5. Januar 2004, 17:38 Uhr

Eine Geschichte vom Töten

Die Bilder gehen nicht mehr weg

Aber das Schlimme ist: Die Bilder gehen nicht mehr weg. Sie setzen sich in Träumen fest, rauben ihm den Schlaf. Die Bilder seiner Toten. Er sagt sich: Ich tat dies doch auf Befehl eines Kommandeurs, mit dem Segen des Präsidenten, im Einklang gar mit internationalen Bestimmungen. Ich hatte doch alle auf meiner Seite. Nur sein Gewissen nicht.

Er schreibt seiner Frau: "Meine geliebte April, wenn ich nicht zurückkehre, befolge bitte einige Dinge: 1. Triff keinen anderen Mann im ersten Jahr nach meinem Tod. 2. Trink zwei Jahre lang keinen Alkohol." Acht weitere Punkte folgen und zum Schluss der Satz: "Ich werde dich immer lieben, wo auch immer ich bin."

Für viele Männer der 101st Airborne Division gehen die Kampfhandlungen nun, da Präsident Bush ihr Ende erklärt hat, erst richtig los. Sie geraten unter Beschuss von Heckenschützen, verlieren Dutzende Kameraden bei Anschlägen und Hubschrauberabschüssen und werden für einige Tage zu Medienstars, als sie Uday und Qusay, die Söhne Saddams, in Mosul erschießen. Roper ist nicht mehr dabei. Roper ist abwesend. Er geht noch auf Patrouille, schießt aber nicht mehr oder schießt am Ziel vorbei. Warum? Er weiß es nicht. Seine Schlachten spielen sich nun im Kopf ab. Er ist gereizt und jähzornig, dann wieder phlegmatisch, fast autistisch. Als Sergeant Landen ihn zum Dienst auffordert, schlägt Roper ihn zusammen und verletzt ihn am Kopf. Man verschweigt den Vorfall noch. Wenig später jedoch stürzt er sich auf einen anderen Vorgesetzten, Corporal Keefer, würgt ihn, greift nach der Waffe und schreit "I kill you".

Er schreibt: "Hallo, Liebling, ich bin jetzt in der Klapsmühle, weil ich meinen Team-Leader zusammengeschlagen habe, aber es geht mir okay, ich versuche nur zu verstehen, was ich in diesem Krieg gemacht habe."

"Acute Stress Syndrome"

Der Stabsarzt diagnostiziert "Acute Stress Syndrome", einen seelischen Erschöpfungszustand, und gibt ihm Antidepressiva und Schlafmittel. Aber es wird nicht besser. Man schickt ihn in das Militärkrankenhaus nach Landstuhl und verschreibt mehr Antidepressiva. Aber es wird nicht besser. Man verschickt ihn nach Fort Campbell, Kentucky, seine Heimatbasis, und erhöht die Dosis noch mal, bis er die Welt nur noch wie durch Watte wahrnimmt. Aber es wird nicht besser. Es ist der 20. Juni, und die Psychiater, die ihn, den Besten, unbedingt wieder fit machen sollten für den Krieg, halten fest: Roper hat PTSD, "Post Traumatic Stress Disorder", die immer wiederkehrende Mischung aus Albträumen, Depressionen und schweren Schuldgefühlen. Hervorgerufen durch die Horror-Erlebnisse an der Front. Bekannt vor allem aus dem Vietnamkrieg, als über 100 000 Soldaten mit schweren seelischen Verletzungen zurückkehrten und die Straßen der Großstädte als Alkoholiker und Junkies bevölkerten.

So wird aus Roper, dem Unbezwingbaren, Roper, der Durchgeknallte. Das Wiedersehen mit April, seiner Frau, und den Kindern Passion, 6, und Deja, 3, ist herzlich, aber sie merkt schnell, dass er ein anderer Mensch geworden ist, so teilnahmslos und aggressiv. Manchmal, wenn Roper seine Frau anstarrt, voller Zorn und mit blutunterlaufenen Augen, hat sie Angst, dass er sie umbringen könnte. Während sie über die Angebote im Sommerschlussverkauf reden will, will er über den Ausverkauf seiner Seele reden. Während sie einen netten Abend zu zweit im Kopf hat, hat er 20 Tote im Kopf. "Ich bin krank", sagt er. "Dann nimm eine Aspirin", erwidert sie.

Heute sagt April Roper: "Es tut mir leid. Ich wünschte, ich wäre verständnisvoller gewesen."Sie sitzt in einem mexikanischen Restaurant im Süden von Texas, wo sie mit den beiden Kindern lebt, und klammert sich an einem Glas Tequila fest. "Ich wollte nicht wahrhaben, was mit ihm passiert ist, dass er Menschen getötet hat. Ich hatte Angst, dass ich ihn dann anders sehen würde." Sie sagt auch, dass sie ihn noch liebt. Trotzdem hat sie jetzt um die Scheidung gebeten.

Depressionen und Alpträume

Roper beginnt zu trinken. Ist er wach, plagen ihn Depressionen. Schläft er, plagen ihn Albträume, in denen er stets tötet oder getötet wird. Nur der Alkohol, konstant 2,5 Promille im Blut, Tag und Nacht, lässt ihn vergessen. Die Armee hat Zweifel an der Krankheit. Sein Vorgesetzter, Mark Hess, ein ehrgeiziger Sergeant, hält Roper für einen Simulanten, ein Weichei. Wie kann er einen Feind nach dem anderen kaltblütig abschießen und dann plötzlich von Problemen faseln? Sergeant Hess glaubt nicht an seelische Krankheiten. Er glaubt auch den Psychiatern nicht. Er beordert Private First Class Roper "mit sofortiger Wirkung" zurück in den Irak.

Roper beginnt, seine Sachen für den Krieg zu packen, die Uniform, die Stiefel, doch dann steigt er plötzlich ins Auto und fährt nach Clarksville, Tennessee. Er kauft einen Strick und schließt sich in einem Hotelzimmer ein, 25 Dollar die Nacht, die Wände schmierig, Kakerlaken im Bad, der richtige Ort für einen wie ihn, einen erbärmlichen, feigen, stinkenden Dreckskerl. Mit 24 Flaschen Bier verbringt er die Nacht und überlegt, wo er sich aufknüpfen könnte. Nur der Gedanke an seine Kinder lässt ihn zweifeln. Gegen fünf schläft er ein.

Roper wird in die Psychiatrie in Hopkinsville eingeliefert. Sie verabreichen ihm höhere Dosen Antidepressiva, um seine Seele kaltzustellen, aber eine langfristige Therapie für ihn haben sie nicht. Wenn Roper erwacht, blickt er in die leblosen Augen fünf anderer Soldaten, die unter PTSD leiden. Laut einer Untersuchung der Armee mussten bisher 538 Soldaten aus psychischen Gründen vorzeitig nach Hause geschickt werden.

Am 7. Oktober verschwindet Roper. Sergeant Hess lässt ihn in Kentucky suchen, auch in Texas. Keine Nachricht, keine Abmeldung, nicht mal Ropers Frau und Mutter wissen, wo er ist. Verschollen. Der Roper. Wieder was Neues. Der Deserteur. Vor dem Militärgericht wird er sich verantworten müssen.

 
 
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