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12. Dezember 2006, 10:36 Uhr

"Sie sagten, du bist von al Kaida, und wenn ich Nein sagte, schlugen sie zu"

Murat Kurnaz und seine Mutter in der ARD-Sendung "Beckmann"© Morris Mac Matzen/AP

Die Wärter nannten das "Operation Sandmännchen", erzählte ein Ex-Militärgeistlicher.

Sobald sie sahen, dass du einschliefst, rüttelten sie an den Zellentüren. Hinzu kamen über 50 Stunden lange Vernehmungen. Ich habe in der Zeit auch kaum gegessen, nahm bis auf 60 Kilo ab.

Wie übersteht man das?

Man ist nahe an der Ohnmacht, bewegt sich wie im Traum. Mehr kann ich nicht sagen, da fehlt auch die Erinnerung.

Dachten Sie an Selbstmord?

Das entspricht nicht unserem Glauben.

Nach Angaben des Pentagons gab es zu der Zeit aber mehrere Suizidversuche. Ein junger Saudi wurde an einem Laken hängend gefunden. Er lag dreieinhalb Monate im Koma und hat einen Hirnschaden davongetragen.

Ja, aber das ist die Version der Amerikaner. Zwei Tage vorher war der Mann mein Zellennachbar gewesen. Da gab es wieder einen Koran-Vorfall, alle regten sich auf, Mashaal kam in eine Isolationszelle. Da kann man kein Laken am Deckenventilator festmachen, der steckt in einem Schacht, hinter einem Gitter, und darauf ist noch ein Gitter geschweißt, mit extra kleinen Löchern. Nachbarn aus seinem Block erzählten mir, dass die Eingreiftruppe in seiner Zelle war. Sie hörten heftige Kampfgeräusche vor seinem angeblichen Selbstmordversuch.

Ende 2002 übernahm General Miller das Kommando in Guantanamo und verschärfte die Haftbedingungen. Kannten Sie ihn?

Niemand kennt General Miller auf Kuba, aber jeder kennt "Mister Toilet". Er kam ab und zu durch die Blocks. 2003 ließ er sich mit einem anderen General in Camp Delta 2, Isolationsblock Oscar, sehen. Die Häftlinge dort hatten Nummer 2 vorbereitet, so nannten wir das.

Fäkalien?

Braunes Naturshampoo. Als der General vor der Zelle stand, traf ihn ein arabischer Gefangener durch die Essensklappe ins Gesicht. Und als Miller flüchtete, ging die Dusche den Gang entlang weiter.

Im Oktober 2004, nach knapp drei Jahren in US-Gewahrsam, sahen Sie erstmals einen Anwalt, den Amerikaner Baher Azmy.

Ich zweifelte, ob er auf meiner Seite stand. Er sagte: "Alles, was ich aufschreibe, muss ich den Amerikanern vorlegen." Aber er hatte einen Zettel von meiner Mutter mitgebracht: "Mein lieber Sohn, das ist ein Anwalt, dem kannst du trauen." Er zeigte mir Fotos von meiner Familie. Darauf sollten meine Brüder sein. Den kleinen hielt ich für meinen großen Bruder, beim großen dachte ich, er sei ein Onkel.

Wie hörten Sie, dass Sie entlassen werden?

Als ich das erste Mal nach fast fünf Jahren ein Telefon benutzen durfte. Ein Militärpolizist sagte: "Häftling 061, du bekommst einen Anruf." Ich wurde zu einem Telefon eskortiert. Mein Anwalt sagte mir, dass ich bald freikäme.

Was dachten Sie in dem Moment?

Ich hatte so was schon oft gehört, ich glaubte es nicht. Er sagte aber, das ist offiziell. Ich sagte nur "Inschallah". Tatsächlich war ich wenige Tage zuvor in Camp Delta 4 verlegt worden. Da lebt man in Gruppen zusammen, es gibt besseres Essen. Die Gefangenen tragen weiße Kleidung. Wenn die Militärpolizisten also weiße Sachen bringen, verabschieden einen die Häftlinge: So, du gehst jetzt in Camp 4 und dann nach Hause.

War damit das Schlimmste vorbei?

Drei Tage vor der Entlassung musste ich zum Verhör. Da waren viele hochrangige Militärs. Die hatten viele Papiere. Ich sollte noch was unterschreiben, nur zur Sicherheit, so wie alle anderen auch unterschrieben hätten. "Was denn?", fragte ich. "Dass du nicht mehr mit den Taliban und al Kaida kämpfst." Ich sagte: "Das habe ich nie gemacht!" Darauf sie: "Nur wegen einer Unterschrift wirst du doch nicht weitere fünf Jahre hier absitzen wollen." Ich habe das nicht unterschrieben. Sie sagten, okay, dann bleibst du eben hier.

Hatten Sie keine Angst, zu viel zu riskieren?

Ein Gefangener aus Uganda hatte mir zwei Tage vor seiner Entlassung erzählt, dass er nicht unterschrieben hatte. Er durfte trotzdem gehen. Und sie kamen dann tatsächlich nachts, warfen eine Jeans und eine Jacke auf den Boden und sagten: "Anziehen!" Alles dauerte ziemlich lange, der Weg zum Flugzeug, und noch mal wurde ich durchsucht. Auch der Rest kam mir bekannt vor, Hände und Füße waren an einem Ledergurt am Bauch angekettet. Ich wurde auf einem Plastiksitz festgeschnallt, trug eine geschwärzte Brille und Kopfhörer. Später habe ich gehört, dass ich mit 15 Militärs der einzige Passagier war.

Sie landeten am 24. August abends auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein.

Da warteten zwei deutsche Polizisten und ein Fahrer. Fesseln, Brille, Ohrschutz wurden mir abgenommen. Die Deutschen sagten: "Hallo, Herr Kurnaz! Wir möchten Sie zu Ihrer Familie bringen." Mein Vater war ganz dünn und hatte weiße Haare. Ich umarmte meine Mutter. Sie weinte, ich habe sie umarmt, bis sie aufhörte.

Haben Sie auch geweint?

Alle weinten. Ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich noch weinen kann. Vielleicht habe ich auf Kuba verlernt zu weinen.

Wie geht es jetzt weiter in Ihrem Leben?

Ich bin seit über einem Monat zurück in Bremen. Vielleicht schaue ich mir jetzt Deutschland an. Ich möchte Natur sehen. Dann muss ich mir überlegen, wie ich Geld verdienen kann, vielleicht im Schiffsbau, das habe ich ja gelernt. Später möchte ich Bauer werden. Wie mein Onkel, der hat einen großen Hof, immer frische Luft, frisches Obst und Gemüse. Ich will auch heiraten. Während der Rückfahrt auf der Autobahn sagte ich meinem Vater, dass es Zeit sei, meine Frau aus der Türkei nach Bremen zu holen. Er sagte: "Sie wird nicht kommen. Sie hat sich scheiden lassen. Aber sie hat einen guten Charakter gezeigt. Sie wartete mehr als drei Jahre auf dich. Wenn sie gewusst hätte, dass du irgendwann freikommst, dann hätte sie auch zehn Jahre auf dich gewartet."

Sie wirken so gefasst, als ob Sie das alles nicht berühren könnte.

Auf der Fahrt nach Bremen hielten wir auf einem Parkplatz. Ich stieg aus, um Luft zu schnappen. Und schaute nach oben. Da merkte ich, das war seit fünf Jahren mein erster Blick in den Himmel, bei dem ich die Sterne erkennen konnte. Da wurde mir klar, was man mir genommen hat.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2006

Von Peter Meroth und Uli Rauss
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