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4. Juni 2009, 15:50 Uhr

Amerikas dunkles Geheimnis

USA, Folterstaat, Dick Cheney, Waterboarding, CIA-Verhöre, Folter, Bush, Abu Ghraib

Steven Kleinman, 52, Colonel der Luftwaffe, Psychologe im Anti-Folter-Programm. Aus Bagdad wird der Foltergegner als "Weichei" weggemobbt© John Lee

Gestern war sie ein Mädchen, das etwas Abenteuer wollte. Heute ist sie das Gesicht der Folter.

John Bellinger, Juni 2005, State Department

Nach Bushs Wiederwahl ist John Bellinger seiner Chefin Rice als oberster Rechtsberater ins Außenministerium gefolgt. Jetzt, glaubt er, zahlt sich aus, dass er so lange ausgehalten hat, jetzt kann er was verändern.

Es ist, als wolle John Bellinger etwas wiedergutmachen. In zwei Memoranden fordert er die Auflösung von Guantánamo und ein "end game" für die geheimen Gefangenen der CIA. Wenigstens soll ihre Existenz öffentlich gemacht werden. Cheney ist entsetzt: "Dann wird doch jeder fragen: Was habt ihr mit ihnen gemacht?" David Addington tobt, die Wiedereinsetzung der Genfer Konvention sei eine "Abscheulichkeit". Es scheint da schon ein Sieg, als Bush im September 2006 die Verlegung der geheimen CIA-Gefangenen nach Guantánamo verkündet.

Lynndie England, September 2005, Fort Hood, Texas

Ein Militärgericht in Fort Hood verurteilt Lynndie England zu drei Jahren Haft wegen der Misshandlung von Gefangenen. Ihr Ex-Verlobter Graner bekommt zehn Jahre. Fünf weitere Soldaten niederen Rangs werden verurteilt. CIA-Agenten und ihre Vorgesetzten, die weit Schlimmeres taten, genießen Straffreiheit.

Damien Corsetti, Juni 2006, Fort Bliss, Texas

Zwei Männer sterben in Bagram. Corsetti wird mit 15 anderen Soldaten wegen Misshandlung und sexueller Belästigung von Gefangenen angeklagt. Ein Militärgericht spricht ihn am Ende frei. Corsetti habe sich in einer Grauzone bewegt mit seinem Verhalten, stellt die Militärjury fest. Kameraden und selbst Gefangene sagen für Corsetti aus. "Er ist eigentlich ein netter Kerl, wie ein großer Teddybär." Corsetti wird nur wegen Haschischkonsums verurteilt.

George W. Bush, 8. März 2008, Weißes Haus

Der Präsident legt sein Veto ein gegen ein Gesetz, das Waterboarding und andere harte Verhörmethoden untersagt. "Dies ist nicht die Zeit, um Praktiken, die erwiesenermaßen Amerika geschützt haben, abzuschwören."

April und Mai 2009, Leben mit der Schuld

Der Untersuchungsbericht des Streitkräfteausschusses des Senats kommt nach Einsicht von 200.000 Dokumenten zu dem Schluss, dass der Missbrauch von Gefangenen nicht einigen "bad apples" zugeordnet werden kann. "Es ist eine Tatsache, dass hohe Beamte in der Regierung Informationen für aggressive Techniken anforderten, das Gesetz verfeinerten, um ihnen den Anschein der Legalität zu geben, und dem Einsatz der Methoden gegen Gefangene zustimmten. Rumsfelds Autorisierung von aggressiven Verhörmethoden in Guantánamo war eine direkte Ursache des Gefangenenmissbrauchs in Abu Ghraib."

Als John Yoo im kleinen Auditorium der Chapman Law School ans Rednerpult tritt, schreien einige Studenten "Kriegsverbrecher!" Yoos Gesicht ist meist ausdruckslos, man kann selten darin ablesen, was er wirklich denkt. Er sagt mit ruhiger, sanfter Stimme: "3000 unserer Bürger waren durch die Attacke eines ausländischen Feindes getötet worden. Wir mussten das Land vor weiteren Anschlägen beschützen. War es das wert? Wir haben seit mehr als sieben Jahre keine Attentate mehr erlebt."

Yoo ist mittlerweile 41. Es gibt Studenten, die ihn als freundlichen, spannenden Professor loben. Und es gibt Studenten, die zu seinen Vorlesungen in Guantánamo-orangefarbenen Overalls erscheinen. Barack Obama will Yoo und seine Kollegen nicht verfolgen. Aber angeblich empfiehlt die interne Untersuchungskommission des Justizministeriums, standesrechtliche Schritte einzuleiten. Yoo könnte seine Zulassung als Anwalt verlieren.

Damien Corsetti sitzt an der Theke der Sports-Bar "Hard Times Café" in Fairfax, trinkt alkoholfreies Bier. In Bagram war er zum Alkoholiker geworden. Bagram hat sowieso aus ihm einen "son of a bitch" gemacht, wie Damien Corsetti sagt. "Ich war ein schlimmer Mensch."

Zu Hause konnte er nicht aufhören, ein schlimmer Mensch zu sein. Er darf sich seiner Frau und seinem Sohn nicht mehr nähern. Er sagt: "Die Dämonen von Bagram bekommst du nicht so schnell los." Die Schreie der Gefangenen sind in seinem Kopf, Schreie nach ihrer Mutter, nach Allah. Sein Lieblingsplatz in Washington war der Zoo, das Elefantenhaus. Er kann dort nicht mehr hin. Der Geruch erinnert ihn an Bagram.

Er hat mehrere Therapien hinter sich. Während des Gesprächs fehlen ihm manchmal die Worte, er geht raus, raucht einen Joint. Corsetti will etwas wiedergutmachen. Er setzt sich nun für einen jungen Gefangenen in Guantánamo ein.

Ali Soufan hatte nach der Folter an Abu Subaida genug von der Rivalität der Geheimdienste. Er verließ das FBI und gründete seine eigene Sicherheitsfirma. Vor zwei Wochen sagte er vor einem Justizausschuss des Senats als Zeuge aus, hinter einer Holzwand, um unerkannt zu bleiben.

Auch Michael Gelles, der Psychologe, will nicht mehr fürs Militär arbeiten, er ist heute bei einer Unternehmensberatung.

Colonel Steven Kleinman hält an Militäruniversitäten Vorträge über die Wirksamkeit intelligenter Verhöre und die humane Behandlung von Kriegsgefangenen. Seine Freunde im Militär halten ihn für einen Verräter, sie haben ihn verlassen. Als er im Interview davon spricht, kommen ihm die Tränen.

John Bellinger hat gerade sein neues Büro in einer renommierten Anwaltskanzlei bezogen. Er würde gern nach Europa reisen, erklären, sich freisprechen. Doch dort könnten Staatsanwälte gegen ehemalige Mitglieder der Bush-Regierung ermitteln. Vielleicht auch gegen ihn? Bellinger ist unsicher, er blickt weg, er lächelt gequält. Er weiß, es ist noch lange nicht vorbei.

Richard Shiffrin tritt auf den Balkon. Ein Hubschrauber fliegt über seine Wohnanlage in Florida am Golf von Mexiko hinweg. "Die suchen dich", ruft seine Freundin. "Hat Sie jemand im Auto hierher verfolgt?", fragt er besorgt. Da sitzt ein selbstkritischer Pensionär, der einzige hohe Regierungsbeamte, der ausgepackt hat. Der einstige stellvertretende Chefjurist im Pentagon hat sich eine neue Beschäftigung gesucht. Er vertritt als Anwalt die Gefangenen von Guantánamo, ohne Honorar. Warum? "Ich fühle mich wohl irgendwie schuldig", sagt er.

Lynndie England lebt mit ihrem vierjährigen Sohn Carter in einem Trailer in West Virginia und findet keinen Job, "weil keiner mich je einstellen will". Sie leidet unter Depressionen. Sie würde heute vieles anders machen, aber gegen Folter habe sie nichts. "Wenn Terroristen euch Reporter hier auf der Wiese kidnappen, hätte ich nichts gegen die Anwendung von Folter, um euer Leben zu retten." Sagt es und fährt in ihrem alten Wagen der Abendsonne entgegen.

Der Ex-Vizepräsident ist zum Chefkritiker Barack Obamas geworden. Er lässt keine Gelegenheit aus, ihm Schwäche vorzuwerfen. Über die Folter sagt er: "Es wäre unethisch und unmoralisch gewesen, es nicht zu tun. Ich fühle mich sehr gut angesichts der Dinge, die wir taten. Ich würde es jederzeit wieder tun."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2009

Von G. di Grazia, K. Gloger und J. Wiechmann
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KOMMENTARE (10 von 14)
 
dutchinmex (15.06.2009, 22:25 Uhr)
@Oederland2011
Siegreiche Kriege der USA? Seit 64 Jahren war der einzige siegreiche die Invasion in Grenada; die zahllose andere kann man kaum als Sieg bezeichnen. Aber Ihr Kommentar ist auf dem Punkt. Die USA sind wirtschaftlich ein Erste-Weltland, mental und intellektuell aber stehen sie auf der Höhe von z.B. Nigeria oder Uganda.
Oederland2011 (15.06.2009, 19:09 Uhr)
V o r b i l d USA
Andreas Petzold scheibt im Editorial 23/2009 zu diesem Artikel: „Er (Cheney) versteht ... nicht, dass die Präsidialdemokratie Amerika durch die langjährige regierungsamtliche Rechtsbeugung ihren V o r b i l d c h a r a k t e r verloren hat.“ Petzold meint damit die Folter während des Krieges gegen den Terror.
Aber die USA haben in ALLEN ihren (siegreichen! Vorbildcharakter?) Kriegen gefoltert. A. McCoy dokumentiert die Folterpraxis und -forschung der US-Geheimdienste („Foltern und foltern lassen“, Verlag Zweitausendeins). Der Vietnamkrieg und die verdeckten Kriege in Mittelamerika waren Folterorgien, wer sich mit der Geschichte der US-Weltmacht befasst, stößt in jedem Kapitel darauf. Es fragt sich also, welchen Vorbildcharakter Petzold meint.
Und die Leser, die empörte Kommentare posten, sollten wissen, dass auch über diese „Geschichte“ Gras wächst, wie über all die anderen Grässlichkeiten zuvor.
Und dass beim nächsten Skandal – in zwei Monaten, in zwei Jahren – wieder Chefredakteure davon schreiben werden, dass durch ihn der Vorbildcharakter der USA Schaden nimmt. Siehe auch www.nord-com.net/oederland.
butcher99 (15.06.2009, 15:52 Uhr)
Demokratie
Warum glauben eigentlich immer noch einige unverbesserliche, dass es sich bei den USA um eine Demokratie handelt? Dort hat immer und wird immer das Recht des Stärkeren herrschen. Wenn die BRD nicht das Bollwerk gegen den Kommunismus gewesen wäre, würde heute keiner mehr von uns Notiz nehmen müssen. Dann wären wir als Staat lange von der Bildfläche verschwunden. Einzige Chance wäre gewesen: immense Oelfunde auf deutschem Hoheitsgebiet, aber das Oel ist ja Gott sei Dank dürch kommunistische Bedrohung substituiert gewesen.
dutchinmex (15.06.2009, 00:01 Uhr)
Wir können
noch lange darüber reden, daß sich die USAer dem stellen müssen, aber dabei begraben wir, die Europäer, unsere eigene Feigheit. Wir in Europa sind moralisch verpflichtet, Busch, Cheney und alle ihre Helfer als Kriegsverbrecher anzuklagen beim Internationalen Gerichtshof, genauso wie das nach dem 2. Weltkrieg geschah. Aber das zu tun wagt keine Regierung; im Gegenteil, einer der größten europäischen Verbrecher, Tony Blair, wird freudenstrahlend vom Papst in der katholischen Religion begrüsst und bekommt noch einen gutbezahlten Job für's Leben dazu als Belohnung. Jedes europäisches Staatsüberhaupt, das sich in diesem zurückhält, ist genauso feige und mitschuldig wie die USAer. Das gilt genauso für alle, die hier reden aber sich nicht aktiv dafür einsetzen. haben wir denn nichts gelernt von dem Unschuldsgebären des Volkes im 2. Weltkrieg und aus der DDR-Zeit? Scheinbar nicht. Eine Schande.
iovialis (14.06.2009, 20:42 Uhr)
@wolfi67 + Dieter37
Wenn ihr beiden Helden etwas recherchieren würdet, wüßtet ihr längst, daß mich der "Staatsschutz" kennt und mein Kommentar nicht von ungefähr kommt.
Aber scheinbar dulden hier Menschen das, was in dem Artikel geschrieben wurde, ohne wirklich Erfahrung, geschweige denn sich mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Genau solche Leute sind aber später die Täter, die im Artikel beschrieben wurden.
Reality (14.06.2009, 20:09 Uhr)
Solange die USA dieses Kapitel ihrer Geschichte nicht...
haarklein aufgearbeitet hat, z.B. so wie Deutschlad seine Nazi - Vergangenheit, solang dies nicht geschehen ist, stellt sich das US-Amerika auf jene moralische Stufe wie jene diktatorische Staaten und ihrer diktatorischen Schergen, welche sie durch ihre Angriffskriege zu Demokratien ändern wollte, was ja bis heute nicht gelungen ist.
hamburg123 (14.06.2009, 19:22 Uhr)
Erinnern wir uns nicht?
Vor einigen Jahren hat die Regierung Bush doch den Nordkoreanern Leichtwasserreaktoren versprochen und auch geliefert. Die Folgen sehen wir jetzt. Aber das die Atomwaffen von der US-Regierung bezahlt wurden, interessiert jetzt keinen mehr. Haben die Deutschen so ein schlechtes Gedächtnis oder wollen sie einfach alles was nicht in ihr Weltbild passt verdrängen?
rinaldi (14.06.2009, 19:05 Uhr)
Tja, da hat doch mal vor ein paar Jahren
ein deutscher Staatsanwalt einen Metzgermeister angeklagt, weil dieser den Mut hatte, seine Meinung offen kundzutun (mit einem Plakat in seinem Schaufenster), dass G. Walker Bush psychisch krank sei.
Was deutsche Beamten- und Untertanenmentalität alles an Ekelhaftem hervorbringt!
undueberhaupt (14.06.2009, 17:42 Uhr)
Alle tanzen...
wieder nach Obamas Pfeife, selbst der kleine aus Paris. Und Osama, der heckt bestimmt wieder was aus. Welch ein Schreckenskreis.
Bebuquin (14.06.2009, 17:12 Uhr)
@Viper2024
Konsequenterweise müßte man alle im Artikel erwähnten und daran beteiligten nach Den Haag überstellen und die Prozesse öffentlich, weltweit im Fernsehen übertragen.
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