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12. Dezember 2006, 10:36 Uhr

"Sie sagten, du bist von al Kaida, und wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu"

Rabiye Kurnaz mit einem der letzten Fotos vor Murats Entführung© Ingo Wagner/DPA

Den Mann, der eigentlich mit Ihnen nach Pakistan reisen wollte?

Genau.

Die Deutschen ließen ihn 2001 nicht ausreisen, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlt hatte. Sein Bruder sagte der Polizei dann am Telefon, so geht aus vertraulichen Protokollen hervor, Selcuk "folgt einem Freund nach Afghanistan, um dort zu kämpfen. Er wurde in einer Moschee heißgemacht".

Die deutschen Befrager haben mir das Zitat auch vorgelesen. Selcuk wollte mit mir nach Pakistan kommen und auch Koranschüler werden. Seine Familie hatte vielleicht Angst nach den Anschlägen vom 11. September und sagte der Polizei: Lasst ihn nicht reisen. Selcuks Bruder besuchte mich neulich in Bremen, und ich hätte jedes Recht, ihm ins Gesicht zu spucken für diesen Satz damals. Aber ich habe das nicht getan.

Verstehen Sie, weshalb man Sie für einen islamistischen Terroristen halten konnte?

Für mich war und ist Pakistan Pakistan und Afghanistan Afghanistan. Nur weil in Afghanistan Krieg ist, heißt es ja nicht, man darf nicht nach China reisen - das grenzt doch auch an Afghanistan.

Kontakte zu Taliban oder al Kaida haben Sie gegenüber Amerikanern und Deutschen "energisch" und "glaubwürdig" bestritten, heißt es in deutschen Regierungsunterlagen.

Ich wurde zum "Bremer Taliban" gemacht, habe ich jetzt erfahren. Dabei wusste ich vor dem 11. September überhaupt nicht, was Taliban sind. Ich wollte den Koran studieren, bevor ich meine Frau nach Deutschland holte. Alles andere ist Unsinn.

Fragten die Deutschen Sie in Guantanamo auch, wie Sie dort behandelt wurden?

Ich hatte damals Schmerzen im Ellenbogen und habe die Stelle immer wieder massiert, und einer fragte, weshalb ich das mache. Ich erzählte, wie der Eingreiftrupp im Lager mich verprügelt und mir den Arm verdreht hatte. Im Laufe des Gesprächs habe ich ihnen auch von meinen Folterungen in Kandahar erzählt, von den Schlägen und der Isolationshaft in Guantanamo und auch von der Sache mit den Frauen. Aber das interessierte die nicht.

Wollten die deutschen Geheimdienste Sie als Informanten anwerben, für den Fall Ihrer Entlassung?

Ja. Und natürlich habe ich zugesagt. Zu Hause hätte ich mir an die Stirn getippt.

Die Deutschen zogen damals das Fazit, dass Sie aufgrund Ihrer "ausgeprägten Naivität/Unreife" in die Situation "hineingeschlittert" und einfach "zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort" waren. So steht es in geheimen Protokollen über Ihre Vernehmungen auf Guantanamo.

Naiv, unerfahren? Ich bin nicht mehr 19, sondern 24, und vielleicht würde ich heute nicht mehr nach Pakistan reisen, wenn es einen Krieg im Nachbarland gibt. Aber den Fehler haben die Pakistaner und die Amerikaner gemacht. Sie haben eine Straftat begangen und mich entführt. Ich habe keine Gesetze gebrochen. Ich bin unschuldig.

Die Amerikaner sagten den Deutschen damals, Sie kämen eventuell noch im November 2002 frei. Ist das wahr?

Das haben die wirklich gesagt?

Es geht aus Protokollen der Bundesregierung hervor. Dann überlegte man, ob Sie als Informant in der Islamistenszene zu gebrauchen wären. Ergebnis: eher nicht. Und als die US-Regierung anfragte, ob sie Murat Kurnaz in die Türkei oder nach Deutschland abschieben sollte, plädierte der damalige Chef des Bundesnachrichtendienstes August Hanning für eine Einreisesperre nach Deutschland.

Einreisesperre? Warum?

Sie stellte sicher, dass Sie nach Ihrer Freilassung nicht nach Deutschland zurückkonnten. Die Verantwortlichen im Bundeskanzleramt stimmten diesem Vorschlag zu.

Was sind das nur für Leute, die das entschieden haben? Obwohl die deutsche Regierung wusste, dass ich nie gegen Gesetze verstoßen hatte, obwohl sie keine Beweise gegen mich hatten, obwohl sie wussten, dass ich gefoltert wurde, haben die mich noch mehr als drei Jahre in Guantanamo sitzen lassen. Und jetzt, wo ich schon über einen Monat wieder in Deutschland bin, habe ich immer noch keine Krankenversicherungskarte. Mir fehlen die Papiere, vom Arbeitsamt habe ich noch keinen Bescheid. Ich habe sowieso bereut, denen bei den Verhören geantwortet zu haben. Den gleichen Fehler habe ich dann beim zweiten Besuch der Deutschen noch mal gemacht.

Bei welchem zweiten Besuch? Waren die Deutschen noch einmal in Guantanamo?

Ja, es war aber nur einer. Er war schon beim ersten Mal dabei, kam diesmal aber nur mit einem amerikanischen Vernehmer.

Wann war das?

Der brachte mir eine neue Motorradzeitschrift mit, die war von April 2004.

Wie verlief diese Befragung?

Als ich in den Verhörraum kam, wurde ich nicht begrüßt. Der Deutsche hatte die Füße auf den Tisch gelegt, öffnete seinen Laptop und flüsterte mit dem Amerikaner. Etwa zwei Stunden lang ging das so. Dann sagte der Deutsche: "Herr Kurnaz, seit meinem ersten Besuch ist ja viel Zeit vergangen." Er sagte, ich hätte es vermasselt. "Sie haben die Zeit nicht genutzt, Ihre Unschuld zu beweisen. Heute ist die Zeit vorüber. Sie haben morgen noch eine letzte Chance. Aber ich habe nur wenig Zeit. Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen."

Wie haben Sie reagiert?

Ich wurde von Militärpolizisten zu meiner Zelle eskortiert. Denen hatte ich alles erzählt, die wussten, dass ich unschuldig bin, ich musste gar nichts beweisen. Am nächsten Tag zeigte mir der Mann Spionagefotos von meinem Freund Selcuk.

Sie meinen Observationsfotos?

Ja, heimlich aufgenommen in einer Moschee oder wenn er mit Leuten auf der Straße stand. Der Vernehmer wollte wissen, wie ich über ihn denke. Dann fragte er mich, was ich tun würde, wenn ich nach Deutschland zurückkäme. Ob ich meinen Bart abrasieren, ob ich neue Freunde haben würde. Ich sagte, dass ich das noch nicht weiß. Ich beschwerte mich über die Zustände in Guantanamo. Er sagte: "Sie sind doch auf einer karibischen Insel. Entspannen Sie einfach. Sie müssen sich einfach entspannen."

Wie waren Ihre Haftbedingungen zu der Zeit?

Typisch all inclusive. Kurz nach dem ersten Besuch der Deutschen hatte es neue Vorschriften gegeben. Fast sieben Wochen wurde ich alle zwei Stunden verlegt. Die machten das, damit du nicht schlafen kannst.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2006

 
 
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