Das Treffen mit George Bush verläuft freundlich und nichts sagend, der Präsident gibt den "good guy". Cheney ist der "bad guy". Die Waffenkontrolleure könnten nicht ewig suchen, mahnt Cheney. Und er droht sogar: "Wir sind bereit, solche Inspektionen für unsinnig zu erklären." Hans Blix ist geschockt. "Was Cheney sagte, war unmissverständlich und brutal." Es ist das Ultimatum. Nicht nur für die Inspektoren. Auch für die Vereinten Nationen.
Präsident Bushs Rede an die Nation wird mit großer Spannung erwartet. Seit Wochen stecken die Verhandlungen im Sicherheitsrat fest. Hinter den Kulissen kämpfen Amerikaner und Briten gegen Deutsche, Franzosen und Russen. Das Weiße Haus setzt auf einen Befreiungsschlag und auf die Rückendeckung durch das amerikanische Volk.
Bush warnt erneut vor den Gefahren eines Angriffs mit Massenvernichtungswaffen. Und dann fallen die berühmten Worte: "Der britische Geheimdienst hat erfahren, dass Saddam Hussein kürzlich signifikante Mengen Urans in Afrika suchte." Inzwischen wissen alle, dass es sich bei den Papieren um Fälschungen handelt. Selbst die CIA warnt vor ihrem Gebrauch, doch in tagelangen Verhandlungen setzen sich Bushs Mitarbeiter durch: Das Uran aus dem Niger muss rein in die Rede.
Botschafter Joseph Wilson kommentiert die "State of the Union"-Rede an diesem Abend für das kanadische Fernsehen. Er hört Bushs Worte und denkt für sich: "Damit kann er doch nicht den Niger gemeint haben. Das habe ich doch vor einem Jahr geklärt." Später wird er erfahren, dass sich die Regierung tatsächlich erdreistete, seine Berichte an die CIA zu ignorieren. Da hat der Krieg schon begonnen.
Wilson wird den Skandal schließlich in einem Leitartikel für die "New York Times" öffentlich machen, "weil es sich um eine weitere bewusste Täuschung des amerikanischen Volkes handelte". Doch nicht das Weiße Haus, sondern CIA-Direktor George Tenet nimmt die Schuld im Juli 2003 auf sich. Regierungsmitglieder reagieren auf Wilsons Veröffentlichung, indem sie seine Frau Valerie Plame, eine Undercover-Agentin der CIA, outen. Eine kriminelle Handlung, auf die Gefängnis steht. Plame ist damit verbrannt für alle weiteren Auslandseinsätze. Wilson sieht darin eine klare Drohung an alle Geheimdienstler: "Seht her, so was passiert euch auch, wenn ihr auspackt."
Wenige Tage vor der entscheidenden Präsentation im Sicherheitsrat kommt es zum Showdown in der CIA-Zentrale. Colin Powell steht unter immensem Druck. Die Welt fordert Beweise. Und die Falken in der Regierung fordern endlich den Durchbruch für den Krieg. "Sieh zu, wie du das schaffst - Colin", sagen sie ihm, wie ein Mitarbeiter hört. "Du hast uns das mit den UN eingebrockt - Colin. Nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst - Colin."
Ausgerechnet jetzt beichtet Powells Stabschef: "Wir kriegen nicht alles zusammen." Es fehlen nach wie vor dezidierte Hinweise auf das irakische Atomprogramm. Uran aus dem Niger? Höchst zweifelhaft. Die Aluminiumrohre? Könnten auch für normale Raketen sein. Eines Abends, schreibt die "New York Times", sitzen Tenet, Rice, Powell und andere Regierungsmitarbeiter beisammen und rollen sich ein solches Aluminiumrohr über den Tisch zu. Der Außenminister wirkt ratlos und wird schließlich darauf verzichten, das vermeintliche Beweisstück vor den Kollegen aus aller Welt in die Höhe zu halten. Er verzichtet auch darauf, ein Bild von Saddam und vermeintlichen Atomwissenschaftlern zu präsentieren. Einige aus Cheneys Zirkel drängen ihn dazu, aber Powell fragt in die Runde: "Nun sagt mir, wer diese Jungs sind." Ein CIA-Mann sagt: "Oh, wir sind ziemlich sicher, dass das seine Nuklear-Meute ist." Powell insistiert: "Woher wissen Sie das? Beweisen Sie das. Wer sind die?" Peinliches Schweigen.
Colin Powell ist unzufrieden und missgelaunt. Einen ersten Redeentwurf haben ausgerechnet Cheneys Leute verfasst. Sie möchten immer noch, dass er das angebliche Treffen von Mohammed Atta mit einem irakischen Führungsoffizier in Prag zitiert. Das Treffen, das nie stattfand. Powell sichtet das Material, wirft die Blätter wütend in die Luft und sagt: "Ich werde diesen Scheißdreck nicht mehr lesen", wie später "US News & World Report" berichten wird.
Schließlich verfasst die CIA seine Rede, und Powell reicht sie weiter an seine Geheimdienstmitarbeiter im Außenministerium. Die sollen sie gegenlesen und auf Fakten prüfen. Beide Experten sind erschüttert, so berichtet ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter dem stern. Der Analyst für Bio- und Chemiewaffen ahnt, dass es Powell längst nicht mehr um die Wahrheit geht, und streicht nur noch die gröbsten Fehler heraus. Der Experte für Atomwaffen aber nimmt den Entwurf auseinander und korrigiert so lange, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Powell wird dies ignorieren.
Am 4. Februar reisen der Außenminister und seine Entourage nach New York, und am Abend übt Powell für den Ernstfall. Seine Mitarbeiter spielen Sicherheitsrat - mit entsprechenden Platzkärtchen. Alles soll perfekt sein. Jedes Wort muss sitzen. Es soll so sein wie 1962, als der damalige UN-Botschafter Adlai Stevenson die Welt mit Satellitenaufnahmen sowjetischer Atombasen auf Kuba schockte. Es soll Powells Stevenson-Moment werden.
"Es läuft das schmutzigste Spiel, das ich in meiner Karriere erlebt habe" Ein altgedienter UN-Diplomat