Der Groll der Kriegsbefürworter in Amerika richtet sich bisher hauptsächlich gegen die Franzosen. Sie werden in Kommentaren und Karikaturen verhöhnt und verspottet. Auf dem Titel der "New York Post" war vor einigen Tagen ein Foto von einem US-Soldatenfriedhof in der Normandie zu sehen. Kleine weiße Kreuze, "Opfer", klagte das Blatt. "Sie starben für Frankreich, aber Frankreich hat es vergessen", stand darunter. "Wo sind die Franzosen jetzt, da Amerika dabei ist, das Leben seiner Soldaten im Kampf gegen den Hitler von heute, Saddam Hussein, zu riskieren?" Wie lange wird es dauern, bis der öffentliche Zorn auch die Deutschen trifft?
So wächst auch die Sorge bei der deutschen Wirtschaft. Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, flog eilends in die USA, um bei Diplomaten die Stimmung zu erkunden. Über 40 Prozent der deutschen Firmen in den USA berichten schon von Unruhe bei Belegschaft und Geschäftspartnern. "Man kann nicht davon ausgehen, dass die laufende Verschärfung des Streits ohne Folgen für die wirtschaftlichen Beziehungen bleibt", sagt der Unternehmensberater Roland Berger. Der ehemalige Arbeitgeberpräsident Hans-Olaf Henkel befürchtet gar Boykottaufrufe. "Populistische Politiker gibt es auch in den USA", sagt er. "Wenn die in die Sache einsteigen, kann der amerikanische Verbraucher gegen deutsche Produkte schnell aufgewiegelt werden." Das könnte in Deutschland den Verlust von zigtausend Arbeitsplätzen bedeuten.
Für die Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Die USA sind der wichtigste Partner außerhalb der EU, rund zehn Prozent der deutschen Exporte gehen nach Amerika. Fast jedes zweite exportierte Auto wird in die USA verkauft. Amerikanische Firmen beschäftigen rund 800 000 Mitarbeiter in Deutschland, Geldgeber aus den Vereinigten Staaten investierten hier im vergangenen Jahr mehr als vier Milliarden Euro. Ein Rückgang des Außenhandels mit den USA um zehn Prozent würde die deutsche Wirtschaft 0,3 Prozent Wachstum kosten und die Gefahr einer Rezession erheblich vergrößern.
Das Potenzial für eine Eskalation des Streits zwischen den Regierungen in Berlin und Washington ist groß. Wenn der UN-Sicherheitsrat am Ende seine Zustimmung zu einem Irakkrieg verweigert, würde die Bush-Regierung das zuerst Deutschland anlasten. Wenn der Krieg nicht so schnell zu Ende ginge, wie die Amerikaner hoffen, wären Franzosen und Deutsche die Sündenböcke. Der schlimmste Fall wäre ein Giftgasangriff Saddams auf die US-Truppen mit Chemikalien, hergestellt in einem mobilen Labor, das illegal mit Geräten deutscher Firmen ausgerüstet ist. "Es ist ein Spiel mit dem Feuer", sagt Werner Walbröl, Präsident der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York.
Doch in der Krise liegt auch eine Chance. Die Bundesrepublik muss ihr Verhältnis zur einstigen Schutzmacht neu gestalten. "Der Streit ist ein Wendepunkt in der Beziehung", glaubt Roger Cohen, Leiter des Auslandsressorts der "New York Times" und von 1998 bis 2001 ihr Deutschland-Korrespondent. "Was wir jetzt erleben, ist die Emanzipation Deutschlands." Wie weit geht die Solidarität mit Amerika? Wie viel Verantwortung will Deutschland in der Welt übernehmen? Wie viel Widerspruch duldet Amerika? "Die Auseinandersetzungen sind ein notwendiger Prozess. Das vereinte Deutschland ist dabei, eine Identität und Selbstbewusstsein zu entwickeln", sagt John C. Kornblum, ehemaliger Clinton-Berater und langjähriger Botschafter in Berlin. "Wichtig ist es jetzt, Ruhe zu bewahren und nicht überzureagieren."
Mitarbeit: Arne Daniels, Andreas Grosse-Halbuer, Joachim Reuter, Michael Streck, Jan Boris Wintzenburg
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2003