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2. Mai 2008, 14:34 Uhr

Der Kampf ums Essen

Auf einem Markt in San Salvador sammelt eine Frau vom Boden Maiskörner und Bohnen auf. Ihr Mann verdient so wenig, dass sie auf die kärglichen Reste angewiesen ist© Edgar Romero/AP

Und deren Ende ist erst einmal nicht in Sicht. Zwar prognostizierte die FAO, Welternährungsorganisation der UN, unlängst gute Ernten für dieses Jahr - allerdings nicht gut genug, als dass die Erträge mit der gewaltigen Nachfrage mithalten könnten. Für die ärmsten Länder, so die FAO, würden die Getreideimporte noch einmal um 56 Prozent teurer werden. Besonders gefährdet sind in den nächsten Monaten die Staaten Westafrikas wie etwa Senegal oder Mauretanien. Seit die Franzosen dort während der Kolonialzeit Reis populär machten - ein für die Sahelzone untypisches Nahrungsmittel -, sind die Länder abhängig von den Lieferungen vor allem aus Asien. Die einheimische Landwirtschaft wurde vernachlässigt. Schon seit Februar kommt es zu Aufständen wegen der gestiegenen Preise. Dabei stehen die schweren Monate bis zur Ernte der eigenen Hirse im Herbst erst noch bevor.

Diskussionen ohne Ergebnisse

Was also tun? Wenn die Welt nicht mehr nur sechs Milliarden Menschen ernähren muss, sondern bald acht oder zehn. Wenn der Energiehunger der Weltwirtschaft wie erwartet zunimmt, der Ölpreis weiter steigt und damit nicht nur die Transportkosten für Lebensmittel, sondern auch die Nachfrage nach Biotreibstoffen. Wenn der Klimawandel in jenen Ländern die Anbauflächen schwinden lässt, die schon jetzt ohne internationale Hilfe kaum überlebensfähig sind.

Politiker wie Horst Seehofer (CSU) suchen da ihr Heil in Pauschalkritik an den Chefetagen der Agrarkonzerne. Der Bundeslandwirtschaftsminister fordert ein Zurück zur bäuerlichen Landwirtschaft und das Wahren nationaler Interessen. Außerdem sollen brachliegende Flächen wieder bewirtschaftet werden. 3,8 Millionen Hektar wurden EU-weit in den vergangenen Jahren stillgelegt. Dafür kassierten die Bauern Prämien. So verschwanden Butterberge und Milchseen. Doch Experten bezweifeln, dass Protektionismus und Populismus die Probleme lösen.

"Der Freihandel erlaubt auch in der Landwirtschaft eine Spezialisierung der Produktion, dadurch gibt es Kostenvorteile, und es wird effizienter mit Ressourcen gewirtschaftet", behauptet etwa Stephan von Cramon-Taubadel, Agrarökonom an der Uni Göttingen. Die Argumentation des Wirtschaftsliberalen: Der Wegfall von Handelsbarrieren führt dazu, dass Produkte dorthin kommen, wo sie benötigt werden. Die Krux daran: Industrieländer fordern zwar die weitere Liberalisierung des Handels. Sie sind aber im Gegenzug nicht bereit, die eigenen Subventionen konsequent abzubauen, wie es die Entwicklungsländer verlangen. So diskutieren Nord und Süd schon seit 2001 in der sogenannten Doha-Runde der Welthandelsorganisation WTO, ohne dass man zu einem Ergebnis gekommen wäre.

Die "Grüne Revolution" soll helfen

Helfen soll die Wissenschaft. Fieberhaft arbeiten Forscher in aller Welt an einer neuen "Grünen Revolution" wie damals in den Siebzigern und Achtzigern, als neue Züchtungen die Erträge wichtiger Grundnahrungsmittel steigerten. Die Anbauflächen lassen sich weltweit kaum noch erweitern, beim Ertrag aber ist noch Potenzial. Achim Dobermann, Wissenschaftler am Internationalen Reisforschungsinstitut IRRI auf den Philippinen schätzt, dass sich die Reisausbeute noch um ein bis zwei Tonnen pro Hektar steigern lässt - genug, um zumindest für 20 bis 30 Jahre mit dem wachsenden Hunger der Welt Schritt zu halten.

Dafür aber müssen neue Sorten her. Viele Hochertragspflanzen aus den Siebzigern sind den Anforderungen von heute nicht mehr gewachsen. Wegen neuer Schädlinge und des Klimawandels liefern einst gefeierte Gewächse heute weniger Ertrag pro Hektar als vor 40 Jahren. Forscher setzen daher auf das sogenannte Smart Breeding. Bei diesem "schlauen Züchten" suchen die Wissenschaftler beispielsweise gezielt nach Genen für Überflutungsresistenz im Erbgut von seltenen Sorten, die sie dann in neue einkreuzen. Erster Erfolg ist ein Hochleistungsreis, der zwei Wochen untergetaucht überleben kann. Besonders häufig von Überschwemmungen heimgesuchte Länder wie Bangladesch könnten davon profitieren.

Ob dagegen auch die Gentechnik dazu beiträgt, die weltweite Nahrungsmittelkrise zu beseitigen, bleibt abzuwarten. Keine einzige genveränderte Sorte Reis hat es bisher auf den Markt geschafft. Und auch bei Mais gibt es zwar schon Sorten mit Resistenz gegen Insekten oder Unkrautgifte. Diese bisher zugelassenen Pflanzen sind aber eher geeignet für eine industrielle Agrarwirtschaft auf riesigen Flächen, nicht für Kleinbauern der Dritten Welt. Es ist wie so oft in diesem System. Eine Antwort des Nordens - für den Norden.

Von Marc Goergen; Asha Amirali, Giuseppe Di Grazia, Gerald Drißner, Steffen Gassel, Adrian Geiges, Roman Heflik, Nicole Heißmann, Torge Loeding, Christina Schott

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 18/2008

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