
David Addington, 52, Stabschef des Vizepräsidenten. Er leitet einen großen Stab, der die neokonservative Vision von einem allmächtigen Präsidenten umsetzen soll© Susan Walsh/AP Photo
Noch entsetzter ist Shiffrin, als er feststellt, dass das Pentagon unter Führung von Haynes trotz Widerstandes aller Streitkräfte an den Foltermethoden festhalten will. Am 2. Dezember genehmigt Rumsfeld per Dekret mehr als ein Dutzend aggressive Verhörmethoden für Guantánamo. Darunter: Einschüchterung durch Hunde, 28-Stunden-Verhöre und den Gebrauch "eines nassen Handtuches und tropfenden Wassers, um das Gefühl des Erstickens zu erzeugen." Auf diesem sogenannten Action Memo fügt Rumsfeld handschriftlich hinzu: "Ich stehe 8 bis 10 Stunden pro Tag. Warum soll Stehen auf vier Stunden reduziert sein?"
Rumsfeld hat mit den neuen Verhörtechniken vor allem einen Gefangenen im Sinn: Muhammad al-Kahtani.
Gelles besorgt sich die Aufzeichnungen der Verhöre mit Muhammad al-Kahtani. Er ist der wichtigste Gefangene in Gitmo. Er sollte am 11. September eigentlich der 20. Flugzeug-Kidnapper sein. Rumsfeld ruft dauernd in Guantánamo an, um zu erfahren, ob Kahtani von weiteren Anschlägen weiß.
Von November 2002 bis Januar 2003 wird Kahtani dem kompletten Folterprogramm unterzogen. 50 Tage lang, ohne Ausnahme, er sitzt in Isolationshaft. Kahtani bricht zusammen, sein Herz ist nur noch bei 35 Schlägen pro Minute. Sie müssen ihn wiederbeleben.
So etwas hat der Psychologe in seiner Militärlaufbahn noch nie erlebt. Gelles fliegt wieder zu Mora, zeigt ihm die Kahtani-Berichte. Mora ist geschockt. Er ruft den Rechtsberater der Army an. "Wissen Sie etwas davon?" - "Ja, ich weiß eine Menge. Kommen Sie runter in mein Büro." Dort zeigt er ihm die bis dahin geheimen Memos von Yoo und Bybee. Der wütende Mora konfrontiert Yoo: "Wollen Sie damit sagen, dass der Präsident die Macht hat, Folter anzuweisen?" Yoo antwortet ihm kühl: "Ja."
Mora droht, dass er seine Bedenken öffentlich machen wird, und erst da gibt Rumsfeld nach. Er nimmt die Genehmigung für die neuen Techniken zurück. Knapp eineinhalb Jahre lang hört Mora keine Geschichten mehr über Misshandlungen von Gefangenen. Dann erscheinen die Bilder aus Abu Ghraib.
Es gibt in Bagram keine Regeln mehr. Obwohl im Militär sonst alles geregelt ist, selbst die Farbe von Handtüchern, existieren für die Verhöre keine schriftlichen Anleitungen. Corsetti ahnt, warum. Wenn etwas rauskommt, werden die da oben schön ihren Arsch retten. Und wir müssen dran glauben. Dabei wissen alle davon. Rumsfeld war in Bagram, mehrere Generäle, hochrangige Offiziere. Die Soldaten nennen Bagram: "Die größte Show der Welt."
Rumsfelds Büro ruft oft in Bagram an. Erkundigt sich laufend nach den Verhören. Offiziere, die vorbeischauen, sind beeindruckt. Sehen, dass die Gefangenen an Ketten gefesselt stehen müssen. Sehen, wie übel sie zugerichtet sind. Sie sagen zu Corsetti und Kameraden: "Weiter so. Ihr macht einen großartigen Job."
Viele Soldaten aus Bagram werden versetzt. Damien Corsetti auch. Nach Abu Ghraib.
Der Krieg im Irak beginnt.
In einem Statement am Internationalen Gedenktag für Folteropfer sagt der Präsident: "Die Vereinigten Staaten treten für die weltweite Eliminierung von Folter ein, und wir gehen bei dem Kampf voran."
Shiffrin quittiert den Dienst. "Keine Minute länger ertrage ich hier." Er ist angewidert angesichts der Versuche einer kleinen radikalen Elite, das Gesetz auszuhöhlen. Und angesichts eines Präsidenten, "der nicht in der Lage zu unabhängigem Denken ist. Für das, was wir hier machen, haben wir Japaner im Zweiten Weltkrieg zum Tode verurteilt."
Es setzt nun das ein, was Shiffrin den langen Weg zu sich selbst nennt. Er kennt die dunklen Geheimnisse der Regierung, an die Öffentlichkeit aber geht er nicht.
Lynndie England erreicht mit der 372. Einheit der Militärpolizei den Irak. Sie ist zum ersten Mal im Ausland, früher hat sie es nicht einmal bis ins 200 Kilometer entfernte Washington geschafft. Nun also Irak, der Krieg, und gleich ein Kulturschock. Die Menschen kommen ihr fremdartig vor, die Sprache ulkig, keiner hier versteht Englisch. Es ist heiß, es stinkt, sie hatte sich Krieg etwas glamouröser vorgestellt, lebhafter. Aber noch bleiben neun Monate der Stationierung, tröstet sie sich.
Zur gleichen Zeit zirkuliert eine E-Mail aus dem US-Hauptquartier CJTF7 an alle Außenstellen im Irak. Die Botschaft: "The Gloves are coming off. We want these detainees broken."
Ihr erster Gedanke ist: Angst. Hier bleibe ich nicht. Das Gefängnis Abu Ghraib, in dem Saddam Hussein einst seine politischen Gegner foltern ließ, ist geschaffen für 5000 Gefangene, doch nun sind es mindestens 7000, sie hausen in Zelten, sie schlafen im Freien, und die Amerikaner haben Mühe, die Kontrolle zu behalten. Ständig werden sie von Mörsergranaten beschossen. England hat Angst, über den Hof zu gehen. Sie sehnt sich zurück nach West Virginia.
England besucht oft ihren Verlobten, Corporal Charles Graner, 35, im Block 1a. Der grobe, stämmige Graner ist bei der Militärpolizei. Er hat von CIA und Militärgeheimdienst eine Art Großauftrag erhalten. Er soll die Gefangenen vor den Verhören weichkochen, kleinkriegen. Diese Wörter fallen oft: "Soften them up, roughen them up." Graner lässt sie nackt in der Zelle hocken, er stülpt ihnen Frauenslips über die Köpfe, er kettet sie an Bettgestelle, er folgt dem Handbuch des SERE und der Standard Operating Procedure, abgesegnet von Lieutenant General Ricardo Sanchez, dem Oberkommandierenden im Irak, am 14. September. CIA und Militär sind zufrieden. Sein Company Commander Christopher Brinson, der ihn bei der Arbeit beobachtet, schreibt: "Corporal Graner, Sie machen gute Arbeit."
Brinson ist heute Assistent des republikanischen Kongressabgeordneten Mike Rogers.
Die Soldaten blicken ihn komisch an. Sie meiden ihn. Sie setzen sich weg, wenn er an ihren Tisch tritt. Colonel Kleinman spürt die Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, und einmal spürt er tatsächlich so etwas wie Todesangst. Ein Soldat schleift sein Messer und empfiehlt ihm, "einen leichten Schlaf zu haben". Nach nur einer Woche im Irak ist der Top-Verhörer Kleinman eine persona non grata. Er gilt den anderen als Terroristenfreund.
Fünf Jahre später, vor dem Senat, wird er so etwas wie der Kronzeuge der Anklage sein.
In jenen Wochen in Bagdad telefoniert er empört mit seinem Boss, Commander Colonel Moulton, doch der hat eine überraschende Antwort: "Es ist alles in Ordnung so." "Aber das ist illegal, Sir", sagt Kleinman. "Nein, Ihr seid beauftragt, alle Verhörmethoden anzuwenden." - "Sir, was heißt das?" - "Schlafentzug, gegen die Wand schleudern. Von oben abgesegnet." - "Von ganz oben?" fragt Kleinman. "Ganz oben!"
Der Präsident, fährt es Kleinman durch den Kopf. Das geht hoch bis zum Präsidenten. "Sir, das ist eine Verletzung der Genfer Konvention, das kann ich nicht tun." Kleinman widersetzt sich dem Befehl seines Bosses und reist aus dem Irak ab.
Diese Nacht ist anders. In dieser Nacht bringt der Geheimdienst gleich sieben Gefangene vorbei und bittet Graner, sie weichzukochen. Sieben gleichzeitig, das wird nicht einfach, denkt sich England, aber Graner hat eine Idee. Er stapelt die nackten Männer zur Pyramide. So könne er sie besser in Schach halten. Er bittet England, für ein Foto zu posieren, und sie folgt ihm. Sie hebt den Daumen, sie lacht, ein Foto für ihren Verlobten Graner, ein Foto für die Ewigkeit.
Sie machen weitere Fotos, Gefangene an der Leine, Gefangene beim Masturbieren, eine Scheinhinrichtung mit Elektroden, sie füllen ihren Auftrag mit etwas Pepp, wie sie sagen, sie wollen ein bisschen Spaß haben in diesem Kreislauf aus Erniedrigung, Folter und Todesangst.
Als Yoo Ende 2003 das Justizministerium verlässt, schlägt er als Nachfolger seinen Freund Jack Goldsmith vor, einen Harvard- Professor. Goldsmith greift sich gleich Yoos Memoranden, er mag nicht glauben, was er da liest. Goldsmith nimmt im Dezember 2003 eines der Memos zurück, ein halbes Jahr später auch das zweite. Yoo sei für die Bush-Regierung ein "Gottesgeschenk" gewesen, wird Goldsmith später schreiben. Sie sind heute keine Freunde mehr.
Der "New Yorker" und der Sender CBS zeigen die Folterfotos aus Abu Ghraib. Ein Aufschrei geht um die Welt. Donald Rumsfeld spricht von ein paar "bad apples", einigen faulen Äpfeln, er sagt, er habe keine Ahnung gehabt, dass so etwas in den Gefängnissen passiere. Präsident Bush erklärt: Wir foltern nicht. Dick Cheney schweigt.
Lynndie England erfährt von der Veröffentlichung in Fort Bragg, North Carolina. Sie ist zurück aus dem Irak, gegen sie und sechs weitere Soldaten laufen Ermittlungen wegen Erniedrigung und grausamer Behandlung von Kriegsgefangenen. Sie ruft ihre Mutter an, vor deren Trailer die Journalisten campieren. "Da sind Hunderte Reporter draußen", sagt die Mutter. "Du bist überall in den Nachrichten, auf CNN, in den Zeitungen." Die Mutter erwähnt die Fotos, und Lynndie England denkt nur: "Scheiße, wie kamen die denn raus?"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009