"Die Mobilisierung ist unser großes Problem", sagt Waite. Der Universitätsdozent steht mit 50 000 Demonstranten vor dem Capitol in Washington. In New York waren es über 100 000. In Berlin 500 000. Waite trägt Jeans und Parka und ein Schild mit der Aufschrift "Bush hat nie gedient". Seine Frau trägt ein Banner "Cheney hat nie gedient". Eine Frauengruppe singt Spirituals, eine chinesische Sekte führt meditative Tänze auf, eine Obdachlosenorganisation greift Bushs Steuerpolitik an. "Die Vielfalt hier ist unglaublich", sagt Waite. Vielleicht ist die Vielfalt eher ein Problem.
Auf der Bühne stehen der Bürgerrechtler Jesse Jackson, die Rocksängerin Patti Smith und einige Gestalten, die den USA Völkermord vorwerfen und den Spirit von Crazy Horse beschwören. Sie sind immer dabei, wenn es um Demos geht. Sie gehören zu Demos. Und die Demos gehören zu ihnen. Sie sind eins. Vielleicht ist das ein weiteres Problem.
Waite und die anderen Organisatoren hätten gern mal unverbrauchte Stars wie Talkmasterin Oprah Winfrey dabeigehabt. Sie haben es geschafft, einige Unternehmer und Republikaner einzubinden, noch aber sind es zu wenig. Selbst einige alte Friedensaktivisten sprechen diesmal von einem "gerechten Krieg" der freiheitsliebenden Welt gegen das Böse. "Natürlich ist Saddam böse", sagt Waite. "Bush ist aber auch böse, nicht so böse wie Saddam. Powell wiederum ist nicht böse, aber auch nicht so gut, dass er schon wieder gut ist." Das mit Good and Evil ist auch so ein Problem.
Eine bedeutende Kraft ist die Friedensbewegung nicht. Viele Medien ignorieren sie, und Bürger beschimpfen sie als antiamerikanisch. Waite trägt eine amerikanische Flagge um den Hals und eine ums Handgelenk und hat ein Schild gebastelt mit der Aufschrift: "Friede ist patriotisch." Doch als er nach der Demo zum Hotel geht, brüllen zwei Männer aus einem Auto: "Verräter!" Nach dem 11. September stehen Menschen, die gegen den Krieg sind, schnell im Verdacht, auch gegen Amerika zu sein. Das ist das größte Problem.
George Bush selbst hat dies postuliert, als er kurz nach den Terroranschlägen sagte: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." Dieser Satz lässt keinen Spielraum. Bis heute nicht. Bis heute leben die Menschen in den USA mit einem diffusen Gefühl der Angst. Die Regierung warnt vermehrt vor Anschlägen auf Hotels, Synagogen und U-Bahnen und hat Alarmstufe "orange" ausgerufen. Das steht für "hoch". Die Geheimdienste erklären, sie würden nun noch stärker auf potenziell Verdächtige achten. Vor allem auf junge, dunkelhaarige Männer. Auf Araber.
Dearborn ist eine graue Industriestadt nahe Detroit mit 100 000 Einwohnern, davon 30 000 Arabern. Wenn der Muezzin der "American Muslim Society" zur abendlichen Predigt ruft, kommen Hunderte. Die Männer tragen traditionelle arabische Gewänder und Palästinenser-Tücher oder Blue Jeans oder Jacken mit dem Abzeichen der "Dallas Cowboys" auf dem Rücken. Viele haben einen amerikanischen Pass. Viele sind hier geboren. Sie arbeiten in den Ford-Werken oder betreiben eigene Geschäfte. An den Türen kleben "United we stand"-Sticker, als müssten sie jedem Fremden versichern, dass sie gegen den Terror sind und treue Amerika-Freunde.
Bis zum 11. September haben sie weitgehend friedlich in einer Art Parallel-Kultur mit ihren amerikanischen Nachbarn gelebt. Seitdem hat sich die Zahl der Übergriffe auf Muslime verzehnfacht. Junge Männer verlieren ohne Angabe von Gründen ihren Job; sie werden bepöbelt und zusammengeschlagen; sie werden wegen minderer Visa-Vergehen verhört, manchmal eingesperrt und gegebenenfalls deportiert. Und wenn sie doch freikommen, sagt der Rechtsanwalt Nabih Ayad, müssen sie sich schon mal auf einen Deal einlassen und für das FBI Landsleute bespitzeln. Ayad hat einen solchen Deal eingefädelt. Er ist nicht stolz darauf, aber sein Mandant ist frei. Vermeintlich frei.
Solche Geschichten machen die Runde überall im Land, wo Araber leben. Deshalb reden die Leute nicht mehr offen. Sie haben das Vertrauen verloren in die freie Rede und in Amerika. Und der bevorstehende Krieg macht alles noch schlimmer. Imad Hamad vom Amerikanisch-Arabischen Anti-Diskriminierungskomitee befürchtet, dass es den Arabern womöglich ähnlich ergehen könnte wie während des Zweiten Weltkrieges den Exil-Japanern, die damals interniert wurden. Kürzlich, bei einem turnusmäßigen Treffen mit Vertretern von FBI, Polizei und Einwanderungsbehörde, fragte er den anwesenden FBI-Vertreter, was dran sei an diesen Gerüchten. Und der stammelte nur: "Ich darf offiziell dazu nichts sagen."