
Kurnaz mit seinem Anwalt: "Hilfe aus Deutschland gab es nicht"© Yves Logghe/AP
Es war warm. Ein US-Militärstützpunkt in der Türkei, dachte ich. Schon auf der Fahrt zum Camp haben sie uns viel geschlagen, als Willkommensgruß. Bei der Untersuchung steckte mir eine Frau so einen kleinen Stab in den Mund.
"Entspann dich", sagte sie. "Schau dich um, hier gibt's viele Bäume, hier habt ihr's gut." Aber da waren keine Bäume.
Manche Gefangene hatten das gleich vermutet, aber ich hab's erst geglaubt, als ich nach zehn Tagen einen kubanischen Kolibri sah. Über den hatte ich früher was gelesen.
Die Käfige waren so klein, ich dachte erst, die seien nur zum Umziehen. Man war allem ausgesetzt, Sonne, Regen, Schlangen, Skorpionen. Vor meinen Augen wurde ein Gefangener von einem Skorpion in den Finger gestochen. Fette Ratten liefen einem auf Beinen und Armen herum.
Schlecht. Wir wurden viel geschlagen, schikaniert. Und dann kam auch noch das mit dem Koran. Ein Militärpolizist, der eine Zelle durchsuchte, warf das Buch auf den Boden. Die Gefangenen haben geschrien. Als ich hinsah, hat er den Koran noch mit dem Fuß getreten. Alle haben angefangen, gegen die Türen zu treten, haben Wachen angespuckt. Dann kamen die Eingreiftrupps. Nachts wurden wir verlegt, morgens haben einige die Nahrung verweigert, fast alle haben dann mitgemacht.
Der dauerte vier Tage, dann versprachen die Amerikaner, so etwas wie mit dem Koran würde nicht mehr passieren.
Einmal sind da beim Verhör drei Frauen gewesen, eine in Uniform, zwei in Zivil, wenn man so sagen kann - die haben fast nichts angehabt. Nur ein Höschen aus ganz dünnem Stoff und ein knappes Top. Die haben gesagt, ich mag dich, ich möchte, dass wir das und das tun. Eine hat gesagt, ich will dich, ich hab dich beim Duschen gesehen... Aber das war eine Lüge, ich habe beim Duschen immer Shorts getragen. Sie hat sich dann von hinten an mich gepresst, hat ihre Hand unter meine Kleidung geschoben und mich an der Brust berührt. Ich war ja gefesselt, aber ich habe mit dem Kopf nach hinten geschlagen und sie auf die Nase getroffen. Hinter der Tür hatten die Wachen gewartet, sie stürzten gleich auf mich.
Da haben sie mich gefesselt liegen lassen. Vier, fünf Tage bekam ich kein Essen. Dann holten sie mich in einen Raum, der sehr schön war. Da hingen Wandteppiche mit Koranversen, da stand ein Fernseher, ein Sofa, ein Tisch mit Früchten, Nüssen, Muffins. "Ich hab gehört, was dir passiert ist", sagte der Vernehmer. "Das dürfen die nicht. Ich hab dir Essen mitgebracht." Ich sagte: "Ich mag dein Essen nicht und dein Gesicht auch nicht." Darauf er: "Nimm es mit in deine Zelle." Ich sagte: "Ich will dein Essen nicht." Ich habe weitere 15 Tage nicht gegessen, bis ein Nachbar sagte: "Allein kann man keinen Hungerstreik durchziehen."
Sie sagten uns, wegen der Menschenrechte würden wir in bessere Zellen verlegt. Aber da war es noch schlimmer. Camp Delta bestand aus Containerblöcken, jeder Block hatte 48 Zellen, Maschendrahtkäfige mit Bett, Toilette, Waschbecken auf Kniehöhe. Wir hatten nun noch weniger Bewegungsfläche. Die Luft war stickig. In der Hitze stank es nach Farbe und nach 48 Leuten, die bei hoher Luftfeuchtigkeit auf engstem Raum hausen. Das Neonlicht war immer an, auch nachts, die Generatoren dröhnten.
Ein Wächter, der uns manchmal heimlich etwas zusteckte, sagte: "Ich weiß, dass Gott euch Geduld gibt." Ich fragte ihn, ob er Muslim sei. Er sagte: "Das weiß ich, ohne Muslim zu sein. Das sehe ich doch. Ich an eurer Stelle würde durchdrehen."
Meist begann es mit einem Gebetsruf, den sie über die Lautsprecher im Lager abspielten - und den sie manchmal durch fast zeitgleiches Abspielen von Rockmusik oder der amerikanischen Hymne verunglimpften. Dann Frühstück durch die Essensklappe, das Tablett musst du mit dem Rücken zur Zellentür annehmen, damit du die Wörter nicht angreifen kannst. Dann Schlafen, Verhöre, durch die Gitter mit deinen Zellennachbarn reden, den Koran lesen, beten.
Kaum. Einmal haben sie mir ein Buch über Picasso gegeben, aber das lese ich nicht. Zweimal die Woche kann man duschen, 15 Minuten lang. Wäsche haben wir meistens selbst gewaschen, dann haben wir uns die Schlafmatte um die Hüften gerollt, für die Privatheit. Wenn neue Wäsche kam, gaben sie den Großen manchmal Hosen mit Größe S. Mittags gab es etwas zu essen, abends zwischen sieben und acht noch mal. Und dann versuchte man zu schlafen, bei grellem Neonlicht, oder musste wieder zum Verhör.
Im Durchschnitt viermal die Woche, all die Jahre über. Immer das Gleiche: "Wie heißt du? Wie alt bist du? Woher kommst du?" Und dann legen sie dir Stapel von Fotos vor: "Kennst du den? Wer ist das?" Endlos. Wenn ich einen gekannt habe, habe ich was gesagt und auch, was ich über den wusste. Die Vernehmer waren Militärs oder CIA oder FBI, sie trugen Zivil. Es gab nur wenige Ausnahmen, einmal hatte ich drei Monate lang kein Verhör, einmal zwei Wochen. Im Herbst 2002 wurde ich plötzlich besonders oft befragt, bis zu dreimal täglich, sieben Tage die Woche. Ich dachte mir, dass jetzt irgendwas passieren wird.
Es kamen drei deutsche Vernehmer.
Ich hatte auf sie gewartet. Ich wollte nach Hause. Aber was hilft es, wenn da welche kommen und nur noch mehr Fragen stellen? Ich weiß nicht, wer sie waren, und sie sagten nicht "Hallo" oder "Wie geht's?" Sie sagten nur: "Wir sind aus Deutschland und möchten Ihnen ein paar Fragen stellen." Ich wurde dann an zwei Tagen verhört, insgesamt sicher mehr als zehn Stunden.
Befrager aus dem Ausland verhörten Gefangene in einem kleinen Container. Militärpolizisten brachten mich von meinem Käfig in Camp Delta 2, Block Mike, in den Verhörraum. Sie ketteten meine Fußfessel an einem Eisenring am Boden an, die Handfesseln wurden später geöffnet. Als ich reinkam, saß einer der Deutschen am Tisch, die beiden anderen kamen später. Sie stellten einen Kassettenrekorder hin. In dem Raum gab es eine Klimaanlage, Tisch und Stühle und zwei Kameras - eine ist versteckt in einer Wanduhr neben der Ziffer Drei. Die Uhr war mal runtergefallen, und da ragte die Kamera aus der Wand. Im Nebenraum sind mehrere Monitore, die habe ich mal durch eine offene Tür vom Gang aus gesehen. Dort sehen wohl FBI, CIA oder sonstwer den Verhören zu.
Sie sagten, wenn ich ihre Fragen richtig beantwortete, könnte das meine Entlassung beschleunigen. Das sagten die US-Befrager auch immer. Die Deutschen aber waren viel professioneller. Sie wussten alles über mich, wussten, von welchem Konto ich wie viel abgehoben hatte, wie mein Flugticket bezahlt wurde, welche Tablighi ich in Bremen und in Pakistan getroffen hatte. Sie fragten auch viel über meinen Freund Selcuk.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2006