
US-Präsident Richard Nixon reist als erster amerikanischer Staatschef ins Rote China, das sich zaghaft der Welt öffnet© Picture-Alliance
Dem Westen erscheinen die letzten Jahre des großen Vorsitzenden eher gemäßigt. Das amerikanische Tischtennisteam wird 1971 nach China eingeladen, ihm folgen US-Präsident Nixon und andere westliche Staatschefs. Trotz der Öffnung ändert sich der Grundcharakter des Systems nicht. Selbst als der über 80-jährige Mao schließlich durch Parkinson und eine Nervenkrankheit fast gelähmt ist, als ihn Besucher häufig nur noch schnarchend oder gar sabbernd vorfinden, wagt es keiner, ihn abzusetzen. Erst mit Maos Tod kurz nach Mitternacht am 9. September 1976 kann in China tatsächlich eine neue Ära anbrechen.
Der Zustand des Landes ist desaströs. Nach 27 Jahren Kommunismus lebt ein Großteil der Chinesen in bitterer Armut. Selbst in den privilegierten Städten sind Nahrungsmittel und Kleidung rationiert. Oft hausen drei Generationen in einem Raum, da trotz Bevölkerungswachstum kaum Wohnungen gebaut wurden. Schlimmer noch ist die Lage auf dem Land. In manchen Gegenden laufen Frauen nackt umher, weil es keine Kleidung mehr gibt. Sogar in Yan'an, Maos alter Hauptstadt aus Bürgerkriegszeiten, wimmelt es von Bettlern. Wenn ausländische Besucher das ehemalige Hauptquartier besuchen, werden die Obdachlosen regelmäßig in ihre Dörfer zurückgekarrt.
Maos letztem Willen folgend wird zunächst Hua Guofeng sein Nachfolger, ein farbloser Funktionär. Sein Programm nennt er "zwei Alle" - alles, was Mao entschieden habe, sei richtig gewesen; alles, was er gesagt habe, müsse weiter "unentwegt in die Tat umgesetzt" werden. Doch die meisten in der Partei begreifen: Nur eine Kehrtwende kann das Land aus der Krise führen. In die Wege leiten soll sie ein Mann, der nicht nur wegen seiner Körpergröße, gerade einmal 1,53 Meter, wie ein Gegenentwurf zum groß gewachsenen Mao erscheint: Deng Xiaoping.
Zwar ist Deng ein alter Kampfgefährte Maos, zwar hat er ihn auf dem "Langen Marsch" begleitet und nach der Hundert-Blumen-Kampagne selbst Intellektuelle ins Lager geschickt, doch Deng kennt, anders als Mao, auch das Leben außerhalb Chinas. Schon als 16-Jähriger hatte er in Frankreich als Monteur bei Renault gejobbt. In den fünf Jahren dort lernte er nicht nur Rotwein, Croissants und Käse schätzen, sondern auch die Vorzüge des kapitalistischen Systems.
Deng ist ein Quergeist. Schon beim "Großen Sprung" wollte er lieber auf traditionellem Weg die Wirtschaft aufbauen als radikale Visionen verkünden. Sein Motto: "Egal, ob eine Katze schwarz ist oder weiß, Hauptsache, sie fängt Mäuse."
1966 wurde Deng, bis dahin Vizepremier, zum ersten Mal entmachtet und als Arbeiter in eine Traktorenfabrik geschickt. Im selben Jahr sperrten Rotgardisten seinen Sohn in ein radioaktiv verseuchtes Labor. Der konnte sich nur mit einem Sprung aus dem Fenster retten, ist seither querschnittsgelähmt. Erst 1971 durfte der Vater ihn zu sich nehmen; er pflegte ihn, wusch täglich seinen Körper.
Als Mao stirbt, ist Deng 72 Jahre alt und gerade wieder aller Funktionen enthoben worden. Doch die Krise beschert ihm das Comeback. 1977 wird er als Vizeregierungschef eingesetzt. Im Dezember 1978 dann wagt er den radikalen Umschwung: Man müsse "das Denken befreien, den Kopf anstrengen, die Wahrheit in den Tatsachen suchen und nach vorn blicken", beschließt das Zentralkomitee auf sein Drängen. Mit dieser Sitzung beginnt Chinas kapitalistischer Kommunismus. Sie jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal, das Jubiläum ist für die Volksrepublik neben Olympia das zweite große Ereignis 2008.
Deng wagt bis dato Undenkbares. Das Land, das den Volkskommunen gehört, bewirtschaften die Bauern nun auf eigene Rechnung. In vier Sonderwirtschaftszonen dürfen ausländische Unternehmen investieren, später im ganzen Reich. Mit Margaret Thatcher vereinbart er die Rückkehr Hongkongs zu China, wobei die Stadt mindestens 50 Jahre kapitalistisch bleiben soll. Deng nennt das: "Ein Land - zwei Systeme". Er schickt sogar einen Brief an Taiwans Präsidenten Chiang Ching-kuo, den Sohn des Bürgerkriegsfeinds Chiang Kaishek: "An die Freundschaft in der Kindheit zurückdenkend, sollten wir die Vergangenheit vergangen sein lassen und uns kurz entschlossen für Friedensverhandlungen entscheiden."
Offizieller Staatschef ist Deng nie. Er zieht es vor, hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Seine Posten sind meist nebenrangig, zuletzt ist er nur noch "Ehrenvoller Vorsitzender der chinesischen Bridge-Vereinigung". Die Zeitungen wissen nicht, wie sie ihn nennen sollen, und behelfen sich mit "oberster Führer". Doch keiner zweifelt daran, dass Deng Xiaoping der Chef im Lande ist.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009