
Liberias Diktator Charles Taylor: "Ich habe das Land zerstört, lasst es mich wieder aufbauen"© dpa
"Ich habe das Land zerstört, lasst es mich wieder aufbauen." Mit derart zynischen Slogans gewann Taylor nach langwierigen Friedensverhandlungen 1997 die Präsidentschaftswahlen: 75 Prozent der von seinen marodierenden Banden eingeschüchterten Bevölkerung wählten den Hobbyprediger. Doch Taylor machte sein Land nur zum Epizentrum blutiger Unruhen in ganz Westafrika: Seine Kindersoldaten schickte er als Legionäre nach Guinea, Sierra Leone und an die Elfenbeinküste, wo sie Pate standen für die grausamen Kinderkommandos heimischer Widerstandsbewegungen.
Im Tausch gegen Diamanten versorgte sie Taylor mit Tonnen ukrainischer und russischer Waffen - und wurde reich dabei: Auf zwei bis drei Milliarden Dollar wird das Vermögen des Mannes geschätzt, den seine einstigen Wähler heute verächtlich "Superglue" nennen, weil Geld wie Superklebstoff an seinen gierigen Händen pappte. 2001 verhängte der Weltsicherheitsrat über Liberias Handel mit den "Blut-Diamanten" ein Embargo, doch Taylor kassierte weiter: mit dem Verkauf liberianischer Billigflaggen für schwimmende Rostkähne aus aller Welt und dem Export von Edelhölzern, wofür er systematisch den Regenwald Liberias abholzen ließ. Seit Juli ist auch diese Quelle durch ein UN-Embargo versiegt, Schweizer Banken froren seine Konten ein. Doch niemand zweifelt, dass Taylor für die Zeit danach genug zurückgelegt hat.
Wenn er Liberia demnächst aus dem Würgegriff freigibt, hinterlässt er "das schlimmste Land der Welt" ("Economist"): zu einer Mülldeponie verkommen, ohne Strom, ohne Wasserversorgung und Gesundheitswesen. Hier stirbt jeder fünfte Säugling, die Lebenserwartung der Menschen liegt bei 49 Jahren und außer seinen Schergen hat fast niemand mehr Arbeit. Gestützt von den Nachbarländern, in denen er zündeln ließ, drängen jetzt rachsüchtige Verlierer von einst zur Schlacht um Monrovia. Leute wie der jüngere Bruder seines gemeuchelten Vorgängers Doe, die sich mit Überläufern und Ablegern von Taylors junger Killerbrut umgeben: Rekrutiert werden vor allem die Waisenkinder seiner Opfer in den Flüchtlingslagern der Elfenbeinküste und Guineas.
Kürzlich haben Taylors Veteranen vor der amerikanischen Botschaft in Monrovia für das Eingreifen von US-Truppen demonstriert ("Bush, save Liberia!"). Zombies um die 20 mit amputierten Gliedern, vernarbten Körpern und psychotischem Gehirn, die den "Big Brother" an seine moralische Verpflichtung gegenüber der einstigen Sklavenkolonie erinnern sollten: Liberia, das erst als Kautschuk- und Eisenerzlieferant, später als treuer Vasall während des Kalten Kriegs zu Diensten war, als CIA und Voice of America von Monrovia aus gegen Sowjeteinflüsse in Afrika agitierten - doch von jeher sich selbst überlassen blieb mit seinen brutalen Diktatoren, die Washington so lange morden ließ, wie sie nützlich waren. Am Ende ließ Amerika das ausgeblutete Land einfach fallen.
"Not a pretty situation", heißt es im Pentagon, doch an der "unerfreulichen Lage" in Liberia will man sich die Finger nicht schmutzig machen. Drei Kriegsschiffe sind in sicherer Entfernung vor Monrovias Küste postiert. Dass die 2300 Marines darauf zum Einsatz kommen, gilt als unwahrscheinlich. Da konkrete Friedenspläne ebenso fehlen wie demokratische Präsidentschaftskandidaten, sollen Blauhelme ab Oktober die schier unlösbare Aufgabe stemmen, im anarchischen Liberia eine stabile Nachkriegsordnung aufzubauen. Die dreckige Aufräumarbeit unmittelbar nach dem Sturz des Diktators will man der nigerianischen Eingreiftruppe mit UN-Mandat überlassen. Ihre Mission ist den USA gerade mal zehn Millionen Dollar wert: eine Summe, die nicht mal für eine Woche Einsatz reicht.