
Rabiye Kurnaz mit einem der letzten Fotos vor Murats Entführung© Ingo Wagner/DPA
Genau.
Die deutschen Befrager haben mir das Zitat auch vorgelesen. Selcuk wollte mit mir nach Pakistan kommen und auch Koranschüler werden. Seine Familie hatte vielleicht Angst nach den Anschlägen vom 11. September und sagte der Polizei: Lasst ihn nicht reisen. Selcuks Bruder besuchte mich neulich in Bremen, und ich hätte jedes Recht, ihm ins Gesicht zu spucken für diesen Satz damals. Aber ich habe das nicht getan.
Für mich war und ist Pakistan Pakistan und Afghanistan Afghanistan. Nur weil in Afghanistan Krieg ist, heißt es ja nicht, man darf nicht nach China reisen - das grenzt doch auch an Afghanistan.
Ich wurde zum "Bremer Taliban" gemacht, habe ich jetzt erfahren. Dabei wusste ich vor dem 11. September überhaupt nicht, was Taliban sind. Ich wollte den Koran studieren, bevor ich meine Frau nach Deutschland holte. Alles andere ist Unsinn.
Ich hatte damals Schmerzen im Ellenbogen und habe die Stelle immer wieder massiert, und einer fragte, weshalb ich das mache. Ich erzählte, wie der Eingreiftrupp im Lager mich verprügelt und mir den Arm verdreht hatte. Im Laufe des Gesprächs habe ich ihnen auch von meinen Folterungen in Kandahar erzählt, von den Schlägen und der Isolationshaft in Guantanamo und auch von der Sache mit den Frauen. Aber das interessierte die nicht.
Ja. Und natürlich habe ich zugesagt. Zu Hause hätte ich mir an die Stirn getippt.
Naiv, unerfahren? Ich bin nicht mehr 19, sondern 24, und vielleicht würde ich heute nicht mehr nach Pakistan reisen, wenn es einen Krieg im Nachbarland gibt. Aber den Fehler haben die Pakistaner und die Amerikaner gemacht. Sie haben eine Straftat begangen und mich entführt. Ich habe keine Gesetze gebrochen. Ich bin unschuldig.
Das haben die wirklich gesagt?
Einreisesperre? Warum?
Was sind das nur für Leute, die das entschieden haben? Obwohl die deutsche Regierung wusste, dass ich nie gegen Gesetze verstoßen hatte, obwohl sie keine Beweise gegen mich hatten, obwohl sie wussten, dass ich gefoltert wurde, haben die mich noch mehr als drei Jahre in Guantanamo sitzen lassen. Und jetzt, wo ich schon über einen Monat wieder in Deutschland bin, habe ich immer noch keine Krankenversicherungskarte. Mir fehlen die Papiere, vom Arbeitsamt habe ich noch keinen Bescheid. Ich habe sowieso bereut, denen bei den Verhören geantwortet zu haben. Den gleichen Fehler habe ich dann beim zweiten Besuch der Deutschen noch mal gemacht.
Ja, es war aber nur einer. Er war schon beim ersten Mal dabei, kam diesmal aber nur mit einem amerikanischen Vernehmer.
Der brachte mir eine neue Motorradzeitschrift mit, die war von April 2004.
Als ich in den Verhörraum kam, wurde ich nicht begrüßt. Der Deutsche hatte die Füße auf den Tisch gelegt, öffnete seinen Laptop und flüsterte mit dem Amerikaner. Etwa zwei Stunden lang ging das so. Dann sagte der Deutsche: "Herr Kurnaz, seit meinem ersten Besuch ist ja viel Zeit vergangen." Er sagte, ich hätte es vermasselt. "Sie haben die Zeit nicht genutzt, Ihre Unschuld zu beweisen. Heute ist die Zeit vorüber. Sie haben morgen noch eine letzte Chance. Aber ich habe nur wenig Zeit. Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen."
Ich wurde von Militärpolizisten zu meiner Zelle eskortiert. Denen hatte ich alles erzählt, die wussten, dass ich unschuldig bin, ich musste gar nichts beweisen. Am nächsten Tag zeigte mir der Mann Spionagefotos von meinem Freund Selcuk.
Ja, heimlich aufgenommen in einer Moschee oder wenn er mit Leuten auf der Straße stand. Der Vernehmer wollte wissen, wie ich über ihn denke. Dann fragte er mich, was ich tun würde, wenn ich nach Deutschland zurückkäme. Ob ich meinen Bart abrasieren, ob ich neue Freunde haben würde. Ich sagte, dass ich das noch nicht weiß. Ich beschwerte mich über die Zustände in Guantanamo. Er sagte: "Sie sind doch auf einer karibischen Insel. Entspannen Sie einfach. Sie müssen sich einfach entspannen."
Typisch all inclusive. Kurz nach dem ersten Besuch der Deutschen hatte es neue Vorschriften gegeben. Fast sieben Wochen wurde ich alle zwei Stunden verlegt. Die machten das, damit du nicht schlafen kannst.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2006