheimdienstabteilung im Pentagon. Bald will sie sich aus dem Dienst verabschieden und auf eine Farm in Virginia zurückziehen. Sie hofft, ihre letzten Monate in Ruhe abbummeln zu können. Aber Karen Kwiatkowski wird noch einmal versetzt, am 10. Mai, in das Büro für "Near East South Asia" (NESA). Ein Freund sagt ihr zum Abschied: "Schreib alles auf, was du erlebst." Sie fragt: "Warum sollte ich das?" Er sagt: "Tu es einfach." Sie wundert sich noch nicht. Gleich am ersten Arbeitstag rät ihr eine Kollegin: "Sag hier bloß kein Wort gegen Israel oder für Palästina." Kwiatkowski schüttelt den Kopf, wundert sich aber immer noch nicht, Geheimdienstler sind manchmal etwas merkwürdig. Sie macht einfach ihren Job, schreibt Berichte über den Jemen, Oman, Bahrain und Katar und studiert das Geheimdienstmaterial über den Irak.
Während der frühen Sommermonate füllen sich die Flure in der vierten Etage, Gebäudering D. Immer mehr junge Leute tauchen auf. Sie sind wortkarg und unnahbar. William Luti, Kwiatkowskis neuer Boss, sagt irgendwann bei einem der morgendlichen Treffen in seinem Büro, eine neue Abteilung sei gegründet worden, das "Office for Special Plans" (OSP).
In der Folge bekommt sie mit, wie Luti und Staatssekretär Douglas Feith schon im Frühsommer 2002 über die bevorstehende Invasion des Irak reden. "Es war keine Frage des Ob", sagt sie. "Es war nur eine Frage des Wann. Die Entscheidung war längst gefallen. Im Dezember sollte es losgehen." Und langsam wird ihr klar, was das "Office for Special Plans" in Wahrheit ist - ein Dienst im Dienst mit der einzigen Aufgabe, den Krieg vorzubereiten, bestimmte Informationen zu streuen und "eine Propagandalegende zu kreieren. Die Denkweise war so: ,Wir müssen den Rest der Regierung an Bord kriegen, den Kongress überzeugen, das Außenministerium auf Linie bringen und schließlich das amerikanische Volk aufrütteln.'"
Das OSP leistet ganze Arbeit. Einer von Lutis Gehilfen ist ein arabisch sprechender Marine-Mann namens Youssef Abul-Enein. Er soll auf arabischen Internetseiten und in Magazinen "irgendetwas Nützliches finden", das Hussein diskreditiert - Statements etwa, in denen der Diktator womöglich die Anschläge vom 11. September oder palästinensische Selbstmordattentäter lobt. Irgendwas. Kwiatkowski erlebt, wie Spekulationen zu Fakten aufgepeppt werden, wie wichtige Details oder Datumsangaben ausgelassen und die Berichte wahlweise gedehnt oder verknappt werden. So lange, bis sie dem Geschmack der Chefs Wolfowitz, Rumsfeld und Cheney entsprechen.
In Cheneys Büro laufen alle Fäden zusammen. "Wenn in unseren Berichten stand ,Saddam vergaste Kurden im Kontext des Krieges mit dem Iran, und er hat es seither nicht mehr getan", reichte das nicht. In der Fassung der OSP-Leute musste es heißen: ,Er vergaste seine Nachbarn und wird es wieder tun."" Karen Kwiatkowski ist anwesend, als Bill Luti den kriegskritischen General Anthony Zinni als "Verräter" beschimpft, und bekommt mit, wie OSP-Leute über Colin Powell herziehen, die "gadfly", lästige Bremse, weil er die Vereinten Nationen ins Boot holen will - "Wofür brauchen wir die Vereinten Nationen?"
"Wir haben Quellen, zu denen du keinen Zugang hast" Ein Mitarbeiter des Pentagon-Geheimdienstes DIA zu Karen Kwiatkowski