5. Januar 2004, 17:38 Uhr

Eine Geschichte vom Töten

Ganz unten

Roper fliegt nach Calgary, ohne Geld, ohne Familienfotos und ohne Plan. Wechselt ständig die Orte, trinkt und verpfändet seinen Ehering, trinkt und verkauft seinen Körper an weiße Frauen, trinkt und trinkt, und wenn er nicht trinkt, fängt er an zu zittern. Roper, jetzt bist du ganz unten, denkt er. Da, wo du hingehörst, ins Untergeschoss der Gesellschaft, und wenn jemand Schuld daran hat, dann nicht die Army, der Präsident oder Amerika, sondern nur du, Killer Roper.

Er bemüht sich um eine Entziehungskur, aber die Klinik nimmt keine Patienten mit PTSD. Er bemüht sich andernorts um eine stationäre Therapie für PTSD, aber die Klinik nimmt keine Alkoholiker. Mit letzter Kraft schafft er es nach Yellowquill, in sein Reservat, zurück in die Welt, die er als Kind verließ, dort, wo der Krieg nicht mal in Randspalten vorkommt, dort, wo der Roper nicht Roper ist, sondern nur Tyrone oder Asawikwanape. Der zwischen den Welten wandelt.

Langsam kommt er wieder zu sich. Seine Tante und Cousins kümmern sich um ihn. Bei einer Veranstaltung wird er geehrt, als Krieger - eine der höchsten Auszeichnungen unter Indianern. Jugendliche blicken bewundernd zu ihm auf. Eine Gruppe Kriegsveteranen nimmt sich seiner an. Sie sind die Einzigen, die ihn verstehen. "Der Krieg ist eine Motorsäge, die durch deine Seele schneidet. Du leidest ein ganzes Leben", sagt ihm Philip Favel, Jahrgang 1921, ein Cree-Indianer, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis kämpfte. "Aber es wird besser. Du musst unsere Rituale machen und die Geister um Vergebung bitten."

Ein Medizinmann, ein Seher und Kriegsveteranen

Es ist Ende November, ein schon kalter Tag in Kanadas Norden, minus 20 Grad. Über die Prärie des Reservats wehen eisige Winde, die den Kindern auf den Pferderücken Tränen in die Augen treiben. In einem Birkenwäldchen, zwischen Autowracks und bunten Gebetsfahnen, steht eine Hütte und in der Hütte ein Zelt. Und in dem Zelt sitzen, im Schneidersitz, ein Medizinmann, ein Seher, Kriegsveteranen und, nur mit Badehose bekleidet, auch er, Tyrone Roper.

Es ist stockdunkel im Zelt, kein Licht darf hineindringen bei diesem "Medical Sweat", einem Schweißritual, das Ropers Seelenschmerzen lindern soll. In der Mitte liegen 26 glühende Steine, die seit Stunden im Feuer lagen und die Temperatur auf 100 Grad steigen lassen. Der Medizinmann reicht eine Pfeife herum und zerbröselt Süßgras über den Steinen. Dann spritzt er Kräuterwasser drauf und stimmt Ritualgesänge an, die in Gebete übergehen, ein ständiger Schwall von Worten, gesprochen in der Sprache der Cree. Es wird heißer, mehr und mehr Wasser schüttet der Medizinmann auf die Steine, bis der Dampf beginnt, Ropers Haut zu verbrennen. "Jetzt ist es an dir, zu den Göttern zu reden", sagt der Medizinmann.

Also spricht Tyrone Roper, laut und deutlich sprudelt es aus ihm heraus: "Ich bitte den Schöpfer um Vergebung. Ich bitte die Geister der Toten, mich nicht mehr zu verfolgen und mit ihren Träumen zu quälen. Ich habe Menschen getötet. Ich wollte sie nicht töten. Es war Krieg." Er weint. Sein großer, schwerer Körper bebt. "Du wirst in den Wald gehen müssen", sagt der Medizinmann, "und den Geistern Opfer bringen, Wildfleisch und Lachs, Mais und Beeren. Dann kehre zurück."

Zwei Wochen später, schon ist es Dezember und Schnee gefallen, fährt Roper weiter in den Norden, in das Waldgebiet, wo er einst von seinem Großvater das Jagen erlernte. Er folgt den Spuren der Koyoten und legt Fallen für Biber unter dem tiefgefrorenen See, er heult den Lockruf der Wölfe, und sie antworten aus einem Tannenwald am anderen Ufer, aber finden wird er sie nicht. Er sieht Rehe und Rentiere, doch schießt er auf sie, so trifft er nicht. Der Krieger hat das Töten verlernt. Schließlich, am Ende des Tages, erlegt sein Cousin ein zweijähriges Reh für ihn. Sie häuten und zerteilen es und fahren zurück ins Reservat.

Opfer für die Geister der toten Iraker

Am nächsten Tag opfert Roper es den Geistern der toten Iraker, um sie zu besänftigen. Ein weiteres Mal behandelt ihn der Medizinmann in einem Schweißritual, und als er anschließend hinaustritt in die Kälte, mit nacktem, dampfendem Oberkörper, wirkt er erstmals erleichtert. Er fühle sich gereinigt, sagt er, nicht gut, aber besser als miserabel. Er werde eine Therapie beginnen. Er wolle an der Uni studieren. Die Armee hat die Suche nach ihm eingestellt. Es gebe Hoffnung.

Noch am Abend ruft seine Frau April an und teilt mit, dass sie ihm ihren Sohn Deja, Schwarzer Adler, über Weihnachten bringen werde. Roper freut sich. Zum ersten Mal seit Monaten spürt er so etwas wie Freude. Er werde mit Deja jagen gehen, sagt Roper. Er werde aus seinem Sohn einen großen Krieger machen und tagelang mit ihm durch die Prärie ziehen, wie die Vorfahren, und ihn das traditionelle Leben lehren.

Und wenn auch Deja einmal in die Armee will? "So werde ich ihm vom Horror des Irak-Kriegs erzählen", sagt Roper. "Aber auch von der Befreiung des irakischen Volkes. Dann muss er selbst entscheiden."

Jan Christoph Wiechmann
1 2 3 4 5
weiter  
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?