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11. März 2004, 18:29 Uhr

Die Kriegslüge

Lang erzählt von der Begegnung mit seinem Nachfolger Bruce Hardcastle und wie der sagte: "Boss, irgendetwas läuft ganz furchtbar falsch." Hardcastle hatte es gewagt, auf Fehler bei der Nachrichtenauswertung hinzuweisen. Er wurde fortan gemieden, von Treffen ausgeschlossen, vom Informationsstrang abgeschnitten und schließlich versetzt. Lang erklärt, mit welch subtilen Methoden Druck ausgeübt wird: "Du lieferst Berichte ab, und die Berichte passen ihnen nicht. Sie sagen: ,Könnte es nicht sein, dass Sie etwas übersehen haben? Könnte es nicht sein, dass etwas fehlt? Überlegen Sie doch bitte noch mal." Irgendwann wird angedeutet, dass es mit der Beförderung vielleicht nicht so gut aussieht. Und irgendwann beginnst du, dein Verhalten anzupassen. Wir reden hier von Menschen. Wenn ich dir jeden Tag sage, dass ich mit deiner Arbeit nicht zufrieden bin, beginnst du, dich zu verändern."

Pat Lang nennt diesen Prozess "Wahrheit kreieren". Er kennt mehrere Leute bei der CIA, die diesem Prozess ausgesetzt waren. "Und du hast keine Chance, denn du sitzt am unteren Ende der Nahrungskette."

Ganz oben sitzt Dick Cheney, der immer wieder - höchst ungewöhnlich für einen Vizepräsidenten - nach Langley kommt, Fragen stellt, nachhakt, höflich und bestimmt. Oder Paul Wolfowitz, der direkter wird. Larry Johnson weiß von einer Mitarbeiterin im Nachrichtendienst des Pentagons, die Wolfowitz frank und frei erklärte: "Es gibt keine Verbindungen zwischen dem Irak und al Qaeda." Wolfowitz habe sie daraufhin angeschaut und gesagt: "Sie arbeiten nicht hart genug." Was dabei herauskommt, nennt Johnson "faith based intelligence". Auf Glauben basierende Erkenntnisse. Er vergleicht die Legendenbildung vor dem Irak-Krieg mit dem Reichstagsbrand 1933. Und sagt das gleich zweimal. Es ist ihm wichtig. Pat Lang spricht von einer Kampagne neokonservativer "Utopisten". Beide sehen es als ihre Aufgabe an, Sprachrohr zu sein für die eingeschüchterten Geheimdienstler. Warum sich nicht mehr Leute trauen, die Wahrheit zu erzählen? Da muss Lang lachen: "Sind Sie naiv? Sind Sie ein Purist? Diese Leute würden alles verlieren. Alles. Die haben Angst."

7. Oktober 2002, Cincinnati

Drei Tage vor der Abstimmung im Kongress, die dem Präsidenten freie Hand für einen Krieg geben soll, entscheidet sich George Bush zu einem riskanten Schachzug. Er hält die wohl dramatischste Rede der Vorkriegszeit auf einer Veranstaltung in Cincinnati und will damit den Druck auf die Abgeordneten erhöhen. Bush nennt den Irak die größte Gefahr in der Welt, spricht erstmals von "hochrangigen Kontakten zwischen al Qaeda und Saddam", von "Arsenalen biologischer und chemischer Waffen", die "Millionen töten könnten" und schließt: "Wir können nicht auf den letzten Beweis warten, ,The Smoking Gun", der in Form eines Atompilzes kommen könnte."

Bush stützt sich angeblich auf Geheimdienstinformationen, doch fünf Tage vor seiner Rede hat CIA-Direktor George Tenet vor Senatoren im US-Geheimdienstausschuss noch das Gegenteil gesagt: "Nach meinem Urteil ist die Wahrscheinlichkeit eines initiierten Angriffs ... in der voraussehbaren Zukunft ... eher gering." Am Tag der Bush-Rede bekräftigt Tenet gegenüber dem Ausschussvorsitzenden dies auch schriftlich in einem als geheim klassifizierten Statement. In dem Brief vom 7. Oktober, den der stern einsehen konnte, schließt Tenet sogar einen Zusammenhang zwischen Saddam und al Qaeda aus: "Bagdad scheint sich bisher klar von terroristischen Anschlägen gegen die USA abzugrenzen."

Nichtsdestotrotz glauben laut einer Umfrage von "Time" inzwischen 71 Prozent der US-Bürger, Saddam stecke hinter den Anschlägen vom 11. September. Die Kampagne zeigt Wirkung.

8. Oktober 2002, Washington

Senator Bob Graham aus Florida ahnt, dass die Regierung ein groß angelegtes Täuschungsmanöver fährt. Als Vorsitzender des Geheimdienstausschusses ist er einer der wenigen im Kongress, der bestens mit der Materie vertraut ist, und stößt auf eine Reihe von Ungereimtheiten. So finden sich im ersten geheimen National Intelligence Estimate noch widersprüchliche Aussagen zu Saddams Waffenarsenal. Im zweiten, für die Öffentlichkeit präparierten Bericht, fehlen diese Widersprüche plötzlich. Der daraufhin angeforderte dritte Report fällt sehr viel kürzer aus, die Widersprüche sind aber wieder drin. Der penible Graham bittet um einen vierten, der ihm aber höflich verweigert wird. Irgendjemand, so schließt der Senator, will das Volk täuschen. Er redet vor der Abstimmung auf seine Kollegen ein und versucht, sie zur Ablehnung der Resolution zu bewegen. Aber es ist zu spät. Viele Abgeordnete, so sieht er ein, "wollen drei Wochen vor den Kongresswahlen nicht so dastehen, als unterstützten sie den Präsidenten nicht in seinem Krieg gegen den Terror".

Die Resolution wird im Abgeordnetenhaus mit 296 zu 133 Stimmen und im Senat mit 77 zu 23 angenommen. Die Hürde des Kongresses ist genommen. Jetzt fehlt noch der Weltsicherheitsrat.

28. Oktober 2002, New York, Washington

An diesem Montag ruft Außenminister Colin Powell Hans Blix an, den Chef der Waffeninspektoren im Irak, deren erfolgreiche Suche nach chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen im Irak einen Krieg noch verhindern könnten. Das jedenfalls hofft die Mehrheit der Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Powell lädt Blix und Mohamed El Baradei, den Chef der Internationalen Atomenergiebehörde und Verantwortlichen bei der Überprüfung eines möglichen irakischen Nuklearprogramms, nach Washington ein. Zwei Tage später werden die beiden im Westflügel des Weißen Hauses empfangen.

"Jede Erklärung, die ich heute abgebe, ist durch Quellen gedeckt. Solide Quellen" US-Außenminister Collin Powell

Eine weitere bewusste Täuschung des amerikanischen Volkes" Ex-Botschafter Joseph Wilson

 
 
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