Den Verfassungsschützern entgeht nicht, dass sich zumindest Bahaji und el-Motassadeq regelmäßig mit Zammar treffen. Die Beamten des BfV schreiben deshalb die beiden zur Grenzfahndung aus. Ihre Personalien - Name, Wohnsitz und Reisepassnummer - werden in das Polizei-Informations-System INPOL eingegeben. So können Aufenthalt oder Reisewege überprüft werden, ohne dass die beiden davon etwas bemerken. Und INPOL funktioniert zuverlässig.
Als etwa el-Motassadeq später einmal vom Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel aus mit dem Flug TK 1662 nach Istanbul fliegt, wird das BfV umgehend davon unterrichtet. Die Beamten des BfV wissen natürlich, dass die Stadt am Bosporus nicht das eigentliche Reiseziel el-Motassadeqs ist, sondern nur der übliche Zwischenstopp nach Afghanistan, in die Camps von Osama bin Laden.
Am frühen Morgen des 21. September 1999 ruft Zammar um 8.33 Uhr in der Marienstraße 54 an. Zur Überraschung der Agenten nimmt jedoch nicht einer der dort gemeldeten Studenten den Hörer ab, sondern Marwan al-Shehhi, der ihnen vor neun Monaten als Kontaktperson von Zammar aufgefallen ist. Der Araber hat anscheinend seine Ankündigung wahr gemacht und ist nach Hamburg umgezogen. Zusammen mit Atta und Jarrah plant er, demnächst nach Afghanistan zu reisen.
Offensichtlich ist Zammar über die Reisepläne seiner Freunde unterrichtet. Jedenfalls bittet ihn Marwan al-Shehhi um seinen Segen. "Vergiss uns nicht in deinem Gebet", sagt al-Shehhi. "Du auch... grüß die anderen Brüder ganz herzlich", antwortet Zammar. "Einen Moment, Said [Bahaji] will mit dir reden." "Salam aleikum, Bruder", meldet sich Bahaji. "Es ist schön, deine Stimme zu hören." "Wo bist du, Mensch?", fragt Zammar den Deutsch-Marokkaner. "Ich habe dich lange nicht gesehen. Ich war bei euch in Harburg und habe die Brüder besucht. Ich habe sogar bei ihnen übernachtet. Dich habe ich aber nicht gesehen."
Bahaji hat seine Gründe, weshalb er nicht mehr in der Männer-WG in der Marienstraße wohnt. Er will bald heiraten, und zwar noch bevor sich die anderen auf den Weg nach Afghanistan machen. Zammar scheint dafür Verständnis zu haben. Er erkundigt sich, ob Bahaji auch standesamtlich heiraten wolle. Danach beendet Zammar das Telefonat mit den Worten: "Grüß mir Mohammed Amir [Atta] und die anderen Brüder."
Die Hochzeit findet am 9. Oktober 1999 in der Al-Kuds-Moschee am Hamburger Steindamm statt. Trauzeuge ist Zammar. Darkazanli, ein Freund des Bräutigams, ist ebenso gekommen wie Männer aus dem Umfeld der Wohngemeinschaft in der Marienstraße. Bald nach der Feier reisen Atta, al-Shehhi und Jarrah für mehrere Monate nach Afghanistan. Der andere Teil der Studentenclique fliegt erst später. Nur Ramzi Binalshibh geht nicht nach Afghanistan. Der charismatische Kopf der Hamburger Zelle hat eine wichtige Verabredung in Kuala Lumpur, der Hauptstadt Malaysias.
Kuala Lumpur, 5. Januar 2000
Als Khalid al-Mihdhar in der Hauptstadt Malaysias eintrifft, ist es drückend heiß. Der Januar ist in dem südostasiatischen Land der heißeste Monat des Jahres, das Thermometer klettert dann auf durchschnittlich 31 Grad im Schatten. Doch in der riesigen Ankunftshalle des internationalen Flughafens von Kuala Lumpur ist es angenehm kühl. Der Saudi fällt nicht auf Ohne Probleme passiert al-Mihdhar die Passkontrolle. Der 25-jährige Saudi fällt nicht weiter auf. Von jeher ist Malaysia ein Einwanderungsland und Kuala Lumpur ein Schmelztiegel der Nationalitäten und Religionen. Mehr als 50 Prozent der Einwohner sind Muslime, die andere Hälfte setzt sich aus Hindus, Buddhisten und Christen zusammen. Obwohl er schon seit geraumer Zeit der al Qaeda angehört, hat al-Mihdhar keine Bedenken, unter seiner wahren Identität zu reisen. Er ist sich sicher, noch auf keiner internationalen Fahndungsliste zu stehen.