
Deng Xiaoping zieht nach dem Tod Maos die Strippen. Offizieller Staatschef wird er nie, krempelt aber die Wirtschaft um© Picture-Alliance
So liberal sich der oberste Führer in der Wirtschaft zeigt, so brutal geht er gegen alle vor, die den Machtanspruch der Partei infrage stellen. Schon 1979 lässt er Dissidenten verhaften. Ebenso 1986, als Studenten erstmals zu Tausenden protestieren und Demokratie fordern. Es sind aber die Ereignisse des Frühsommers 1989, die sein janusköpfiges Wesen in der Geschichte festschreiben.
Die Vorgeschichte reicht zwei Jahre zurück. Auf Betreiben Dengs war Hu Yaobang 1987 als Parteichef abgesetzt worden. Er hatte sich für politische Reformen stark gemacht, den Bruder des Dalai Lama getroffen und sogar gefordert, Chinesen sollten mit Messer und Gabel statt mit Stäbchen essen. Der Rauswurf machte Hu zum Helden der Studenten. Als er im April 1989 stirbt, versammeln sich Tausende auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Die spontane Trauerkundgebung wird zum Protest. Studenten beginnen, auf dem Platz zu kampieren. Am 17. Mai sind es mehr als eine Million. Bauern verteilen Reis an die Studenten, Straßenverkäufer schenken kostenlos Getränke aus. Einige bauen aus Gips und Styropor eine neun Meter hohe Freiheitsstatue, andere treten in den Hungerstreik. Und die Rebellion weitet sich aus: In mehr als 400 Städten kommt es zu Demonstrationen gegen das autoritäre System.
Der kurze Frühling endet in den frühen Morgenstunden des 4. Juni 1989. Die Straßenlampen auf dem Platz werden ausgeschaltet, und Truppen rücken vor. Dann eröffnen die Soldaten das Feuer. Es ist ein Blutbad. Panzer zermalmen die Zelte und die Freiheitsstatue. Um die Welt geht das Bild eines Manns mit Plastiktüte in der Hand, der sich den Panzern in den Weg stellt. Verzweifelt ruft er: "Warum seid ihr hier? Ihr habt nichts anderes getan, als Unglück über uns zu bringen."
Die Panzer fahren um ihn herum, doch das ist die Ausnahme. Hunderte sterben, erschossen von den Soldaten der Volksbefreiungsarmee. "Als die Panzer weg waren, blieben nur Tote zurück. Dann kamen Soldaten, um die Leichen mit Benzin zu verbrennen", berichtet eine Studentin. "Ich selbst habe gesehen, wie Polizisten in einen Krankenwagen gestürmt sind, um alle Verletzten darin zu erschießen."
Mit den Studenten stirbt die Hoffnung auf Demokratie. Zwar geht die wirtschaftliche Öffnung weiter, der 87-jährige Deng unternimmt 1992 sogar noch einmal eine symbolische Reise in die gedeihenden kapitalistischen Hochburgen Shanghai und Shenzhen. Vom Einparteienstaat aber rückt das Zentralkomitee nicht ab.
Deng Xiaoping stirbt 1997, sein Kurs gilt bis heute. So ist China zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach über 2000 Jahren Kaisertum und 60 Jahren Kommunismus, ein Land des Widerspruchs. Mit Reichtum, Wolkenkratzern, der Gelegenheit zu Auslandsreisen - aber zensiertem Internet, Verhaftungen und Hinrichtungen. Chinesen können sich heute gefahrlos im Restaurant über die Politik der Kommunistischen Partei unterhalten - eine eigene zu gründen bleibt ihnen verboten.
Nur einmal scheinen sich Volk und Partei tatsächlich nah zu sein. Es ist der 13. Juli 2001. Hunderttausende haben sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammelt und schwenken rote Fahnen. Für die meisten kein Symbol mehr des Kommunismus, sondern der chinesischen Nation. Gespannt verfolgen sie eine Abstimmung in Moskau. Dort tagt das Internationale Olympische Komitee. Kurz nach 23 Uhr Ortszeit verkündet IOC-Präsident Samaranch die Entscheidung: Peking bekommt die Spiele 2008. Hunderttausende jubeln, selbst die Mitglieder des Politbüros mischen sich unters Volk. Das Projekt Olympia beginnt mit Freude und Hoffnung.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2009