
Türkei: Die Bevölkerung fürchtet, dass die Touristen nicht mehr kommen, sollten die USA das Nachbarland der Türkei angreifen© AP
Kriege werden heutzutage genauso angekündigt wie Filme - mit Anlauf-datum und gigantischem Presserummel. Soll das Pentagon doch gleich überall Anzeigen schalten: Golfkrieg II - demnächst in einem Land ganz in Ihrer Nähe", schimpft Frédéric Beigbeder, den sein Bestseller "39,90" international berühmt gemacht hat. Junge Autorinnen und Lektoren treffen sich im Flammarion-Verlag im Pariser Quartier Latin. Der Januar geht bald zu Ende, doch auf dem Tisch stehen noch immer die Dreikönigs-Kuchen - leckere "galettes de Rois", gefüllt mit Marzipan; dazu Champagner.
"Das alles haben wir vor zwölf Jahren doch schon mal gesehen", sagt Beigbeder, neuer Literaturchef des Traditionsverlags, der seit 1875 eine Bastion der Intellektuellen ist. "Bomben auf Bagdad, Panzer in der Wüste, und Saddam schürt mit geballter Faust den Hass von Millionen frustrierten Muslimen." Er nippt am Champagner. "Mich hat die Zeremonie mit Schröder und Chirac in Versailles sehr beeindruckt. Jetzt gewinnt die deutsch-französische Freundschaft an Bedeutung für ganz Europa." Die Worte des amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfeld vom "alten Europa" perlen von ihm ab: "Ein schönes Kompliment, wenn man bedenkt, dass es von einem Faschisten stammt." Gestern erst hat er mit seinem Freund, dem Skandal-Autor Michel Houellebecq, wegen des drohenden Krieges telefoniert: "Er hasst die Amerikaner wie die Islamisten. Er ist in Spanien, liest Schopenhauer und glaubt, das Ende der Menschheit sei nahe."
An der Wand im sechsten Stock der Firma Bavarian Nordic nahe München hängt ein Organigramm mit Passbildern und Funktionen der Mitarbeiter: junge Gesichter, die meisten weiblich. Nur wenige ältere Herren, Chefs aus der Kopenhagener Zentrale des dänisch-deutschen Impfstoffherstellers.
Die Stimmung ist gut, die Arbeit verspricht Zukunft, die Mitarbeiter forschen unter anderem an Biopharmazeutika gegen Krebs und potenziellen Impfstoffen gegen das Aids-Virus. "Sehr vielversprechend", sagt Andreas Hartmann, Direktor für Marketing und Geschäftsentwicklung. Vielversprechend ist auch ein Auftrag der Bundesregierung: Hartmanns Firma soll Pocken-Impfstoff für elf Millionen Menschen liefern. Laut Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sei eine konkrete Bedrohung derzeit nicht auszuschließen. "Mir ist wichtig: Wir sind keine Kriegsgewinnler! Wir beschäftigen uns schon lange mit Viren", sagt Hartmann. "Aber noch haben wir keine Marktzulassung für den Pocken-Impfstoff. Es ist möglich, dass die Behörden Studien mit Tausenden von Probanden verlangen. Das kann pro Person bis zu 10 000 Euro kosten." In den Vertrag mit der Ministerin hat Bavarian Nordic zur Sicherheit eine Klausel einbauen lassen: Die Veranwortung bei schweren Nebenwirkungen liege nicht bei der Firma, sondern beim Staat.
Hartmann rutscht auf dem Stuhl hin und her. Eigentlich hat er nicht viel Zeit. Bayerische Landespolitiker rufen an: "Was kann ich meinen Wählern sagen?" Apotheker wollen Impfstoff ordern: "Die Nachfrage ist groß." Regierungsbeamte aus dem Ausland fragen nach Lieferzeiten. Eine Mutter ruft ins Telefon: "Ich verlange von Ihnen diesen Impfstoff! Meine beiden kleinen Töchter sind ungeschützt!" Hartmann sagt ihr das Gleiche wie den Apothekern: "Tut mir leid. Darf ich nicht. Das Medikament hat noch keine Zulassung." Die Mutter bricht in Tränen aus.
Der türkische Ministerpräsident Abdullah Gül braucht jetzt Hilfe. Demonstrationen, Druck von der Straße, Blockaden. Also lud der konservative Politiker Friedensaktivisten zum Tee. Für den Journalisten Aydin Engin ein denkwürdiges Treffen: Mehrmals hatte der linke Schriftsteller im Gefängnis gesessen. Er flüchtete nach Deutschland und schlug sich in Frankfurt als Taxifahrer durch. "Jetzt sollen wir den Amerikanern deutlich zeigen: Wir sind gegen einen Krieg", sagt Engin. Die Regierung steckt in einer Zwickmühle. Die Türkei, einer der weltweit am höchsten verschuldeten Staaten, ist abhängig von den Amerikanern im Internationalen Währungsfonds. "Sie können uns mit einer Fingerbewegung zu Bettlern machen."
In Istanbul trommelte Engin ein bislang einmaliges Bündnis bürgerlicher Kräfte zusammen. Tausende gingen auf die Straße. Der ehemalige Dissident fürchtet "die Rache hasserfüllter Kriegsverlierer: ein mit Sprengstoff gefüllter Lastwagen auf der Bosporus-Brücke, ein Selbstmordanschlag vor der Hagia Sophia". Der Türkei, sagt Engin, "drohen mindestens fünf Jahre individueller Terror". Und das schadet auch dem Geschäft. Schon wollten Basarhändler Schilder vor ihre Geschäfte hängen, "Savasa hayir", "Nein zum Krieg!" Zu viele Touristen haben bereits storniert. "Wer reist schon in ein Krisengebiet?", fragt Teppichverkäufer Hasan. Und dann sagt er ein Wort, das in diesen Tagen auch zurückhaltenden Istanbulern herausrutscht: "Puscht". Das heißt "Arschloch", und gemeint ist US-Präsident Bush.