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28. Mai 2009, 08:50 Uhr

Krise bedroht laut Amnesty Menschenrechte

Amnesty International befürchtet "gewalttätige Ausschreitungen großen Ausmaßes" als mögliche Folge der Weltwirtschaftskrise. In ihrem neuen Jahresbericht warnen die Menschenrechtler vor einer Zunahme von Rassismus und Unterdrückung. Auch Deutschland steht in der Kritik.

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"Wir sitzen auf einem Pulverfass": Amnesty-Generalsekretärin Irene Khan© Toby Melville/Reuters

Die Wirtschaftskrise wird die Menschenrechtssituation nach Einschätzung von Amnesty International erheblich verschlechtern. Infolge von steigender Armut und weiteren sozialen Konflikten könnte in vielen Ländern die staatliche Unterdrückung zunehmen, warnt die Menschenrechtsorganisation in ihrem neuen Jahresbericht. Amnesty zufolge wird in mehr als der Hälfte von 157 beobachteten Staaten gegen grundlegende Menschenrechte verstoßen. Innerhalb der EU werde noch in zwölf Ländern von Behörden misshandelt und gefoltert, zum Beispiel in Spanien oder Italien.

Amnesty-Generalsekretärin Irene Khan warnte vor "gewalttätigen Ausschreitungen großen Ausmaßes", wenn infolge der Krise Menschenrechte missachtet würden. "Wir sitzen auf einem Pulverfass von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unsicherheit, das jeden Augenblick explodieren kann." In Staaten wie Tunesien hätten die Behörden schon mit "extremer Härte" auf friedliche Proteste reagiert. Außerdem werde die Krise zur Folge haben, dass noch mehr Afrikaner die lebensgefährliche Flucht über das Meer nach Europa wagen.

"Wenn Arbeit, Nahrung und Wasser knapp werden, nehmen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung zu. Unruhen und politische Gewalt können die Folge sein", sagte auch der Leiter des Brüsseler Amnesty-Büros, Nicolas Beger. Infolge der Rezession könnten zudem bis zu 90 Millionen Menschen in die Armut abrutschen. Beger betonte den unmittelbaren Zusammenhang von Armut und Menschenrechtsverletzungen: "Der größte Teil der Opfer von Menschenrechtsverletzungen ist arm, denn die Rechte von Armen gewinnen oft keine materielle Kraft." Sie hätten keinen Zugang zu Bildung und keine Chance, vor Gericht ihr Recht zu erstreiten. Nach Schätzungen der UN gelte dies für vier Milliarden Menschen.

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth nahm den Amnesty-Bericht zum Anlass, davor zu warnen, "dass in Zeiten der Wirtschaftskrise Menschen- und Bürgerrechte unter die Räder geraten". Die Linkspartei erklärte zu der Einschätzung von Amnesty: "Die Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems bewirkt eine weltweite Gefährdung der Menschenrechte."

Kritik an Deutschlands Abschiebe-Praktiken

Der stellvertretende Generalsekretär von Amnesty Deutschland, Wolfgang Grenz, warf der Bundesrepublik vor, das absolute Folterverbot indirekt zu untergraben. "Wir beobachten zunehmend die Tendenz, durch Folter entstandene Aussagen in Ermittlungsverfahren zu verwenden. Das leistet der Folter Vorschub", sagte er. Grenz übte zudem massive Kritik daran, dass Deutschland auf Basis "unverbindlicher diplomatischer Zusicherungen" Terrorverdächtige in Länder abschiebe, in denen ihnen Folter drohe.

Die Gesundheitsversorgung von irregulären Migranten bezeichnete Grenz als "gravierendes Problem". Betroffene ließen sich häufig trotz massiver gesundheitlicher Beeinträchtigungen nicht behandeln. Zwar stelle das Sozialamt Migranten ohne Papiere einen Krankenschein aus. Die Behörde sei allerdings verpflichtet, den fehlenden Aufenthaltsstatus zu melden. Aus Angst vor der Abschiebung mieden die Migranten darum den Arzt.

In ihrem 46. Jahresbericht beklagt Amnesty, dass in 81 von 157 untersuchten Ländern die Meinungsfreiheit verletzt werde. "Auch in sechs EU-Staaten wird die Meinungsfreiheit nicht vollständig gewährt", sagte Beger. So dokumentierten die Menschenrechtler zahlreiche Fälle sexueller Diskriminierung in Bulgarien, der tschechischen Republik, Griechenland, Ungarn, Litauen und Lettland. Mit drastischen Worten beschrieb Beger die Situation der Roma in Italien, Tschechien und Ungarn: "Der Zugang der Roma zu Bildung, Wohnraum, Arbeit und Gesundheitswesen ist derart eingeschränkt oder verwehrt, dass dies zuweilen Züge einer Apartheids-Politik annimmt." Viele Roma lebten regelrecht in Ghettos und müssten ständig Zwangsräumungen fürchten. Viele Kinder müssten Sonderschulen für geistig Behinderte besuchen oder gingen gar nicht zur Schule.

"Doppelmoral in Menschenrechtsfragen"

Kritisch äußerte sich Amnesty insbesondere auch zur Lage in großen Schwellenländern wie China, Brasilien oder Indien, die als Folge der Krise immer enger in die internationale Politik einbezogen werden. Khan hielt den G-20-Staaten, die bei den bisherigen zwei "Weltfinanzgipfeln" dabei waren, eine "Doppelmoral in Menschenrechtsfragen" vor. Beispielsweise würden in neun G-20-Ländern - darunter China und die USA - noch immer Menschen hingerichtet. Als weitere Länder mit Negativ-Urteil stellte die Organisation Afghanistan, Birma, Israel, den Sudan, Sri Lanka und Kolumbien heraus.

"Die bisherige Amtszeit von US-Präsident Obama betrachten wir mit gemischten Gefühlen", sagte Beger. Erst ein Gefangener sei aus Guantanamo entlassen worden. Amnesty begrüße zwar Obamas Absage an die Folter. Bestürzend sei aber, dass der Präsident CIA-Mitarbeiter, die gefoltert hätten, von einer strafrechtlichen Verfolgung verschone. Auch die rechtsstaatswidrigen Militärtribunale müssten endlich abgeschafft werden. Amnesty fordere Deutschland und die EU auf, sich aktiv für eine Schließung des Gefangenenlagers einzusetzen.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
vegefranz (28.05.2009, 12:52 Uhr)
Menschenrechte in Deutschland
Und wieder wurde eine junge Frau von ihrer eigenen Familie ermordet, weil sie leben wollte wie wir, weil sie über ihr Leben selbst bestimmen wollte. Die 20 Jahre alten libanesische Kurdin Iptehal Z. wurde im September vorigen Jahres von Urlaubern auf einem Autobahnrastplatz erschossen aufgefunden. Jetzt wurde ein Cousin verhaftet.
Freunde der Toten aus Schwerte berichteten indes, dass die 20-jährige Kurdin lebenslustig war und durch ihr hübsches Äußeres auffiel. Nach Medieninformationen soll es in der konservativen Familie vor diesem Hintergrund zu Konflikten gekommen sein. Angeblich hatte die in Bochum geborene Frau einen Freund, mit dem die Familie nicht einverstanden war. Letztlich, so hieß es, sei die junge Frau ausgezogen. Zuletzt soll sie in einem Iserlohner Frauenhaus Zuflucht gesucht haben. (…) „Motiv für die Tat soll die Wiederherstellung der angegriffenen Familienehre gewesen sein”, zitiert Richter und Pressesprecher des Landgerichts Till Deipenwisch auf Anfrage der Westfalenpost aus der umfangreichen Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft sieht den Cousin der Toten aus Wuppertal (Ezzedin A., 20 Jahre, Syrer) und den Onkel der jungen Frau (Hussain K., 48 Jahre, finnischer Staatsbürger) als Täter.
Wo sind die Stimmen der BerufsempörtInnen, die dafür eintreten, dass solche Verbrechen nicht auf der Tagesordnung stehen? Die sich für die Menschenrechte junger Frauen aus dem islamischen “Kultur”kreis einsetzen, statt mit den Hütern des Unrechts Händchen zu halten, damit alles so bleibe, wie es ist und es als ihre vornehmste Aufgabe erachten, Kritiker dieser Zustände mit der Nazikeule zu erschlagen?
Plancklala (28.05.2009, 11:43 Uhr)
Rednex, Terroristen & Nazis
@hevosenkuva: Die Krise ist auch keine Folge sondern dem System immanent, genau so wie Staat und "globale Konzerne". Die unterliegen (!) alle, da ein jedes Glied ebenso von den Werten beherrscht wird, die es ebenfalls vertreten muss (ich muss es ja auch unterstützen zum Supermarkt gegenüber zu rennen oder mich zu verkaufen...). Kriesen gab es auch schon bevor es deine verhassten global Player gab, aber um das zu wissen bist du a. zu jung und b. politökonomisch und historisch uninteressiert.
@ sportartmakler/ Countryjoe: Zwei Rednex wie sie im Bilderbuche stehen.
Es scheint so, dass der Durschnittsbürger, sobald er die Politik oder irgendwas außerhalb seiner persönlichen Fachidiotie streift, in infantile Ph(r)asen zurück fällt.
sportartmakler (28.05.2009, 10:46 Uhr)
illegale können also
hier nicht zum arzt weil eine meldepflicht an die behörde besteht? sorry, das der regierung vorzuwerfen ist einfach nur hirnrissig.
Countryjoe (28.05.2009, 10:31 Uhr)
Ja ja...
Wer Terroristen und Illegale nicht in Watte packt und ihnen unbegrenzten Zugang zum sozialen Netz gewährt ist ein ganz böser!
Ich frage mich immer, auf welcher Insel der wohlversorgten Glückseligen die AI-Leute eigentlich leben.
hevosenkuva (28.05.2009, 10:09 Uhr)
Nicht die Wirtschaftskrise bedroht Menschenrechte
sondern Regierungen und globale Konzerne. Die Wirtschaftskrise ist eine Folge, kein Täter.

Und die Wirtschaftskrise kann nicht an allem schuld sein, die wird ja noch ganz depressiv! :o)
ganzbaf (28.05.2009, 09:46 Uhr)
Ja, der akkumulative Machtkapitalismus ist böse

Und das Geld hat der Teufel gemacht.
Habt etwas Mitleid mit Millionären und Milliardären, denkt auch mal an deren Seelenheil, nehmt ihnen endlich die Kohle weg!
Kleiner Rest darf bleiben...;-Ä
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