
Steven Kleinman, 52, Colonel der Luftwaffe, Psychologe im Anti-Folter-Programm. Aus Bagdad wird der Foltergegner als "Weichei" weggemobbt© John Lee
Gestern war sie ein Mädchen, das etwas Abenteuer wollte. Heute ist sie das Gesicht der Folter.
Nach Bushs Wiederwahl ist John Bellinger seiner Chefin Rice als oberster Rechtsberater ins Außenministerium gefolgt. Jetzt, glaubt er, zahlt sich aus, dass er so lange ausgehalten hat, jetzt kann er was verändern.
Es ist, als wolle John Bellinger etwas wiedergutmachen. In zwei Memoranden fordert er die Auflösung von Guantánamo und ein "end game" für die geheimen Gefangenen der CIA. Wenigstens soll ihre Existenz öffentlich gemacht werden. Cheney ist entsetzt: "Dann wird doch jeder fragen: Was habt ihr mit ihnen gemacht?" David Addington tobt, die Wiedereinsetzung der Genfer Konvention sei eine "Abscheulichkeit". Es scheint da schon ein Sieg, als Bush im September 2006 die Verlegung der geheimen CIA-Gefangenen nach Guantánamo verkündet.
Ein Militärgericht in Fort Hood verurteilt Lynndie England zu drei Jahren Haft wegen der Misshandlung von Gefangenen. Ihr Ex-Verlobter Graner bekommt zehn Jahre. Fünf weitere Soldaten niederen Rangs werden verurteilt. CIA-Agenten und ihre Vorgesetzten, die weit Schlimmeres taten, genießen Straffreiheit.
Zwei Männer sterben in Bagram. Corsetti wird mit 15 anderen Soldaten wegen Misshandlung und sexueller Belästigung von Gefangenen angeklagt. Ein Militärgericht spricht ihn am Ende frei. Corsetti habe sich in einer Grauzone bewegt mit seinem Verhalten, stellt die Militärjury fest. Kameraden und selbst Gefangene sagen für Corsetti aus. "Er ist eigentlich ein netter Kerl, wie ein großer Teddybär." Corsetti wird nur wegen Haschischkonsums verurteilt.
Der Präsident legt sein Veto ein gegen ein Gesetz, das Waterboarding und andere harte Verhörmethoden untersagt. "Dies ist nicht die Zeit, um Praktiken, die erwiesenermaßen Amerika geschützt haben, abzuschwören."
Der Untersuchungsbericht des Streitkräfteausschusses des Senats kommt nach Einsicht von 200.000 Dokumenten zu dem Schluss, dass der Missbrauch von Gefangenen nicht einigen "bad apples" zugeordnet werden kann. "Es ist eine Tatsache, dass hohe Beamte in der Regierung Informationen für aggressive Techniken anforderten, das Gesetz verfeinerten, um ihnen den Anschein der Legalität zu geben, und dem Einsatz der Methoden gegen Gefangene zustimmten. Rumsfelds Autorisierung von aggressiven Verhörmethoden in Guantánamo war eine direkte Ursache des Gefangenenmissbrauchs in Abu Ghraib."
Als John Yoo im kleinen Auditorium der Chapman Law School ans Rednerpult tritt, schreien einige Studenten "Kriegsverbrecher!" Yoos Gesicht ist meist ausdruckslos, man kann selten darin ablesen, was er wirklich denkt. Er sagt mit ruhiger, sanfter Stimme: "3000 unserer Bürger waren durch die Attacke eines ausländischen Feindes getötet worden. Wir mussten das Land vor weiteren Anschlägen beschützen. War es das wert? Wir haben seit mehr als sieben Jahre keine Attentate mehr erlebt."
Yoo ist mittlerweile 41. Es gibt Studenten, die ihn als freundlichen, spannenden Professor loben. Und es gibt Studenten, die zu seinen Vorlesungen in Guantánamo-orangefarbenen Overalls erscheinen. Barack Obama will Yoo und seine Kollegen nicht verfolgen. Aber angeblich empfiehlt die interne Untersuchungskommission des Justizministeriums, standesrechtliche Schritte einzuleiten. Yoo könnte seine Zulassung als Anwalt verlieren.
Damien Corsetti sitzt an der Theke der Sports-Bar "Hard Times Café" in Fairfax, trinkt alkoholfreies Bier. In Bagram war er zum Alkoholiker geworden. Bagram hat sowieso aus ihm einen "son of a bitch" gemacht, wie Damien Corsetti sagt. "Ich war ein schlimmer Mensch."
Zu Hause konnte er nicht aufhören, ein schlimmer Mensch zu sein. Er darf sich seiner Frau und seinem Sohn nicht mehr nähern. Er sagt: "Die Dämonen von Bagram bekommst du nicht so schnell los." Die Schreie der Gefangenen sind in seinem Kopf, Schreie nach ihrer Mutter, nach Allah. Sein Lieblingsplatz in Washington war der Zoo, das Elefantenhaus. Er kann dort nicht mehr hin. Der Geruch erinnert ihn an Bagram.
Er hat mehrere Therapien hinter sich. Während des Gesprächs fehlen ihm manchmal die Worte, er geht raus, raucht einen Joint. Corsetti will etwas wiedergutmachen. Er setzt sich nun für einen jungen Gefangenen in Guantánamo ein.
Ali Soufan hatte nach der Folter an Abu Subaida genug von der Rivalität der Geheimdienste. Er verließ das FBI und gründete seine eigene Sicherheitsfirma. Vor zwei Wochen sagte er vor einem Justizausschuss des Senats als Zeuge aus, hinter einer Holzwand, um unerkannt zu bleiben.
Auch Michael Gelles, der Psychologe, will nicht mehr fürs Militär arbeiten, er ist heute bei einer Unternehmensberatung.
Colonel Steven Kleinman hält an Militäruniversitäten Vorträge über die Wirksamkeit intelligenter Verhöre und die humane Behandlung von Kriegsgefangenen. Seine Freunde im Militär halten ihn für einen Verräter, sie haben ihn verlassen. Als er im Interview davon spricht, kommen ihm die Tränen.
John Bellinger hat gerade sein neues Büro in einer renommierten Anwaltskanzlei bezogen. Er würde gern nach Europa reisen, erklären, sich freisprechen. Doch dort könnten Staatsanwälte gegen ehemalige Mitglieder der Bush-Regierung ermitteln. Vielleicht auch gegen ihn? Bellinger ist unsicher, er blickt weg, er lächelt gequält. Er weiß, es ist noch lange nicht vorbei.
Richard Shiffrin tritt auf den Balkon. Ein Hubschrauber fliegt über seine Wohnanlage in Florida am Golf von Mexiko hinweg. "Die suchen dich", ruft seine Freundin. "Hat Sie jemand im Auto hierher verfolgt?", fragt er besorgt. Da sitzt ein selbstkritischer Pensionär, der einzige hohe Regierungsbeamte, der ausgepackt hat. Der einstige stellvertretende Chefjurist im Pentagon hat sich eine neue Beschäftigung gesucht. Er vertritt als Anwalt die Gefangenen von Guantánamo, ohne Honorar. Warum? "Ich fühle mich wohl irgendwie schuldig", sagt er.
Lynndie England lebt mit ihrem vierjährigen Sohn Carter in einem Trailer in West Virginia und findet keinen Job, "weil keiner mich je einstellen will". Sie leidet unter Depressionen. Sie würde heute vieles anders machen, aber gegen Folter habe sie nichts. "Wenn Terroristen euch Reporter hier auf der Wiese kidnappen, hätte ich nichts gegen die Anwendung von Folter, um euer Leben zu retten." Sagt es und fährt in ihrem alten Wagen der Abendsonne entgegen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009