
General Mohammad Daud-Daud, oberster Drogen-bekämpfer und als Drogenbaron verdächtigt© Perry Kretz
Nach einem anonymen Hinweis begann die DEA, gegen Noorzai zu ermitteln. Nach der US-Invasion 2001 mussten die Taliban fliehen, Noorzai verlor seine Beschützer. In Kandahar kam ein neuer Gouverneur an die Macht, Noorzai zahlte Schutzgeld an ihn, angeblich Millionen. Ende 2001 verhafteten ihn US-Militärs. Doch schon nach wenigen Tagen ließen sie ihn wieder frei, angeblich auf Bitte des geldgierigen Gouverneurs.
Bald tauchte Noorzai unter, erst in Pakistan, danach im Iran. Ein halbes Jahr später wurde er in Dubai verhaftet und nach New York geflogen. Dort sitzt er bis heute in Untersuchungshaft. US-Ermittler versuchen, ihn zu "flippen", also umzudrehen und als Informanten zu gewinnen. Seine Familie bemüht sich, mit Präsident Karzai und dem US-Botschafter in Kabul Bedingungen für eine Freilassung auszuhandeln.
"Noorzais Verhaftung hat den Drogenbaronen in Afghanistan einen derben Schock versetzt", sagt Ex-CIA-Mann Michael Scheuer. Auch wenn andere längst an seine Stelle getreten sein dürften, erschwere ein solcher Enthauptungsschlag die Geschäfte der Drogennetzwerke. "Das ist ein selektiver Nadelstich, ein Signal, dass wir sie kriegen, wenn wir nur wollen." Allerdings vermisst Scheuer jedwede Konsequenz bei der amerikanischen Drogenpolitik in Afghanistan. Niemand außer der mäßig finanzierten DEA und den Briten unternehme etwas, Verteidigungsminister Rumsfeld habe schon 2001 Drogenfabriken von der CIA-Zielliste streichen lassen. "Mittlerweile haben wir das Problem so eskalieren lassen, dass nur ein massiver Militäreinsatz wirksam wäre. Das will niemand riskieren. Logische Konsequenz wäre ein Massenaufstand."
Den Sinn selektiver Operationen gegen Drogenhändler, wie sie Briten und Amerikaner durchführen, bezweifeln auch deutsche Fahnder nicht. Operativ tätig werden dürfen sie jedoch nicht - zu gefährlich, so bremsen Ministerien in Berlin, die Risiken für Bundeswehrsoldaten im Norden würden noch größer als ohnehin schon. "Da gucken uns die Amis dann tief in die Augen und sagen: Das kapieren wir nicht", erzählt ein Beteiligter.
Die Reform der Polizei, bei der Deutschland mit bescheidenen Mitteln die Federführung übernahm, bleibt ohne die erhoffte Wirkung. "Gut gemeintes Basistraining, Rauschgiftlehrgänge, die Polizeiakademie - aber fast alles passiert nur in Kabul", sagt ein afghanischer Insider. "Unsere Polizei ist nicht reformiert. In den meisten Provinzen zählen Polizisten selbst zu den größten Drogendealern."
"Nach fünf Jahren sind noch immer die falschen Leute in wichtigen Positionen", sagt Jamil Karzai, ein eloquenter, junger Neffe von Präsident Karzai, der als Abgeordneter in der Nationalversammlung sitzt. Den früheren Gouverneur der Provinz Helmand hatte der Präsident auf britischen Druck entlassen, nachdem Drogenfahnder in seinem Hauptquartier zehn Tonnen Heroin entdeckt hatten. Mittlerweile bekam ausgerechnet dieser Mann den Auftrag, mit seinen Milizen im unruhigen Helmand für Sicherheit zu sorgen. "Geldgeber wie die deutsche Regierung, die unser Innenministerium unterstützt, müssen einfach mehr Druck machen in solchen Fragen", sagt Jamil Karzai. "Wenn die internationale Gemeinschaft schon 70 Prozent unseres Staatsbudgets bezahlt, warum kann sie dann keinen richtigen Druck ausüben?"
Ein sonniger Nachmittag in Kabul. Der stellvertretende Innenminister hat einem Gespräch zugestimmt. Das Gelände des Ministeriums bewachen grimmige Gestalten mit Kalaschnikows. Überall Sandsackbarrikaden, Rettungsfahrzeuge, Antennenanlagen. General Daud-Daud empfängt in einem riesigen Büro mit rotem Teppich und einer Kunstpalme. Ein Diener bringt Tee und Gebäck.
Mohammad Daud-Daud trägt einen schwarzen, sorgsam gestutzten Vollbart. Die blaue Krawatte liegt auf einem Beistelltisch. Ruhig referiert er seine Version des Kampfes gegen die Drogen. Zahlen über vernichtete Mohnfelder, der Anbau sei im vorigen Jahr um 48 Prozent reduziert, man arbeite intensiv mit den Polizeichefs der Provinzen zusammen. Mehr Geld sei nötig, nur eine starke Polizei könne es mit den Drogennetzwerken aufnehmen. Über andere Dinge möchte er sich dann nicht mehr äußern. Nein, er habe keine Zeit mehr. Auf Deutsch sagt er zum Abschied: "Willkommen."
An der Wand links über ihm hängt, sorgsam gerahmt, ein Ausschnitt aus einer amerikanischen Zeitung. Den Bericht ziert ein Foto des Generals. Die Überschrift lautet: "Afghanistan - der neue Heilige Krieg gegen Opium."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2006