19. November 2008, 19:50 Uhr

Eine Sekte stirbt im Dschungel

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Das Ende: 909 Menschen liegen tot auf dem Gelände der Sekte, die meisten vergiftet©

Doch zugleich greift Ernüchterung im Land um sich. Die Attentate auf Robert Kennedy und die schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und Malcolm X haben die politische Atmosphäre vergiftet. Die US-Regierung unter Richard Nixon lässt Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg niederknüppeln, sie hört ihre Gegner ab, bricht die Verfassung.

Die Bewegung des Jim Jones scheint indes etwas vom utopischen Elan der 1960er Jahre wachzuhalten. Unverdrossen verkündet der Prediger: Eine bessere Welt ist möglich. Nur wenige wissen von den Züchtigungen, der rigiden Sexualmoral der Sekte, in der auch Alkohol und Drogen tabu sind.

So ist es leicht, neue Jünger zu rekrutieren. Nach eigenen Angaben zählt der People's Temple bald 7500 Mitglieder - wichtige Wählerstimmen. Jones sucht in San Francisco die Nähe zur Politik, unterstützt erfolgreich den Wahlkampf des demokratischen Bürgermeister-Kandidaten George Moscone.

Der Gipfel

Zur Belohnung wird er 1976 in die städtische Kommission für Wohnungsbau berufen. Im Jahr darauf lädt ihn die zukünftige Präsidentengattin Rosalynn Carter zur Amtseinführung ihres Mannes nach Washington ein. Jones ist auf dem Höhepunkt seines Ansehens.

Doch immer mehr Menschen stellen sich nun die Frage: Wer eigentlich ist Jim Jones? Vielen in San Francisco ist sein Einfluss suspekt. Es erscheinen erste kritische Berichte über den Geistlichen mit der Sonnenbrille, der sich mit Leibwächtern umgibt, über seine Wunderheilungen und das autoritäre Innenleben der Sekte.

Fortan nimmt Jones die Medien als Teil einer Verschwörung wahr. Seine Rhetorik wird immer schriller. Die Regierung plane Konzentrationslager für Bürgerrechtler, Schwarze und den People's Temple. Das Land werde von Faschisten regiert. Als das FBI Büros der Scientologen durchsucht, rechnet auch Jones mit einer Razzia.

Angst vor Gehirnwäsche

In den USA haben sich seit dem Abflauen der Hippie-Begeisterung zu Beginn der 1970er Jahre Kritiker zu einer Bewegung formiert, die vor religiösen Kulten wie Hare-Krishna, Scientology oder der Vereinigungskirche des koreanischen Sektenführers San Myung Mun warnt. "Kult" ist zum Inbegriff einer gefährlichen Pseudoreligion geworden, die ihre Anhänger mit Gehirnwäsche gefügig macht.

Ähnliche Vorwürfe sind in den Zeitungen jetzt auch gegen den People's Temple zu lesen. Jones bereitet die Flucht vor. In seinem Auftrag reisen Deborah Layton und andere Mitglieder des Führungszirkels ins Ausland und deponieren illegal mehrere Millionen Dollar auf Konten.

Am 1. August 1977 erscheint im "New West"-Magazin in San Francisco ein Enthüllungsbericht über den People's Temple, gestützt auf die Aussagen von zehn Aussteigern: Jones sei ein Betrüger und Scharlatan, er manipuliere die Menschen in seiner Gemeinde. Sie würden unter Druck gesetzt, finanziell ausgebeutet und auch physisch misshandelt.

Der Exodus

Jones hat seine politischen Kontakte mobilisiert, um die Veröffentlichung zu verhindern. Vergebens. Kurz vor Erscheinen des Artikels setzt er sich nach Guyana ab. Es ist der Beginn eines großen Exodus. Binnen weniger Wochen folgen ihm Hunderte von Anhängern nach Südamerika. Die meisten verschwinden spurlos, ohne Abschied von ihren Angehörigen - wie von Father befohlen.

Schon 1974 hat Jim Jones in der früheren britischen Kolonie 27.000 Morgen Land gepachtet, mitten im Dschungel. Guyana wird von einer sozialistischen Regierung geführt - ein idealer Zufluchtsort für den People's Temple. 50 Pioniere sind noch im selben Jahr zu dem Vorposten in der tropischen Wildnis gereist; haben den Urwald gerodet, Felder angelegt, erste Gebäude errichtet. Doch dem Massenansturm vom Sommer 1977 ist die Siedlung nicht gewachsen. Verwandte und Freunde von Jones-Jüngern in den USA erreichen alarmierende Gerüchte aus "Jonestown", wie die Siedlung nun genannt wird: über schlechte Behandlung, Züchtigungen, Strafarbeit - und über die Weißen Nächte.

Als Deborah Layton klar wird, dass harte Feldarbeit und Selbstmordübungen zum Alltag in Jonestown gehören und selbst älteren, kranken Anhängern wie ihrer Mutter schwere Bestrafungen drohen, entschließt sie sich zur Flucht. Seit beinahe sieben Jahren ist sie nun Mitglied des People's Temple; sie genießt Jones' Vertrauen. Lange hat sie jeden Zweifel verdrängt. Jetzt aber will sie Jonestown für immer verlassen.

Kein Entkommen

Doch es gibt kein Entkommen - zu abgelegen ist die Siedlung, nirgendwo ein Telefon, ringsum nur dichter Dschungel. Es dauert Monate, bis sich ihr eine Gelegenheit bietet: Im Mai 1978 soll sie in der 240 Kilometer entfernten Hauptstadt Georgetown einen Auftrag für Jones erledigen. In der US-Botschaft vertraut sie sich dem Konsul an. Zwei Tage später besteigt Deborah ein Flugzeug nach New York.

Bald darauf wendet sie sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Sie berichtet von den Züchtigungen und den bewaffneten Wärtern. Und von den Weißen Nächten.

Der Bericht alarmiert den kalifornischen Kongressabgeordneten Leo Ryan - ein Mitglied seiner Familie war ebenfalls einer Sekte verfallen. Seit einiger Zeit steht der Politiker der demokratischen Partei in Kontakt mit Angehörigen, deren Ehepartner, Geschwister oder Kinder sich der Sekte angeschlossen und jeden Kontakt abgebrochen haben. Einige Aussteiger beschreiben den People's Temple als pseudoreligiösen Kult, in dem Gehirnwäsche praktiziert werde. Nach Deborah Laytons Bericht ist Ryan entschlossen, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen.

Ryan reist an

Am 14. November 1978 macht sich Ryan auf den Weg nach Jonestown, begleitet von einem Tross aus Fernsehreportern, Zeitungsjournalisten, Aussteigern und Angehörigen von Sektenmitgliedern. Er hat ein Telegramm nach Guyana gesendet, das seinen Besuch ankündigt.

Für Jim Jones ist es jener feindliche Vorstoß in das Innenleben des People's Temple, den er immer wieder prophezeit hat: eine angebliche Verschwörung von Politikern, Abtrünnigen und Journalisten, die sich anschicken, Jonestown zu okkupieren und zu vernichten.

Eine Bedrohung, der er sich mit seinen Jüngern nur auf eine einzige Weise entziehen kann: durch "revolutionären Selbstmord". Niemand, auch Leo Ryan nicht, nimmt die Warnungen ernst.

Ankunft in Georgetown

Am 15. November 1978 landet Leo Ryan mit seinen Begleitern in Georgetown. Jim Jones kann nicht verhindern, dass die Gruppe zur Kolonie aufbricht. Am 17. November setzt ihr gechartertes Flugzeug auf einer Rollbahn in der Nähe von Jonestown auf.

Es regnet, als die Besucher nachts das Lager erreichen. Die Stimmung ist feindselig. Jim Jones empfängt die Delegation im zentralen Pavillon. Er trägt trotz der Dunkelheit eine Sonnenbrille. Schweiß rinnt von seiner Stirn, der Sektenführer wirkt erschöpft - wie jemand, der unter großem Druck steht.

Alles ist vorbereitet für eine verzweifelte Inszenierung der Fröhlichkeit. Eine Band spielt auf, die Jünger stampfen und klatschen im Takt.

Die Fassade bröckelt

Doch die Fassade bekommt noch an diesem Abend erste Risse. Eine Frau steckt einem TV-Reporter heimlich eine Nachricht zu: "Bitte, helfen Sie uns, aus Jonestown herauszukommen", der Zettel trägt vier Unterschriften. Die Besucher ahnen nicht, welches Risiko die Sektenmitglieder damit eingehen.

18. November. Am Morgen lässt Jones den Politiker und die Journalisten durch die Siedlung führen stets von Aufpassern begleitet. Mit bedrückten und furchtsamen Mienen, so erscheint es Ryan und seinen Begleitern, versichern die Bewohner von Jonestown, dass sie in einem Paradies lebten.

Doch immer mehr Ausstiegswillige geben sich im Lauf des Tages zu erkennen. Schließlich sind es etwa 20 Menschen, die hervortreten und den Wunsch äußern, Jonestown im Schutz des Kongressabgeordneten verlassen zu wollen.

Kontrollverlust

Jim Jones muss es geschehen lassen. Die Zahl erscheint gering - aber für den Sektenführer ist es "der Verrat des Jahrhunderts", wie er später sagt. Die Abtrünnigen würden in den USA Lügen über das Lager berichten. Die Ereignisse entgleiten seiner Kontrolle.

Am Nachmittag steht ein Lkw bereit, der die Gruppe zum Flugfeld bringen soll. Kurz vor der Abfahrt entsteht im Pavillon ein Tumult. Ein Sektenmitglied attackiert Leo Ryan mit einem Messer. Doch der Politiker erreicht unverletzt den Transporter.

Auch Larry, Deborahs Bruder, steigt im letzten Moment auf den Lkw - er wolle aus Jonestown fort. Keiner weiß, dass Jim Jones ihm einen besonderen Auftrag erteilt hat. Larry soll nach dem Start des Flugzeugs den Piloten erschießen: um die Maschine über dem Dschungel zum Absturz zu bringen; mit allen Eindringlingen und Verrätern an Bord.

Der Mord

16.20 Uhr. Zwei kleine Maschinen warten auf dem Flugfeld. Als Leo Ryan einsteigen will, nähert sich vom anderen Ende der Piste ein roter Traktor mit Männern des People's Temple - Jim Jones hat Larry Layton offenbar nicht vertraut. Drei, vier Männer der Sekte springen herunter und eröffnen mit Gewehren das Feuer.

Leo Ryan wird im Gesicht getroffen und ist sofort tot. Auch drei Journalisten und eine Abtrünnige sterben; neun weitere Menschen sinken verletzt auf das Rollfeld. Dann entfernen sich die Angreifer mit dem Traktor. Auch Larry Layton hat Schüsse abgefeuert und zwei Aussteiger der Sekte verwundet. Guyanische Soldaten eilen herbei, verhaften Larry und versorgen die Verletzten.

Für Jim Jones gibt es jetzt kein Zurück mehr. Gegen 18 Uhr ertönen in Jonestown die Sirenen, Father ruft seine Jünger zur letzten Weißen Nacht. Wachen durchkämmen das Lager und umzingeln den Pavillon.

Das Ende

"Wenn wir nicht in Frieden leben können, dann lasst uns wenigstens in Frieden sterben", sagt Jones. Applaus brandet auf. Ein letztes Mal spricht Father als Prophet zu seinen Jüngern. Das Flugzeug mit Ryan werde in den Dschungel stürzen. Dann würden Fallschirmjäger zur Siedlung kommen, die Kinder und Alten foltern und alle abschlachten. Er wisse dies genau. "So lasst uns gütig gegenüber den Kindern und Alten sein und das Gift nehmen, wie es die alten Griechen taten, und friedlich hinübertreten." Ihr Tod sei kein feiger Selbstmord, beharrt er, sondern ein revolutionärer Akt des Protestes gegen eine inhumane Welt. "1000 Menschen bekunden damit, dass sie die Welt nicht ertragen, so wie sie ist."

Nur ein Sektenmitglied wagt es, sich ihm zu widersetzen. Eine Frau steht auf und tritt ans Mikrofon: Ob es denn keinen Ausweg gebe? Sie sei noch nicht bereit zu sterben. Und ob nicht wenigstens die Säuglinge es verdienten, zu überleben?

"Viel mehr noch verdienen sie Frieden", entgegnet ihr Jones. Ein kleines Wortgefecht entsteht, bald geht es unter im Protestgemurmel der anderen. Die Frau setzt sich und verstummt. Es war die letzte Chance, die Stimmung zu wenden.

Sein Wort ist Wahrheit

Viele der mehr als 900 Menschen im Pavillon sind Jones seit etlichen Jahren gefolgt, über Tausende Kilometer, sie haben Eltern und Freunde verlassen, ihr altes Leben für ihn aufgegeben. Sie haben verinnerlicht, dass sein Wort die Wahrheit ist. Und sie folgen ihm auch jetzt. Glauben wohl tatsächlich, dass faschistische Truppen Jonestown erstürmen werden.

Und jene wenigen, die zweifeln, trauen sich nicht mehr, ihre Stimme zu erheben. Father drängt zur Eile. "Lasst uns etwas Medizin nehmen. Es ist einfach, es wird keine Krämpfe verursachen." Die Kinder sollen zuerst sterben. Helfer haben Limonade in Bottichen mit Zyankali vermischt, verabreichen ihnen einen Becher des Giftes oder spritzen es mit Injektionsnadeln in den Mund.

Während die ersten sterben und sich dabei in Krämpfen winden, treten Frauen und Männer ans Mikrofon und danken Jim Jones für sein Lebenswerk. Dann stellen sich die Erwachsenen in Reihen auf. Die bewaffneten Aufpasser stehen bereit, jeden zu erschießen, der fliehen will. "Sterbt mit Würde", ermahnt Jones, als die Klagelaute um ihn lauter werden. "Keine Hysterie!"

Wenige fliehen

Nur ganz wenigen gelingt es, sich zu verstecken oder fortzulaufen in das Dickicht des Urwalds. Von dort beobachten sie, dass qualvolle fünf Minuten vergehen, bis das Gift wirkt. Viele der Todgeweihten umschlingen einander in den letzten Minuten.

909 Menschen sterben an diesem Tag in Jonestown - ein Massenselbstmord? Niemand vermag zu sagen, wie viele wirklich aus freiem Entschluss den Tod gewählt haben.

Irgendwann ertönt ein Schuss. Jim Jones hat das Gift nicht getrunken, sondern sich wahrscheinlich von einer Anhängerin erschießen lassen. Dann liegt Stille über Jonestown.

Das Urteil

Deborah Layton erfährt in den USA von dem "revolutionären Massenselbstmord". Ihr Bruder Larry wird als Einziger der Verschwörung zum Mord an einem Kongress-Abgeordneten angeklagt; die Angreifer vom Rollfeld haben sich in Jonestown vergiftet. Larry Layton sitzt bis 2002 in Haft.

Seine Schwester lebt heute in der Nähe von San Francisco. Fast 15 Jahre vergehen, in denen sie die Frage verdrängt, was sie so lange im Bann von Jim Jones gefangen hielt. Dann, 1993, hört Deborah Layton im Radio, dass das FBI die Ranch der Davidianer-Sekte in Waco, Texas, erstürmt. Mehr als 70 Menschen sterben in dem Feuer, das ausbricht. Sofort sind ihr wieder die Bilder aus Jonestown präsent, die "Weißen Nächte".

Es bleibt nicht die einzige Erinnerung: Während der 1990er Jahre nehmen sich mehr als 70 Mitglieder der Sonnentempler-Sekte in der Schweiz, Kanada und Frankreich das Leben. 1997 sterben 39 Jünger der kalifornischen Heaven's-Gate-Bewegung von eigener Hand, weil sie das Erscheinen des Hale-Bopp-Kometen für ein kosmisches Signal halten. Die Nachfolger Für das gleiche Jahr erwarten die Anhänger der japanischen Aum-Sekte den Weltuntergang - und haben schon zuvor, 1995, mit einem Giftgasanschlag in der Tokyoter U-Bahn Terror verbreitet, um eine geplante Razzia auf ihr Hauptquartier zu vereiteln. Dabei sterben zwölf Menschen, Tausende werden verletzt.

Und im April 2008 evakuiert ein Sondereinsatzkommando in Texas 468 Mädchen und Jungen von der Ranch der "Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi, der Heiligen der Letzten Tage". Dort, im "Gelobten Land" des "Propheten" Warren Jeffs, sind die Kinder missbraucht und zwangsverheiratet worden.

Doch nichts hat so wie die Katastrophe von Jonestown die Vorstellung davon geprägt, worin die Gefahren eines religiösen Kults liegen. Der Prediger Jim Jones hat vorgeführt, wie sehr ein charismatischer Anführer Gläubige zu manipulieren vermag. Menschen, die noch an jenem Novembertag im Dschungel von Guyana überzeugt waren, einer guten Sache zu folgen. Er habe sein Beispiel gegeben, sagt Jim Jones in den letzten Minuten ins Mikrofon. Aber die Welt sei nicht reif für ihn gewesen. Er, wie auch seine Jünger, seien vor der rechten Zeit geboren. "Das beste Zeugnis, das wir ablegen können, ist, diese verfluchte Welt zu verlassen." An dieser Stelle ertönt auf dem letzten Tonband aus Jonestown lauter Jubel.

Von Ralf Berhorst
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