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14. Februar 2003, 15:18 Uhr

Europa und der Krieg

Spanien: Die Spanier sind nicht erst seit der Ölkatastrophe vor der galicischen Küste geübt im Wegschauen© AFP

Madrid

Teófilo Rey kennt nahezu alle Schlagzeilen, die die Welt in den letzten 50 Jahren bewegt haben. Schon als Elfjähriger half er seinem Vater in dem kleinen Kiosk auf Madrids Flaniermeile, der Gran Vía. Früh hat er entdeckt, dass Krisen, Katastrophen und Klatsch das Geschäft beleben - normalerweise. "Trotz der Irakkrise verkaufe ich nicht mehr. Vielleicht verdrängen die Leute ihre Angst." Die Spanier sind nicht erst seit der Ölkatastrophe vor der galicischen Küste geübt im Wegschauen.

Da muss sich Ministerpräsident José María Aznar, ohnehin mit satter Mehrheit ausgestattet, mit Erklärungen zum Krieg nicht beeilen. Bis zum Montag hatte er noch nichts über die Pläne seiner Regierung für eine Beteiligung an einem Irakkrieg verlauten lassen. Die Opposition unterstellt besiegelte Zusagen an George W. Bush. In der größten Tageszeitung "El País", die bei Rey ganz vorne liegt, spottet der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán: "Es gab Zeiten, in denen Aznar schon bei seinen Versuchen, mit einem israelischen oder palästinensischen Führer fotografiert zu werden, scheiterte. Doch jedes Mal, wenn er nach Washington reist, ist Don José María seiner Enchilada sicher. Es heißt, sie wird ihm von Bush persönlich serviert. Dafür möchte uns der Regierungschef in einen Krieg gegen den Irak verwickeln, obwohl 70 Prozent der Spanier dagegen sind." Teófilo Rey hat Montalbán nicht gelesen. Wozu auch? Mit müden Augen schaut er aus dem Kiosk und zweifelt an dem, was er verkauft: "Wissen Sie, was in den Zeitungen steht, ist beeinflusst - von den Öl-Multis oder von anderen Mächten."

Brügge

Pierre aus Frankreich findet die US-Politik schlicht "moralisch absurd". Tony aus Spanien ist überzeugt, dass es im Irak vor allem um Öl geht. Juliane aus Bonn wundert sich über die Dummheit der US-Bürger: "Jeder zweite Amerikaner glaubt, Saddam Hussein steckte hinter den Anschlägen vom 11. September." Und Erja aus Finnland drängt sich sogar der Eindruck auf, die US-Regierung betreibe mit den Medien eine Art "Gehirnwäsche". Sie alle studieren am renommierten Europa-Kolleg im belgischen Brügge. Hinter einer strengen weißen Fassade wird die künftige Brüsseler Elite gedrillt - und wenn die Studenten später als Beamte, Journalisten oder Lobbyisten die gleiche Meinung vertreten wie jetzt, wird es im euro-amerikanischen Verhältnis in Zukunft öfter knirschen. "Die USA behandeln uns wie undankbare Kinder. Aber auch Kinder ziehen irgendwann zu Hause aus", schimpft Pierre. Erja wundert sich: "Die Amerikaner hatten solch eine PR-Chance nach dem 11. September. Sie hatten die Sympathien der ganzen Welt. Und jetzt haben sie es geschafft, das alles zu ruinieren."

Anti-Kriegs-Demonstrationen haben die Nachwuchseuropäer einstweilen nicht geplant. Eine Demo, hier in der verträumten Kleinstadt Brügge, 100 Kilometer von Brüssel in der flämischen Provinz? Da kann Pierre nur lachen: "Würden Sie kommen und darüber berichten?"

Leipzig

Das alte Europa ist 66 Jahre alt und heißt Klaus Kreyßig. Trotzig schultert er die blaue Fahne mit den gelben Sternen und marschiert damit vor dem amerikanischen Konsulat von Leipzig auf. "Wir müssen in die Jugend reintragen, was hier schon einmal gelang", sagt der Rentner.

Hunderte sind mit ihm am vergangenen Samstag auf der Straße. Ein paar junge "Resist"-Aktivisten äffen amerikanische GIs nach, marschieren und singen im Gleichschritt hinter einer beschmuddelten US-Fahne her. "Bush"-Trommler schlagen den Takt. Gemalte Plakate verlangen "Waffeninspekteure in die USA". Und das Wachs der Kerzen tropft wieder einmal auf das Pflaster vor der Nikolaikirche.

Alles ist ein bisschen wie vor 14 Jahren, als von den Kerzen der Funke für die friedliche Revolution in die restliche DDR übersprang. Schon seit Wochen treffen sich hier wieder die Leipziger, kommen von der Arbeit, vom Einkauf, mit Kindern und Demo-Windlichtern. Jeden Montag, Punkt 18 Uhr, ist der Platz voll, ein Ort so heilig wie der Termin: Friedensgebet, Montags-Demo, jede Woche mehr, zuletzt mehr als 4000 Menschen.

"Das Wunder nimmt seinen Lauf", sagt Nikolai-Pfarrer Christian Führer. Schon 1989 gehörte der kleine Mann mit der Igelfrisur zu den Initiatoren des Protests. Noch im alten Jahr hat er mit seinem Wittenberger Kollegen Friedrich Schorlemmer zu Mahnwachen aufgerufen. Kurz nach Weihnachten war es nur ein winziger Haufen, der im Schneetreiben aushielt, dann kamen 50, manchmal 100. Inzwischen besetzen Polizisten wie früher eine Hälfte des Kirchplatzes und filmen bei der wöchentlichen Demonstration mit Videokameras die Gesichter der Demonstranten. "Keine Gewalt" - die alten Parolen funktionieren immer noch. Nur die PDS-Rentner haben die Seiten gewechselt. "Wir brauchen eine Mobilmachung des Friedens", sagt Pfarrer Führer und dass er auf den Augenblick gespannt sei, "an dem herauskommt, dass es Bin Laden gar nicht gibt". Da lachen alle. Grablichter leuchten, Plastikbecher schmelzen - und nächsten Montag wieder.

Bernd Dörler, Teja Fiedler, Cornelia Fuchs, Bernd Hauser, Uli Hauser, Irene Hell, Daniela Horvath, Kuno Kruse, Tilman Müller, Barbara Platsch, Stefanie Rosenkranz, Detlef Schmalenberg, Hans-Martin Tillack, Holger Witzel

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