Greg Thielmann ist Leiter der Geheimdienstabteilung für den Irak. Diese Tage im September werden die letzten seiner 25-jährigen Karriere im State Department sein. Er mag seine Arbeit, auch wenn die Jahre unter Bush ihn gequält haben. "Es war von Anfang an klar, dass diese Leute mit den UN und Multilateralismus nichts anfangen können", erzählt Thielmann. "Sie verachten internationale Ansichten, andere Regierungen interessieren sie gar nicht. Wir hatten früh Anzeichen dafür, dass dies eine kriegslüsterne Gruppe ist."
Thielmann sitzt direkt an der Quelle. Er bekommt die Berichte der CIA und anderer Geheimdienste auf den Tisch, er ist bestens informiert über die irakischen Atomwissenschaftler, sieht Abhörprotokolle ein und Satellitenbilder und bündelt die Informationen für seinen Chef, Colin Powell. Das Resultat ist eindeutig für ihn und die Männer des INR: "Alle Vorwürfe, der Irak habe sein
Nuklearwaffenprogramm wieder aufgenommen, sind falsch." Das kümmert die Mitglieder der Bush-Regierung nicht. "Sie hatten kein Interesse an den Fakten", sagt Thielmann. "Ihre Ideologie lieferte ihnen die Fakten. Warum sollten sie sich dann noch mit der Realität beschäftigen?"
Greg Thielmann ist aufgebracht. Er sitzt in einem Café in Arlington, Virginia, einer Vorstadt Washingtons, und blickt noch immer mit einer Mischung aus Abscheu und Wut zurück auf den Herbst 2002. Punkt für Punkt nimmt er die Kriegsgründe der Regierung auseinander: "Sie verweisen auf den Uranschmuggel aus dem Niger, aber der hat sich als Fälschung erwiesen. Sie verweisen auf die Aluminiumrohre zur Herstellung spaltfähigen Nuklearmaterials, aber unsere Experten im Energieministerium sind zu dem Schluss gekommen, dass die Rohre dafür viel zu dick sind. Inzwischen wissen wir, dass die Alu-Rohre übers Internet bestellt wurden. Einige werden jetzt sogar als Abflussrohre benutzt. Und der Präsident warnt uns vor einem Atompilz. Es ist unfassbar."
Thielmann hat lange geschwiegen. Denn es widerspricht dem Ehrenkodex im Geheimdienst, Interna preiszugeben. Es könnte ihm eine Klage wegen Geheimnisverrats einbringen. Aber schließlich, so bekennt er, stand er vor der Frage: Kann ich schweigen, wenn meine Regierung einen Präventivkrieg anzettelt auf der Basis von Fälschungen, Lügen und Hypothesen? Er bot die Enthüllung noch vor Beginn des Krieges der "Washington Post" an, doch die "hatte keinen Platz dafür". Das Blatt unterstützte wie viele US-Medien den Krieg.
Spezialisten von 14 verschiedenen Geheimdiensten der USA treffen sich in einem abhörsicheren Raum der CIA in Langley, außerhalb Washingtons. Auch INR und DIA sind anwesend. Sie sollen das "National Intelligence Estimate" (NIE) anfertigen, ein Dossier über die Bedrohung durch den Irak. Binnen zwei Wochen mussten sie eine Arbeit machen, die im Normalfall mehrere Monate dauert. Die Regierung hatte es unterlassen, den Bericht rechtzeitig anzufordern.
Die Stimmung ist angespannt, und die Meinungen sind widersprüchlich. Die Vertreter der CIA fahren einen offensiven Kurs. Sie behaupten, Saddam habe sein atomares Programm wieder aufleben lassen. Beweise liefern sie nicht. Die Experten des INR widersprechen. Im geheimen, über 80 Seiten starken NIE-Dossier, das dem stern in Auszügen vorliegt, wird es heißen: "Der Irak könnte innerhalb weniger Monate bis eines Jahres eine Atomrakete herstellen, sowie er genug waffenfähiges spaltbares Material akquiriert hat." Die CIA hat sich durchgesetzt. Außerdem heißt es: "Der Irak besitzt geächtete chemische und biologische Waffen und Raketen." Gut ein Jahr später wird die Iraqi Survey Group unter Führung des ehemaligen Waffeninspektors David Kay eben diese Waffen nicht finden und zu dem Schluss kommen: "Wir lagen alle falsch."
Das National Intelligence Estimate, das dem Kongress als Entscheidungsbasis für die ausschlaggebende Abstimmung über den Krieg dienen soll, liest sich wie eine Ansammlung schwer wiegender Beweise gegen Saddam Hussein. Doch untersucht man es genauer, heißt es oft: "Wir vermuten", "wir glauben". Aus der Geheimdienstsprache übersetzt bedeutet dies: "Wir wissen es nicht. Wir haben keine Ahnung." Als der Vertreter des INR zurückkehrt ins Außenministerium, sagt er zu seinen Kollegen: "Es ist furchtbar. Wir können das nicht mit ein paar Formulierungen korrigieren. Wie konnte das nur passieren?"
Die Frage beschäftigt die Mitarbeiter des mächtigsten Geheimdienstes der Welt schon lange. Was passiert hier eigentlich? Welche Rolle spielt Direktor George Tenet? Warum ignoriert er all die Erkenntnisse, die einer unmittelbaren Bedrohung durch den Irak widersprechen? Ist nach dem Versagen vom 11. September der politische Druck auf Tenet zu groß? Die Mitarbeiter sprechen nicht mit der Presse. Langley ist dicht, so heißt es. Aber sie sprechen mit ihren ehemaligen Chefs. Sie benutzen diese als Mittelsmänner. Und die Botschaft ist brisant.
Larry Johnson und Pat Lang erscheinen separat zu Gesprächen mit dem stern in lauten, belebten Restaurants im Zentrum Washingtons. Beide bezeichnen sich als konservativ und Anhänger der Republikaner, beide haben langjährige Geheimdiensterfahrung. Johnson arbeitete früher für die CIA in Zentralamerika, Patrick Lang diente zunächst bei den Special Forces und leitete später im Pentagon die Nachrichtenabteilung für den Mittleren Osten.
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"Was Vizepräsident Cheney sagte, war unmissverständlich und brutal" Hans Blix, Chef der UN-Waffeninspektoren