Nach einer impulsiven Bush-Rede gegen den Irak fragt Karen einen Kollegen: "Wer hat den Präsidenten mit diesem Quatsch versorgt? Das Zeug entspricht keiner Geheimdienstquelle." Der Kollege antwortet: "Wir haben Quellen, zu denen du keinen Zugang hast." Kwiatkowski weiß, wer diese Quelle ist. Sie sieht sie mehrmals im Pentagon: Ahmed Chalabi, Chef des exilirakischen "Iraqi National Congress" (INC). Jenen Mann, der seit Jahrzehnten für die Beseitigung Saddams trommelt, der in Jordanien wegen Betrugs, Unterschlagung und Währungsmanipulation in Abwesenheit zu 22 Jahren Haft verurteilt ist, der die Geheimdienste kontinuierlich mit falschen Informationen aus seiner einstigen Heimat versorgt und wenigstens drei angebliche Überläufer anschleppt.
Der Erste, ein Ingenieur, gibt vor, bestimmte Kenntnisse über biologische Waffen des Iraks zu haben. Dies stellt sich als falsch heraus. Der Zweite gibt vor, Spezialwissen über fahrbare Bio-Laboratorien zu besitzen. Dies stellt sich als wertlos heraus. Der Dritte gibt vor, über Insider-Informationen des Atomprogramms zu verfügen. Dies stellt sich als Betrug heraus.
Karen Kwiatkowski, ihr Leben lang eine Konservative und treue Republikaner-Wählerin, beginnt, kritische Fragen zu stellen. Sie beginnt auch, im Internet anonyme Artikel "from a Pentagon-Insider" zu veröffentlichen. Sie ist unbequem, und das fällt auf. Einer ihrer Vorgesetzten bedeutet ihr schließlich: "Wir bereiten uns auf den Krieg vor. Ich glaube, du solltest dann nicht mehr hier sein." Innerhalb von drei Tagen muss sie ihr Büro räumen.
Monate später sitzt sie an einem dunklen Holztisch in ihrem Farmhaus in Virginia, zwei Autostunden von Washington entfernt. Sie redet schnell, sie gestikuliert viel. Sie ist wütend. In zwei Stunden werden ihre vier Kinder aus der Schule kommen und ihre Mutter wieder reden hören über den Verrat am amerikanischen Volk, über eine neokonservative Kabale, über die Lügen, die zum Krieg führten. Sie wollte in Virginia Ruhe und Frieden finden, Hühner halten, Kühe melken, ein Landleben führen.
Einige Geheimdienstler nennen sie anerkennend Amerikas "Jeanne d'Arc", weil sie sich widersetzte und auspackte und kämpfte. Kürzlich hat sie einer alten Kollegin eine E-Mail geschickt und bekam die Antwort: "Schreib mir nie wieder. Ich habe hier eine Karriere. Ich kann mir nicht leisten, mit dir in Verbindung gebracht zu werden." Geheimdienstleute haben dafür einen speziellen Terminus. Karen Kwiatkowski sagt: "Ich gelte als radioaktiv."
Die Propagandamaschinerie läuft nun auf vollen Touren. Nachdem Bush am 1. Juni vor Kadetten der Militärakademie West Point erstmals die Möglichkeit eines Präventivkriegs ins Spiel bringt, gilt es nun, das Bedrohungsszenario schrittweise zu verstärken. Im Weißen Haus wird dafür unter Federführung von Stabschef Andrew Card eine weitere interne Task Force gegründet, die White House Iraq Group (WHIG). Ihre Aufgabe ist es, eine Eskalationsstrategie für die verbalen Attacken auf den Irak zu koordinieren. Es handelt sich, wie Card in einem Interview mit der "New York Times" andeutet, um eine Art Marketing-Offensive für das Produkt Irak-Krieg.
Dick Cheney macht den Anfang. Am 7. August erklärt er vor dem Commonwealth Club in San Francisco: "Wir wissen aus diversen Quellen, dass er (Saddam) nach wie vor ein Nuklearwaffenprogramm verfolgt." Knapp drei Wochen später wird er noch präziser. Vor begeisterten Kriegs-veteranen in Nashville sagt er: "Einfach ausgedrückt - es gibt keinen Zweifel, dass Hussein jetzt Massenvernichtungswaffen besitzt. Es gibt keinen Zweifel, dass er sie anhäuft, um sie gegen unsere Freunde, Alliierten und uns zu benutzen." Er bezieht sich sogar auf den ermordeten Saddam-Schwiegersohn Hussein Kamel als Quelle. Cheney unterschlägt allerdings, dass Kamel bei seiner Vernehmung im Jahre 1995 ausgesagt hatte, unter seiner Aufsicht seien "alle chemischen, biologischen und nuklearen Waffen und Programme zerstört worden".
Auch der Präsident nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Am 7. September geben Bush und Großbritanniens Premierminister Tony Blair eine gemeinsame Pressekonferenz. "Ich möchte Sie daran erinnern", sagt Bush den Reportern, "als die Inspektoren in den Irak gingen und ihnen der Zugang verwehrt wurde, kam die Internationale Atomenergiebehörde mit einem Report heraus, in dem stand, dass die Iraker sechs Monate von der Entwicklung einer Atomwaffe entfernt waren. Ich weiß nicht, was wir noch mehr an Beweisen brauchen."
Der zitierte IAEA-Report allerdings existiert gar nicht. Doch das Dementi versickert schnell im Tremolo der Anti-Irak-Kampagne: -Condoleezza Rice, 8. September 2002: "Es wird immer eine gewisse Unsicherheit darüber geben, wie schnell Hussein an Nuklearwaffen kommen kann. Aber wir wollen den Beweis nicht in Form eines Atompilzes." -Donald Rumsfeld, 8. September 2002: "Stellen Sie sich einen 11. September mit Massenvernichtungswaffen vor. Es sind dann nicht dreitausend - es sind dann Zehntausende von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern." -George W. Bush, 12. September 2002: Vor den Vereinten Nationen nennt er Hussein eine "gravierende und wachsende Gefahr", weist auf chemische und biologische Waffen hin und stimmt die Weltgemeinde, noch vorsichtig, auf das Szenario ein: Es wird Krieg geben. -Donald Rumsfeld, 13. September 2002: "Es gibt keine Debatte in der Welt, ob sie diese Waffen haben. Das wissen wir alle. Jeder trainierte Affe weiß das." Die Regierung brauchte eine die Massen überzeugende Rechtfertigung für den Krieg, und Saddams Waffenarsenal schien dafür das geeignete Vehikel. Man habe sich, wie es Paul Wolfowitz später zugeben wird, "aus Gründen, die viel mit der US-Regierungsbürokratie zu tun haben, auf Massenvernichtungswaffen als Hauptargument verständigt".
Auf den Fluren des Geheimdienstes im Außenministerium, dem Bureau of Intelligence and Research (INR), pendelt die Stimmung zwischen Ratlosigkeit, Fassungslosigkeit und Entsetzen. Wovon reden Rumsfeld und Bush?, fragen sich die Analysten im State Department. Wie kommen sie auf solche Szenarien?
"Es gibt keinen Zweifel, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzt" Vizepräsident Dick Cheney
"Sie hatten kein Interesse an den Fakten. Ihre Ideologie lieferte ihnen die Fakten. Warum sollten sie sich dann noch mit der Realität beschäftigen" Greg Thielmann, Geheimdienst-Abteilungsleiter im US-Außenministeruim